Reemtsma-Entführung: Rückblick auf das spektakuläre Verbrechen

Kriminalfall vor 30 Jahren:33 Tage Geiselhaft: Die Reemtsma-Entführung 1996

Britta Hilpert

von Britta Hilpert, Hamburg

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Es war einer der aufsehenerregendsten Entführungsfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Er veränderte die Polizeiarbeit und den Umgang mit Opfer-Familien.

Der deutsche Literatur- und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma sitzt vor einem Bücherregal.

Die Entführung von Jan Philipp Reemtsma gilt als einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte.

25.03.2026 | 9:01 min

25. März 1996 im Garten der Villa von Jan Philipp Reemtsma: eine Handgranate, darunter ein Erpresserschreiben und keine Spur von Jan Philipp Reemtsma. Der scheue Millionen-Erbe war von Unbekannten gekidnappt worden. Das Schreiben war deutlich, so erzählt es Dieter Langendörfer, später Leiter der SOKO Reemtsma: "Erstens: keine Polizei!" Die Lösegeldforderung lag bei 20 Millionen Mark. In dem Schreiben wurde der Familie gedroht:

Wenn die Familie diese Forderung nicht erfüllt, wird der Jan Philipp Reemtsma getötet.

Dieter Langendörfer, Leiter der SOKO Reemtsma

33 Tage wurde Jan Philipp Reemtsma in einem Keller gefangen gehalten. Er fühlte sich aus der Welt gefallen, aus dem Leben geschlagen, wie er später schrieb. Auch für die Familie und die Ermittler war es eine belastende Zeit, denn eine Entführung gehört zu den am schwersten aufzuklärenden Delikten überhaupt.

Jan Philipp Reemtsma sitzt auf einem Stuhl und hält die Ausgabe der Bild-Zeitung vom 26. März 1996 in die Kamera.

Jan Philipp Reemtsma mit einer Ausgabe der Bild-Zeitung vom 26. März 1996. Das Foto wurde den Angehörigen als Lebensbeweis übermittelt.

Quelle: dpa

Geldübergabe mit Hindernissen

Es dauerte auch deshalb so lange, weil die Täter sehr vorsichtig waren: Es wurde über verschlüsselte Kleinanzeigen kommuniziert. Als nach einigen Tagen endlich ein Foto und eine Nachricht auf Band eintraf, war die Stimme stark verzerrt. Sie war kaum zu verstehen. Die Ehefrau war bereit zu zahlen, die Polizei sollte sich im Hintergrund halten. Aber obwohl sie und ihr Anwalt alle Anweisungen befolgten, scheiterte die Lösegeldübergabe zweimal.

Todesangst um Reemtsma

Der Kontakt zu den Entführern schien abgebrochen, so erzählt es Langendörfer. Psychologen meinten, die Todeswahrscheinlichkeit läge bei weit über 90 Prozent.

Wir standen wirklich unter Druck: Wenn wir jetzt große Fehler machen, dann kann es passieren, dass das Opfer getötet wird.

Dieter Langendörfer, Leiter der SOKO Reemtsma

Portrait einer Frau - lächelt in die Kamera, Bild technisch bearbeitet mit übersättigten Farben in blau und rot, im Hintergrund ist schemenhaft ein Körper zu erkennen, der am Boden liegt.

Auch sie wurde entführt: ZDF-Rechtsexpertin Sarah Tacke trifft in Österreich Nathalie Schöffmann. Fast acht Stunden hat die Radsportlerin 2019 in der Gewalt eines Kidnappers verbracht.

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Die dritte Lösegeldforderung: 30 Millionen Mark. Die Ehefrau wollte unmarkierte Scheine durch Privatpersonen übergeben lassen. Für Ermittler Langendörfer ein Schock, denn damit war er zunächst auf Abstand gehalten:

Wenn es eine Entführung gibt, ist es eine Straftat und die Polizei hat die Pflicht, nach der Strafprozessordnung das aufzuklären.

Dieter Langendörfer, Leiter der SOKO Reemtsma

Das pralle natürlich mit dem Interesse der Familien aufeinander, die oft zahlen und möglichst schnell das Opfer befreien wollen, so Langendörfer. Dieser Fall war der Polizei dazu eine Lehre. Die dritte Geldübergabe gelang.

Reemtsma nach 33 Tagen wieder frei

Jan Philipp Reemtsma wird in der Nacht zum 27. April 1996 nach 33 Tagen Gefangenschaft freigelassen. Für die Ermittler begann nun erst die Arbeit: Täter und Geld finden.

Entscheidende Hinweise kamen vom Opfer selbst. Er beschrieb sein Verlies minutiös. Die Spur führte zu einem Haus in Garlstedt bei Bremen. Zwei der Täter hatten es unter ihrem echten Namen angemietet - einer der wenigen Fehler der professionell geplanten Tat.

Portrait einer jungen Frau - seitliche Profilaufnahme, Frau lächelt. Bild technisch bearbeitet mit übersättigten Farben in blau und rot, im Hintergrund ist schemenhaft ein Körper zu erkennen, der am Boden liegt.

Die 17-jährige Anneli kehrt von ihrer abendlichen Runde mit dem Familienhund nicht mehr heim. Sarah Tacke rekonstruiert den Fall, der mit dem Tod des Mädchens endet.

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Fahndung nach Thomas Drach

Die beiden wurden auch deshalb schnell gefasst und zu hohen Haftstrafen verurteilt, weil sie auffällig viel Geld ausgaben. Der Kopf der Entführung, Thomas Drach, blieb jedoch zunächst auf der Flucht. Erst zwei Jahre später wurde er mithilfe von Zeugen und DNA-Spuren identifiziert. Er konnte schließlich in Argentinien festgenommen werden. Es war einer der seltenen Anlässe für Reemtsma, sich zu seiner Entführung zu äußern:

Es zeigt, dass man kaum Chancen hat, mit einem solchen Verbrechen davonzukommen.

Jan Philipp Reemtsma, Entführungsopfer

Drach wurde zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung wurde er wieder kriminell und sitzt heute wieder in Haft.

Jan Philipp Reemtsma selbst lebt heute noch zurückgezogener als früher in Hamburg. Von den 30 Millionen Mark Lösegeld ist bis heute nur ein kleiner Teil wieder aufgetaucht.

Britta Hilpert ist Studioleiterin des ZDF-Studios Hamburg.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "hallo deutschland" in dem Beitrag "Vor 30 Jahren wurde Jan Philipp Reemtsma entführt" am 25.03.26 um 15:55 Uhr.

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