Korruptionsbekämpfung per KI?:Warum Albaniens virtuelle Ministerin mehr Schein als Sein ist
von Christian von Rechenberg, Wien
Albanien rühmt sich, die erste KI-Ministerin der Welt zu besitzen. "Diella" soll Korruption bekämpfen. Doch ihre Abteilung gerät selbst unter Verdacht. Ein Scheitern mit Ansage?
Albanien wies 2025 als erstes Land weltweit einer KI eine Regierungsrolle zu. Das Experiment sollte Korruption bei öffentlichen Aufträgen bekämpfen, verfehlt aber laut Experten die Erwartungen.
05.05.2026 | 2:12 minAls Albaniens Premierminister Edi Rama im September 2025 eine neue Ministerin vorstellte, staunte die Welt. Die sogenannte Ministerin für die Kontrolle des öffentlichen Beschaffungswesens hieß Diella - albanisch für Sonne. Sie trug traditionelle Tracht, sprach in vollendeten Sätzen und war kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz. Albanien, verkündete Rama, werde fortan mit dieser KI gegen Korruption kämpfen. Immerhin brauche die KI keinen Schlaf und sei ein vollkommen neutrales, unbestechliches Gegenüber.
Großes Versprechen, leere Hände
Besonders in der Pyramide, dem Treffpunkt der Tech-Szene in Albaniens Hauptstadt Tirana, war man stolz. Albanien als digitaler Vorreiter. Heute ist die Euphorie von einst längst verklungen.
IT-Experte Tomi Kallashi hat sich in einem der Open Workspaces mit seinem Laptop eingerichtet. Er beobachtet Diella vom ersten Tag an und wundert sich, dass man seit ihrer Einführung praktisch nichts mehr von ihr gehört hat. Vor allem nicht darüber, welche Daten Diella nutzt. Es gebe keine Transparenz darüber, wie diese KI trainiert wurde, "wie sie künftig trainiert werden soll und ob es überhaupt Pläne für die Zukunft gibt".
Von Chatbot zur Ministerin, ganz ohne jegliche politische Erfahrung. In Albanien sitzt jetzt eine KI im Kabinett. Während manche sie feiern, sagen andere: Das ist reines Marketing, um von Albaniens Problemen abzulenken. Ist Diella die Zukunft der Politik oder einfach nur ein digitaler PR-Stunt?
08.10.2025 | 10:30 minDenisa Kele, IT-Dozentin an der University of New York in Tirana, zweifelte schon damals an Diellas Nutzen als KI-Ministerin. Denn, was kaum jemand außerhalb Albaniens wusste: Diella war keine neue Schöpfung. Sie existierte bereits als Chatbot auf e-Albania, dem digitalen Behördenportal des Landes. Dort beantwortete sie Standardfragen. "Selbst ein Informatikstudent", sagt Kele, "könne so etwas bauen". Diese Art von Intelligenz könne in einem Ministerium gar nicht zum Einsatz kommen. Eher sei das Gegenteil der Fall.
Der gesamte Prozess der öffentlichen Beschaffungen ist nach wie vor derselbe. Er funktioniert weiterhin genauso wie vor der Einführung der KI-Ministerin.
Denisa Kele, IT-Dozentin
Skandal um die Schöpfer von Diella
Den besten Beleg dafür lieferte die Abteilung, in der Diella eingesetzt wird, selbst. Das sagt Investigativjournalist Besar Likmeta vom Balkan-Netzwerk BIRN: Rund drei Monate nach Diellas Einführung schlug die Staatsanwaltschaft in der Behörde AKSHI zu, zuständig für Albaniens Digitalisierung und für Diella. Chefin und Vize-Chefin stehen unter Hausarrest, gegen beteiligte Unternehmer laufen Ermittlungen wegen organisierter Kriminalität. "Gleichzeitig wurden die Agentur, die sie entwickelt hat, sowie ihre Schöpfer der Korruption beschuldigt und mit organisierter Kriminalität in Verbindung gebracht", so Likmeta. "Sie sollen Verträge in Höhe von Dutzenden Millionen Euro auf korrupte Weise erhalten haben."
Likmeta ist überzeugt, dass Rama das globale KI-Interesse gezielt nutzte, um Albanien ins Rampenlicht zu rücken - und gleichzeitig von strukturellen Korruptionsproblemen im Beschaffungswesen abzulenken - ohne sie zu lösen. Auf eine Bitte zur Stellungnahme antwortete die Regierung gegenüber dem ZDF bislang nicht.
IT-Dozentin Kele geht noch einen Schritt weiter: Wenn dieselben Personen, die Diella programmierten, wegen Korruption unter Verdacht stehen, "kann die KI-Ministerin zum gut getarnten Instrument für Missbrauch werden." KI, so Kele weiter, müsse sich zudem an höchste ethische Grundsätze halten.
Auch hier habe sich Albaniens Regierung bereits in ein schlechtes Licht gerückt: Die echte Diella, eine Schauspielerin, deren Gesicht als Vorlage für den Chatbot gestaltet wurde, habe für die Nutzung des Avatars als Ministerin niemals ihre Zustimmung erteilt. Die Schauspielerin hat geklagt, der Fall liegt zur Entscheidung bei Gericht.
In der albanischen Hauptstadt Tirana sind Proteste gegen die Regierung eskaliert. Es gab viele Verletzte. Hintergrund ist ein Korruptionsskandal.
11.02.2026 | 0:39 minMenschen zweifeln - aber die Idee lebt
Diella gilt als Flopp. Dabei wäre echter Nutzen für die Bürgerinnen und Bürger möglich, sagt KI-Experte Kallashi: Dazu bräuchte es aber öffentliche Datensätze und eine Blockchain, die Entscheidungen unveränderbar dokumentiert.
Doch dafür seien Albanien und seine Politiker noch nicht bereit, sagt eine junge Frau, die vor der Pyramide die Nachmittagssonne genießt: Diella sei eine Art PR gewesen, damit es so wirke, als würde sich Albanien mit KI und größeren Dingen beschäftigen.
Laut Kallashi und Kele sei die Idee einer KI in der Regierung nicht grundsätzlich gescheitert. Nur ihre bisherige Umsetzung. Was Albanien brauche, sei politischer Wille zur Dezentralisierung und echter Transparenz. Ob Rama diesen Willen allerdings aufbringt, daran haben Beobachter Zweifel.
Ob Versicherung, Bewerbung oder Diagnose: KI entscheidet oft mit. Wie genau, bleibt meist unklar. So können Sie den Einsatz erkennen und sich gegen ungerechte Bewertungen wehren.
30.04.2026 | 3:06 minWichtiger Hinweis in eigener Sache
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