Wolf Biermann wird 90: Leben zwischen Widerspruch und Freiheit

Liedermacher wird 90:Wolf Biermann: Ein Leben zwischen Widerspruch und Freiheit

von Britta Hilpert

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Mit 16 ging er freiwillig in die DDR - die bürgerte ihn wieder aus. Zu unbequem. Nun wird Liedermacher Wolf Biermann 90 Jahre alt. Unbequem blieb er.

Lyriker und Liedermacher Wolf Biermann bei der NRW-Premiere von BIERMANN (Dokumentarfilm, D 2026) im Rahmen des Film Festival Cologne (FFCGN) im Filmpalast.

Ab dem 29.10. läuft die Doku "Biermann" über den deutschen Liedermacher Wolf Biermann im Kino. Seine Ausbürgerung 1976 könne man als „Anfang vom Ende“ der DDR sehen, so Biermann.

26.10.2026 | 2:48 min

Er muss ein wenig lächeln, wie er da auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter steht. Und doch weiß Wolf Biermann: Es gehört dazu. Er steht immer gern im Mittelpunkt, aber er hat eben auch was zu sagen.

In einer neuen Dokumentation "Biermann - warte nicht auf bessre Zeiten", die Ende Oktober zu seinem 90. Geburtstag in die Kinos kommt, erzählt der Liedermacher vor allem selbst sein Leben. Das ist die Kraft dieses Films.

Das Leitmotiv dabei: der Widerspruch. "Die Zuschauer sollen sagen: 'Ja, ich bin auch so wie der Biermann'. Oder: 'Ich bin eben NICHT so wie der Biermann'. Wenn ich das liefere, wenn man sich am Beispiel Biermann orientieren kann, nicht nur im Sinne der Zustimmung, auch im Sinne des Widerspruchs, dann kann ein Film sehr nützlich sein."

Biermann und die Opposition in der DDR

Aus dem Archiv: Der Liedermacher Wolf Biermann wird bei einer Konzertreise in den Westen 1976 von der SED ausgebürgert.

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Zu Biermann gibt es derzeit eine Art kulturellen Streubombenabwurf: Neben dem Film gibt es zum Geburtstag Konzerte, ein Kinderbuch und veröffentlichte Tagebücher. Und bei jeder Gelegenheit sitzt Biermann auf der Bühne und erzählt von seinem Leben und Überleben in zwei Diktaturen.

Vom Kommunisten zum Kritiker der DDR

Sein Vater, Kommunist und Jude, wurde in Auschwitz ermordet - mehr als 30 weitere Familienmitglieder wurden in der NS-Zeit umgebracht.

Ich sorge dafür, dass das Gedächtnis an den Mord an meiner Familie nicht verloren geht.

Wolf Biermann

Diese Familiengeschichte habe ihn geprägt: Er hat einen klaren Kompass gegen Unmenschlichkeit mitbekommen.

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Mit 16 Jahren ging Biermann freiwillig in die DDR, um das "bessere" Deutschland, um den Sozialismus aufzubauen. Dazu gehörte seiner Ansicht nach auch Kritik - doch das machte ihn zum erklärten Gegner des SED-Regimes.

Seine Lieder prangerten politische Erstarrung, die Mauer und Unterdrückung an. Die Stasi überwachte ihn, elf Jahre lang durfte er nicht auftreten und nichts publizieren. Trotzdem spielte Biermann seine Lieder für Besucher in seiner Wohnung und wurde gerade durch das Verbot immer bekannter.

Das Kölner Konzert und die Ausbürgerung

1976 durfte Biermann überraschend zu einer Konzertreise in den Westen reisen. Sein Auftakt am 13. November in Köln wurde legendär. Anne und Walther Hoff besuchten damals das Konzert, zu seinem jüngsten Auftritt in Köln brachten sie sogar die Tickets von damals mit: "Dass er auftreten durfte, das war eine Sensation", sagt Walther Hoff.

Biermann ist für mich der Fisch, der gegen den Strom schwimmt. Der sich breit macht und auch mal seine Stimme erhebt und auch mal was zu Missständen sagt.

Anne Hoff, Konzertbesucherin

Wolf Biermann. Er blickt zur Seite und hält seine Gitarre.

Wolf Biermann im Jahr 1976

Quelle: ZDF/Roger Melis

Das wollte die DDR nicht mehr hören. Kurz nach dem Köln-Konzert 1976 verweigerte sie ihm die Wiedereinreise. Die Ausbürgerung löste Proteste vieler Künstler und Intellektueller aus und wurde zu einem Einschnitt in der Kulturgeschichte der DDR.

Für Biermann war es die größte Strafe, seine Lieder nicht für die Hörer singen zu dürfen, für die sie gedacht waren. Nach dem Fall der Mauer fuhr er natürlich sofort wieder in die DDR - und blieb unbequem. In Erfurt, im Januar 1990, schrie er denjenigen entgegen, die aufgewühlt gegen die Stasi protestierten: "Ihr redet hier mit Schaum vorm Mund! Ihr seid Feiglinge, ihr seid Kriecher, jahrelang gewesen, die meisten von euch!", schrie er. "Auf der Straße habt ihr den Schwanz eingekniffen."

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Wolf Biermanns Botschaft für die Gegenwart

Biermann war auch im West-Exil noch lange überzeugter Kommunist und mischte sich auch nach der Wiedervereinigung immer wieder "in die eigenen Angelegenheiten ein", wie er sagt. Er kritisiert "Sahra Putinknecht", die SED-Nachfolge-Partei, die AfD. Er sagt sich aber vom Kommunismus los, denn "dieses Paradies, in dem der Löwe Gras frisst, führt geradewegs in die Hölle". Millionen Morde wurden auch im Namen dieser Diktatur des Proletariats begangen.

Andererseits: "Wenn mich diese Schweinehunde nicht so unterdrückt hätten, hätte ich mich nicht gewehrt. Insofern kann ich mit ironischem Grinsen sagen: Ich verdanke es der Partei, die mich verboten hat, dass ich ein Dichter geworden bin." Einer, der auch mit 90 noch dichtet, komponiert und singt. Denn:

Dieses Auf und Ab im Kampf um die Menschlichkeit, um die Freiheit - das wird immer so bleiben, solange es die Menschheit gibt.

Wolf Biermann

Über dieses Thema berichtete unter anderem das heute journal am 26.10.2026 ab 21:45 Uhr.

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