Nachhaltige Bestattungen:Urne aus Pilzen: Revolution auf dem Friedhof?
von Emma Klattenhoff, Kiel
Sie wächst in wenigen Tagen, zersetzt sich in Wochen und kostet weniger: Wie eine Bio-Urne aus Pilzen den Abschied neu definieren soll.
Pilze können mehr als nur gut schmecken. Sie sind auch anderweitig nutzbar, unter anderem für – Urnen. Das geht schnell, ist günstig und außerdem nachhaltig. Diese Idee wurde nun ausgezeichnet.
25.11.2025 | 1:59 minIm Ofen geschmort, etwas Salz und ein paar Tropfen Öl: Die meisten Menschen kennen Pilze vor allem aus der Küche. Für Robert Schwartz hingegen sind Pilze weit mehr als ein Lebensmittel. Er züchtet sie - zu Urnen.
Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen des Start-ups "formorgen" hat er eine Bio-Urne entwickelt, die eine ökologische Alternative zu herkömmlichen Bestattungsformen bietet.
Dieses nachhaltige Arbeiten, nachhaltige Wirtschaften, vielleicht auch neue Wege gehen - das ist uns allen tatsächlich eine Herzensangelegenheit.
Robert Schwartz, Start-up formorgen
Urnen aus Pilzen: Revolution auf dem Friedhof?
Ausgerechnet der Reishi-Pilz, auch "Pilz des ewigen Lebens" genannt, sorgt derzeit auf einigen Friedhöfen für eine kleine Ökorevolution. In Asien gilt der chinesische Pilz seit Jahrhunderten als Heilmittel und wird zum Beispiel gegen Bluthochdruck, Asthma oder Schlaflosigkeit eingesetzt.
Eine Beerdigung ist ein trauriger Anlass – dennoch ist die Planung der Trauerfeier wichtig zum Gedenken für die Angehörigen. Bestatterin Juliane Frankenheim erklärt, auf was man achten sollte.
21.11.2025 | 6:03 minFür die Pilz-Urne nutzt Robert Schwartz jedoch nicht die Heilkräfte des Pilzes, sondern lediglich sein Myzel - das schnell wachsende Wurzelgeflecht. Es ist formbar, weich und dennoch stabil. Innerhalb weniger Tage wächst es im Labor zu einer kompletten Urne heran.
Wie der Pilz zur Urne wächst
Für das Wachstum braucht der Pilz nicht viel, erklärt Schwartz. 20 Grad Raumtemperatur, fast so wie wir Menschen. "Der Pilz mag es vielleicht noch ein bisschen feuchter als wir."
Wenn Muslime beerdigt werden, sind bestimmte Regeln und Formen zu beachten. Und die müssen auch mit deutschen Vorschriften in Einklang gebracht werden. Weil das nicht so einfach ist, ist der Platz auf deutschen Friedhöfen knapp.
21.06.2024 | 2:04 minUm daraus eine Urne zu formen, wird das gezüchtete Myzel mit einem Substrat vermischt und anschließend in eine speziell entwickelte Form gegeben. Dort durchwächst der Pilz das gesamte Material, wie ein lebender Kleber. Sobald die Struktur stabil ist, wird die Urne getrocknet - und ist damit bereit für den Einsatz.
Die Annahme, dass Pilze keine Nährstoffe enthalten, ist falsch. Zwar bestehen sie zu drei Vierteln aus Wasser, aber sie sind nicht nährstoffarm. Tatsächlich enthalten Pilze Kalzium, Magnesium, Mangan und B-Vitamine - und sogar Vitamin D, das wir Menschen sonst nur durch das Sonnenlicht aufnehmen, steckt in Pilzen.
Brennnesseln meiden, Buchen suchen - behauptet der Volksmund. Was ist dran? Wer im Wald nach Pilzen sucht, sollte tatsächlich nach Bäumen Ausschau halten. So wachsen Pilze selten in der Nähe von Brombeersträuchern, Brennnesseln und Springkraut. Buchen, Moose oder Nadelbäume dagegen können Hinweise auf Pfifferlinge, Steinpilze und Co. sein.
Tatsächlich ist das, was wir als "Pilz" bezeichnen, nur der Fruchtkörper, wie bei einem Birnbaum die Birne. Der eigentliche Pilz ist ein Wurzelsystem und heißt "Myzel". Das Myzel ist die Gesamtheit der fadenförmigen Zellen des Pilzes und kann sich als Geflecht im Boden über viele Quadratmeter erstrecken.
Wie schnell Pilz-Urnen verotten
Bestatter Jörg Vieweg aus Kiel sieht in der Pilz-Urne eine Ergänzung zur bisherigen Bestattungspraxis. Während herkömmliche Urnen und Särge bis zu 15 Jahre benötigen, um vollständig zu verrotten, beginnt der Pilz im Boden sofort zu arbeiten. Die Urne zersetzt sich so innerhalb weniger Wochen und ist mit 250 Euro auch noch viel günstiger.
Immer mehr junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung im Bestattungswesen. Der demografische Wandel sorgt für wachsenden Bedarf – und verändert das Berufsbild.
31.10.2025 | 1:29 minNoch ist sie ein Nischenprodukt, doch Vieweg beobachtet eine wachsende Nachfrage:
Es geht gar nicht darum, dass wir jetzt 800.000 Urnen als Pilz-Urnen an den Mann bringen, sondern es geht darum, dass wir ein Angebot schaffen und eine Möglichkeit für Menschen, für die das ein Thema ist.
Jörg Vieweg, Bestatter
Die Frage, wie man bestattet werden möchte, betrifft uns alle. In Rheinland-Pfalz sind künftig neue Bestattungsformen möglich.
11.09.2025 | 1:40 minPilze – das Baumaterial von morgen?
Myzel findet nicht nur im Bestattungsbereich Anwendung. In der Baubranche werden inzwischen Pilzplatten, Paneele oder Dämmmaterialien hergestellt, die herkömmliche Baustoffe ersetzen können.
Die Vorteile: Myzelprodukte sind umweltfreundlich, benötigen kaum Energie in der Herstellung und können sogar CO₂ binden.
Adrian Kuschke liebt das Surfen – aber nicht den Plastikmüll, den der Sport hinterlässt. Deshalb baut er Boards aus Agavenholz: biologisch abbaubar und fair produziert.
31.07.2025 | 3:29 minNachhaltigkeit, die weiterlebt
Genau das fasziniert Robert Schwartz an der Arbeit mit Pilzen. Das nachhaltige Arbeiten und Entdecken treibe ihn an, erzhält er. "Nicht immer nach Schema F und alles das Gleiche. Sondern mal schauen, was die Natur noch so in petto hat.“
Die Urne trägt dieses Prinzip in sich. Wird sie in die Erde gesetzt, erwacht das getrocknete Myzel wieder zum Leben.
Das ist die Story vom Pilz, der Zersetzer in der Natur, der Totes für Lebendiges verfügbar macht.
Robert Schwartz, Start-up formorgen
Die Pilz-Urne - eine Option für alle, die es nachhaltig mögen. Über den Tod hinaus.
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