“Situation kann man nicht ausradieren”:Riedlingen: Wie Retter das Zugunglück verarbeiten
von Jasmin Astaki-Bardeh
Vor einem Jahr entgleiste der Regionalexpress 3227 im baden-württembergischen Riedlingen. Drei Menschen starben, 36 wurden verletzt, teils schwer. Wie Helfer das Unglück erlebten.
Am 27. Juli 2025 entgleiste ein Regionalexpress im baden-württembergischen Riedlingen. Drei Menschen starben. Laut offiziellem Bericht war ein Hangrutsch die Ursache des Unglücks.
27.07.2026 | 0:44 minFür die Betroffenen, die Einsatzkräfte und die Stadt beginnt nach dem Zugunglück in Riedlingen ein Jahr der Aufarbeitung. Auch heute sind die Erinnerungen noch präsent. Stefan Kuc ist Brandmeister bei der Feuerwehr Riedlingen. Der Jahrestag zum Unglück spült die Erinnerungen wieder hoch.
Wenn ein Zug auf der Bahnstrecke entlangfährt, dann ploppt das alles wieder in einem auf. So eine Situation kann man nicht ausradieren.
Stefan Kuc, Brandmeister
Nach Zugentgleisung: Chaotische Zustände an Unglückstelle
An den 27. Juli 2025 kann er sich noch gut erinnern: Es regnete tagsüber sehr stark, deswegen war er mit seiner Truppe im Einsatz. Als sie zu dem Unglück gerufen wurden, ahnte noch niemand welche Schreckensbilder sie erwarten würden.
Umgestürzte Bäume. Ineinander verkeilte Waggons. Menschen, die nach Hilfe riefen. Dazu Dauerregen. Für Kuc stand zunächst eine Frage im Mittelpunkt: Wie lässt sich in dieser chaotischen Situation schnell ein Überblick gewinnen?
Für uns als Feuerwehr war das ungewohnt: Bei einem Massenanfall von Verletzten mussten wir auch Schwerverletzte betreuen. Das ist eigentlich nicht Teil unserer Ausbildung.
Stefan Kuc, Brandmeister
Die Zugentgleisung mit drei Toten im Südosten Baden-Württembergs ist laut Polizei wohl durch einen Erdrutsch verursacht worden. Mindestens 41 Menschen wurden verletzt.
28.07.2025 | 1:38 minFeuerwehr in Riedlingen bis vier Uhr morgens im Einsatz
Der Einsatz zog sich über Stunden. Nach anderthalb war das Dringlichste geschafft: Alle Menschen waren aus den Zügen befreit worden. Bis vier Uhr morgens war die Feuerwehr jedoch noch im Einsatz, um auszuschließen, ob sich nicht doch noch ein Mensch unter den Zugteilen befand.
Als man dann zur Ruhe kam, fiel die Last des Einsatzes ab, aber ein beklemmendes Gefühl blieb.
Stefan Kuc
Die psychosoziale Notfallstelle war damals im Ort, viele Hilfsorganisationen schnell zur Stelle, um mit Menschen zu sprechen: Fahrgäste und -personal, Angehörige, aber auch Einsatzkräfte.
Der Anblick von Verletzten oder Verstorbenen, die ganze Situation kann überfordern. Wo sich dann das Gedankenkarussell ewig dreht: was hätte man anders machen können oder müssen?
Stefan Kuc, Brandmeister
In Baden-Württemberg ist ein Zug nach einem Erdrutsch entgleist. Wie das Schienennetz der Bahn besser geschützt werden kann, erklärt Prof. Lukas Iffländer bei ZDFheute live.
28.07.2025 | 22:35 minEisenbahnunfalluntersuchung: Hangrutsch als Ursache
Während Betroffene das Erlebte verarbeiten mussten, liefen parallel die Ermittlungen zur Unfallursache. Schon schnell nach dem Unglück wurde vermutet, dass ein Hangrutsch die Ursache war. Am Mittwoch hat die Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung den Abschlussbericht zur Unfallanalyse vorgestellt:
Der Zug sei mit einer "in den Gleisbereich niedergegangenen Hangmure, die durch ein Starkregenereignis ausgelöst wurde" kollidiert.
Die Staatsanwaltschaft in Ravensburg hatte ein "Todesermittlungsverfahren" eingeleitet. Das sei bei nicht natürlichen Todesursachen üblich. Nun warte man noch auf das geologische Gutachten. Das soll abschließend klären, ob der Hangrutsch vorhersehbar war und ob die Strecke ausreichend gesichert war.
Nach einem Zugunglück in Baden-Württemberg ist mit einem Gottesdienst der Opfer gedacht worden. Bei Riedlingen war ein Regionalexpress entgleist. Drei Menschen starben.
01.08.2025 | 0:19 minBürgermeister: Stadtgemeinschaft hat dazugelernt
In Riedlingen versucht Bürgermeister Marcus Schafft (CDU), den Blick nach vorne zu richten. Die Stadtgemeinschaft habe im vergangenen Jahr viel dazugelernt: wie man mit solchen Unglücksmomenten umgeht, was Resilienz bedeutet und wie das Geschehene aktiv aufgearbeitet werden kann. Es habe Kameradschaftsabende gegeben, bei denen man zusammen gegessen und über das Erlebte gesprochen habe. Auch professionelle Hilfe sei breit angeboten worden. Schafft selbst hat ebenfalls dazugelernt:
Dass es einfach Zeit braucht, dass Menschen solche Dinge für sich einordnen können. Bei so etwas kann man keine Geschwindigkeit vorgeben.
Marcus Schafft (CDU), Bürgermeister Riedlingen
Stefan Kuc und sein Team wissen das nur zu genau:
Man kann es nicht vergessen, aber man muss einen Weg finden, damit umzugehen. Es war ein schreckliches Ereignis, aber wir haben versucht, aus der widrigen Situation das Beste zu machen.
Stefan Kuc, Brandmeister
Er ist dankbar, dass Anlieger und im Dorf alle zusammengearbeitet haben. Viele Anwohner hätten sich sogar freigenommen, um die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Am Ende hätte auch dieser Zusammenhalt geholfen, einen Umgang mit den belastenden Erinnerungen zu finden.
Jasmin Astaki-Bardeh berichtet aus dem ZDF-Studio in Baden-Württemberg.
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