Prozessbeginn in Saarbrücken:Völklingen: Angeklagter gesteht tödliche Schüsse
von Claudia Oberst
Ein halbes Jahr nachdem in Völklingen ein Polizist erschossen wurde, ist die Trauer in der Stadt noch immer groß. Beim Prozessauftakt hat der Angeklagte selbst gesprochen.
Nach den tödlichen Schüssen auf einen Polizisten in Völklingen startet heute der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter. Der Beamte war im August nach einem Tankstellenüberfall erschossen worden.
11.02.2026 | 2:57 minStephan Tautz, der Oberbürgermeister von Völklingen, zeigt an der Außenwand des Hallenbads auf zwei Löcher in der Fassade - es sind Einschusslöcher. "Das sind sichtbare Wunden", sagt Tautz. "Es waren ja nicht nur diese Einschüsse, es waren ja auch Einschüsse im gegenüberliegenden Gebäude."
Sogar bei uns im Rathaus waren Einschüsse. Es sind wirklich Wunden. Der ganze Platz hier ist eigentlich eine Wunde für Völklingen.
Stephan Tautz, Oberbürgermeister Völklingen
Nach den tödlichen Schüssen auf einen Polizisten in Völklingen im August 2025 beginnt am Landgericht Saarbrücken der Prozess. Angeklagt ist ein 19-Jähriger.
10.02.2026 | 1:09 minPolizist stirbt bei Schusswechsel
Eine Wunde, die seit letztem Sommer im Herzen der Stadt klafft. Am 21. August 2025 überfällt ein damals 18-Jähriger eine Tankstelle. Er flieht vor der Polizei, Schüsse fallen, ein Polizeioberkommissar stirbt.
Was genau passiert ist, soll jetzt der Prozess vor der Jugendkammer des Landgerichts Saarbrücken zeigen. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten Mord und versuchten Mord vor. Laut Anklage hat der heute 19-Jährige die Dienstwaffe eines Polizeianwärters, der gemeinsam mit dem Oberkommissar die Verfolgung aufgenommen hatte, im Zuge eines Gerangels an sich gebracht und auf beide Polizisten geschossen.
Weil der Angeklagte auf den Polizeioberkommissar geschossen haben soll, als dieser bereits am Boden lag, wirft die Staatsanwaltschaft ihm Mordlust und Grausamkeit vor.
Da der Angeklagte mit absolutem Vernichtungswillen und nur um ein Menschenleben auszulöschen und nicht mehr um seine Flucht zu ermöglichen, auf die Beamten geschossen haben soll.
Dr. Sebastian Abel, Gerichtssprecher am Landgericht Saarbrücken
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten außerdem vor, dass er mit den Schüssen auf die Polizisten den Überfall auf die Tankstelle verdecken wollte.
In Völklingen hat ein 18-Jähriger einen Polizisten mutmaßlich mit einer Dienstwaffe der Polizei erschossen. Ob die Polizei besser geschützt werden kann, erklärt Kriminologe Baier.
23.08.2025 | 10:13 minDer Angeklagte ergreift das Wort
Zum Prozessauftakt gesteht der Angeklagte über seinen Verteidiger, auf die Beamten geschossen zu haben. Er selbst spricht nicht über die Tat, aber über sein Leben. Mit gesenktem Blick und leiser Stimme berichtet Ahmet G., dass er bei seinen Eltern wohnte, nur wenige Freunde und nur selten Kontakt mit ihnen hatte. Er habe öfters das Gefühl gehabt, dass Mitschüler über ihn tuschelten, so der 19-Jährige. Er fühlte sich beobachtet, wenn er allein Basketball spielte.
Ahmet G. war in psychologischer Behandlung, nahm Medikamente. Sein Verteidiger spricht von einer "Sozialstörung". In den Monaten vor der Tat habe sich die Situation noch verschlimmert. "Er ist nicht der brutale Killer, sondern vermutlich ein sehr kranker junger Mann", so Michael Rehberger. "Es gibt Hinweise auf Schizophrenie, es gibt Hinweise auf eine kombinierte Persönlichkeitsstörung, Angststörungen."
Die Verteidigung will darlegen, dass es eine verminderte Schuldfähigkeit gegeben hat und dadurch das Strafmaß reduziert wird. Nach dem Prozessauftakt am 11. Februar sind zehn weitere Verhandlungstage bis zum 14. April geplant.
Im Saarland nahmen die Angehörigen Abschied von dem in Völklingen getöteten Polizisten. Nach einem Gottesdienst in Saarlouis wurde der Sarg zum Friedhof begleitet.
30.08.2025 | 0:22 minPolizisten stellen sich Sinnfrage
Bei dem Prozess tritt die Witwe des getöteten Polizisten als Nebenklägerin auf. Im Sitzungssaal sitzt sie dem Angeklagten direkt gegenüber, hat immer wieder Tränen in den Augen. Auch der Polizeianwärter und weitere Polizisten, die in Völklingen vor Ort waren, werden aussagen. Auf ihnen laste ein großer Druck, sagt Andreas Rinnert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Saarland.
Der 21. August 2025 sei eine Zäsur für die saarländische Polizei, sagt Rinnert. Viele Kolleginnen und Kollegen hätten den getöteten Oberkommissar persönlich gekannt, sich nach seinem Tod die Frage nach dem Sinn ihrer Arbeit gestellt, sich gefragt, ob sie ihren Beruf überhaupt noch ausüben wollen oder können.
"Viele Kolleginnen, aber auch Kollegen haben geschildert 'Ich bin nach Hause gekommen. Mein Partner, meine Partnerin hat gesagt: Ich habe mitbekommen, was da passiert ist. Verändere dich, mach irgendwas anderes'", erzählt Rinnert.
'Verändere dich, geh raus aus diesem gefährlichen Segment des Wach- und Streifendienstes, der Schutzpolizei'.
Andreas Rinnert, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP)
Als Vertreter des Rechtsstaates hoffe die Polizei, dass das Gericht die maximal mögliche Strafe gegen den Angeklagten verhängt.
Nach einem Raubüberfall auf eine Tankstelle im saarländischen Völklingen ist ein Polizist durch Schüsse getötet worden. Susanne Freitag zu den Geschehnissen.
22.08.2025 | 2:08 minVölklingen plant Gedenkort für getöteten Polizisten
Auch in Völklingen werden sie den Prozess genau verfolgen. Stephan Tautz glaubt nicht, dass der Urteilsspruch so etwas wie Heilung bringen kann. Die Wunde werde immer in der Stadt klaffen, so der Oberbürgermeister.
Sie wollen einen Gedenkort schaffen für ihn. Einen Platz oder eine Straße nach ihm benennen, sagt Tautz. Der Ortsrat wird darüber entscheiden, schließlich sei Simon Bohr Teil der Stadt gewesen. Ein Teil, der jetzt fehlt.
Claudia Oberst berichtet aus dem ZDF-Studio in Saarbrücken.
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