25 Jahre Lebenspartnerschaft: "Kein Mensch zweiter Klasse"

Interview

Eingetragene Lebenspartnerschaft:"Ich bin kein Mensch zweiter Klasse"

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Reinhard Lüschow war Teil des ersten Paares mit eingetragener Lebenspartnerschaft in Deutschland. Was bleibt vom Kampf um Gleichstellung - und was steht heute auf dem Spiel?

Erstes Paar mit Eingetragener Lebenspartnerschaft vor dem Standesamt in Hannover, bei einem großen Empfang.

Vor 25 Jahren haben Reinhard Lüschow und Heinz-Friedrich Harre queere Geschichte geschrieben: Als bundesweit erstes schwules Paar besiegelten sie den eheähnlichen Bund.

01.08.2026 | 1:06 min

Er wollte das Recht haben, mit seinem Partner zum Standesamt zu gehen. Am 1. August 2001 wurden Reinhard Lüschow und Heinz Harre zum ersten Paar in Deutschland mit eingetragener Lebenspartnerschaft. Später wurde daraus eine Ehe - für seinen damals schwer kranken Mann ein entscheidender Schritt. Lüschow sieht heute Fortschritte, aber auch neue Gefahren.

ZDFheute: Wie begann Ihr Weg zur eingetragenen Lebenspartnerschaft?

Reinhard Lüschow: In Hannover bin ich über eine Gruppe gestolpert, die sich für die Ehe für Alle einsetzt. Anfangs dachte ich noch "so ein Blödsinn". Als dann meine 65-jährige Kollegin ihren 70-jährigen Partner geheiratet hat, wurde es mir klar. Sie machen das nicht für eine Familiengründung, sondern zur gegenseitigen Absicherung. Warum dürfen sie das, aber ich nicht? Ich bin kein Mensch zweiter Klasse. Dann habe ich angefangen für die Ehe für Alle zu kämpfen.

ZDFheute: Wie kam es, dass Sie am 1. August 2001 das erste Paar wurden?

Lüschow: Das war alles sehr kurzfristig. Es zeichnete sich ab, dass der 1. August 2001 der Stichtag wird. Da hatte ich gesagt: "Ich will den 1. August. Die Uhrzeit ist mir vollkommen egal. Es ist mir auch vollkommen egal, ob wir das erste Paar sind oder das letzte. Ich will den ersten Tag. Ich will keinen Tag länger warten."

Ich habe im Stillen noch damit gerechnet, dass in Köln, Berlin irgendwo irgendwelche Mitternachtstrauungen sein werden, waren aber nicht.

Reinhard Lüschow, LGBTQI-Aktivist

Mein Mann war mit meinem Temperament einverstanden. Also hatten wir um 9 Uhr den Termin auf dem Amt. Als dann der Oberbürgermeister dazukommen wollte, wurde der Termin vorgezogen und das erregte die Aufmerksamkeit der Presse.

Erstes Paar mit Eingetragener Lebenspartnerschaft vor dem Standesamt in Hannover, bei einem großen Empfang.

Heinz-Friedrich Harre und Reinhard Lüschow 2001 in Hannover


ZDFheute: Wo erleben Sie trotz Ehe für Alle noch Diskriminierung?

Lüschow: Rechtlich sind wir ziemlich gleichgestellt. Es gibt aber hier und da noch Kleinigkeiten, über die ich im Alltag stolpere. Das beginnt schon bei Befragungen, Formularen und so weiter. Da heißt es oft: Geschlecht, männlich, weiblich. Ich sage, "Hallo, es gibt noch mehr als männlich und weiblich."

Die englische Abkürzung LGBTQIA+ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans, queere, intergeschlechtliche sowie asexuelle Menschen. Das Pluszeichen sowie das Sternchen sind Platzhalter für weitere Identitäten und Geschlechter. Die Regenbogen-Flagge ist eines der Community-Symbole.


Oder es ist gibt nur die Optionen ledig, verheiratet, verwitwet. Es gibt aber auch noch eingetragene Partnerschaften und die sollten auch gesehen werden. Vielen ist gar nicht bewusst, dass das wehtut, diese Ignoranz. Das sind so die Kleinigkeiten, die kleinen Nadelstiche, die ärgern mich immer wieder.

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ZDFheute: Welche politischen Aufgaben sehen Sie bei der Gleichstellung noch?

Lüschow: Ganz klar das Adoptionsrecht. Ein Kind, das in eine Ehe von Mann und Frau geboren wird, ist automatisch ehelich. Ein Kind, das in eine gleichgeschlechtliche Ehe geboren wird, muss nach einem Jahr vom Co-Elternteil im Rahmen einer Stiefkindannahme adoptiert werden. Warum diese Ungleichbehandlung? Ich finde es schlimm und ungerecht und da setze ich mich auch nach wie vor für ein.




ZDFheute: Wovor sorgen Sie sich mit Blick auf die Zukunft?

Lüschow: Ich habe Angst davor, dass das progressive Pendel zurückschlägt. Dass wir uns irgendwann wieder verstecken müssen. Dass vielleicht irgendeine Partei an die Regierung kommt, die sagt: "Ja, wir im Vorstand dürfen das, aber alle anderen kommen ins KZ."

Dass die 30er-Jahre wiederkommen, davor habe ich Angst.

Reinhard Lüschow, LGBTQI-Aktivist

Das raubt mir aktuell nicht den Schlaf, aber so etwas soll nicht nochmal passieren.

ZDFheute: Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung?

Lüschow: Die vielen Menschen, die ich kennengelernt habe und die ich immer wieder treffe. Die Menschen, die wirklich mittlerweile sagen, "mir doch egal mit wem du ins Bett gehst". Und die das aus Überzeugung sagen. Dass man es einfach annimmt und akzeptiert. Das macht mir Hoffnung, dass es ganz viele Menschen gibt, die so denken.

Das Interview führte Valerie Albert, Reporterin im ZDF-Landesstudio Niedersachsen.

Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Reinhard Lüschow wollte "keinen Tag länger warten"" am 01.08.2026 um 10:09 Uhr.

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