Unfall am New Yorker Flughafen LaGuardia:Warnungen vor überlasteten Lotsen blieben offenbar folgenlos
von Tobias Bluhm
Nach dem Flugzeugunglück am US-Flughafen LaGuardia laufen die Ermittlungen. Ein Experte sagt: Bei Unfällen gibt es häufig mehr als eine Ursache. Welche Theorien werden diskutiert?
Am Flughafen LaGuardia kollidiert ein Flugzeug nach der Landung mit einem Fahrzeug. Pilot und Co-Pilot kommen ums Leben, mehrere der 72 Passagiere werden verletzt. Die Ursache ist noch unklar.
23.03.2026 | 0:29 minWar der Flugzeugunfall in New York das Ergebnis von Überlastung eines Fluglotsen? Zwar laufen die Untersuchungen in den USA erst an. Erste Hinweise deuten jedoch schon jetzt in Richtung einer ungewöhnlich hohen Arbeitslast in den Minuten vor dem Crash.
Online abrufbare Funkmitschnitte zeigen, wie der Lotse zeitgleich Flieger am Boden und im An-/Abflug koordinierte. Dafür musste er mehrere Funkfrequenzen zeitgleich überwachen. Ein zweiter Kollege kümmerte sich um Flugplan-Freigaben, wie die Vorsitzende des US-Verkehrssicherheitsrats, der den Unfall aufarbeitet, erklärte:
Es gab zwei Personen im Tower. Die zweite Person kümmerte sich um die Sicherheit der Operationen, außerdem übernahm sie die Streckenfreigabe.
Jennifer Homendy, Vorsitzende des US-Verkehrssicherheitsrates NTSB
Regen, viel Verkehr - und Unterbesetzung?
Dass lediglich zwei Personen die Mitternachtsschicht übernehmen, sei der Normalfall, so Homendy. Doch die laut "FlightRadar24" insgesamt 51 Flieger, die in der Stunde vor dem Crash an- und abflogen, verdeutlichen, wie stressig jene regnerische Montagnacht gewesen sein muss.
War der Tower von LaGuardia nicht ausreichend besetzt? Es würde zum Bild der vergangenen Jahre passen, in denen sich Beschwerden über Unterbesetzungen bei Fluglotsen, zu wenig Nachwuchskräften und zu vielen Überstunden häuften.
Stundenlange Wartezeiten sorgen für Frust bei Reisenden. Wegen Personalmangel schickt US- Präsident Trump nun ICE zur Unterstützung der Transportsicherheitsgesellschaft (TSA) an die Flughäfen.
25.03.2026 | 2:44 min"Schweizer-Käse-Modell" - Wie sich Flughäfen absichern
Homendy betonte, dass die Schuld dennoch nicht allein beim Lotsen gesucht werden dürfe. Auch Thomas Ullrich von der Gewerkschaft der Flugsicherung in Deutschland erklärt gegenüber ZDFheute: "Es gibt ein Sicherheitsnetz, das wie ein Schweizer Käse organisiert ist - dieses Modell heißt tatsächlich so."
Dabei sind Sicherheitsebenen mit hintereinanderliegenden Käsescheiben vergleichbar. Zwar hat jede Scheibe Löcher, doch da mehrere Scheiben übereinander liegen, ist im Normalfall sichergestellt, dass alle Löcher geschlossen sind. "Damit etwas schiefgeht, muss das System also an mehreren Stellen versagen", so Ullrich.
Jede Käsescheibe steht für eine Sicherheitsebene – die Löcher für Lücken im System. Deshalb liegen mehrere Scheiben übereinander, um die Löcher zu schließen.
07.11.2022 | 0:36 minAblenkung durch Notfall bei weiterem Flugzeug?
Die NTSB-Untersuchung nimmt deswegen wohl auch den Notfall an Bord eines weiteren Flugzeugs in den Fokus, wie NTSB-Chefin Homendy erläuterte.
Der Lotse kümmerte sich bereits um United-Airlines-Flug 2384 am Boden, der den Start zweimal abbrach. Die Feuerwehr wurde informiert, weil es einen Geruch in der Kabine gab.
Jennifer Homendy, Vorsitzende des US-Verkehrssicherheitsrates NTSB
Nach offiziellen Angaben sind 66 Menschen bei einem Absturz eines Militärflugzeugs im Süden Kolumbiens gestorben, Dutzende wurden verletzt. Das Flugzeug ist nahe der Grenze zu Peru abgestürzt.
24.03.2026 | 1:17 minUntersuchung erst in einigen Monaten beendet
Damit die Hilfskräfte zum United-Flieger gelangen, gab der Lotse laut dem Funkmitschnitt das Kreuzen der Landebahn 22 frei - wenige Augenblicke, nachdem er bereits dem Air-Canada-Flieger die Landefreigabe erteilt hatte. Offenbar hatte der Feuerwehr-Lkw zudem keinen Transponder, war also für den Lotsen nicht zu orten. Weshalb das Fahrzeug der Anweisung, anzuhalten, dennoch nicht folgte, ist zurzeit unklar.
Unaufmerksamkeit, Überforderung, zu wenige Informationen, Kommunikationsfehler - oder alles gleichzeitig? Die Frage nach dem Unfallgrund wird das NTSB erst in einigen Monaten abschließend beantworten können.
In New York ist ein Helikopter in den Hudson River gestürzt. Laut Medienberichten sind dabei ein Siemens-Manager, seine Frau und deren drei Kinder sowie der Pilot gestorben.
11.04.2025 | 2:29 minWurden Warnungen von Piloten ignoriert?
Klar ist jedoch auch: Schon vor dem tragischen Crash warnten Piloten wiederholt vor Kollisionen in LaGuardia. ZDFheute hat Dokumente ausgewertet, laut denen es in den letzten zwei Jahren mehrfach Hinweise zu Fehlkommunikationen gab. Zuvor hatte auch "CNN" über das sogenannte "Aviation Safety Reporting System" der NASA berichtet.
Am 6. Februar 1996 verunglückte ein Flugzeug vor der Dominikanischen Republik. Der Birgenair-Unfall war der Flugzeugabsturz, bei dem bis heute die meisten toten Deutschen zu beklagen sind.
05.02.2026 | 2:10 min"Bitte tut etwas", schrieb ein Pilot im vergangenen Sommer in einem anonymisierten Bericht. "Das Betriebstempo in LaGuardia nimmt zu, die Lotsen gehen an ihr Limit." Stellenweise erinnere die Situation an den Airport in Washington DC, wo im vergangenen Jahr mehr als 60 Menschen bei einer Kollision mit einem Helikopter starben.
An Gewittertagen ähnelt LaGuardia langsam dem Flughafen in Washington vor dem Unfall dort.
Anonymer Pilot in einem Bericht im August 2025
Im Juli 2024 berichtete ein weiterer Pilot: "Wir hatten die Haltelinie vor Piste 22 schon überquert, als wir angewiesen wurden, zu bremsen. Fast im selben Moment rollte ein anderer Flieger extrem nahe vor uns vorbei. Wir hatten ihn nicht sehen können, da unsere Rollbahn in einem zu spitzen Winkel zur Landebahn verläuft."
Auch wenn diese Situation auf einer anderen Rollbahn geschah - die Ähnlichkeit zum Zwischenfall mit dem Feuerwehrfahrzeug ist zumindest auffällig.
Bei Boeing kam es zuletzt immer wieder zu Schwierigkeiten, bei dem Modell "787 Dreamliner" gab es bisher aber keine Probleme. Was sagen Experten zum Absturz ?
12.06.2025 | 1:25 minNachbereitung sorgt für mehr Sicherheit
Thomas Ullrich beruhigt dennoch: "Man kann weiterhin mit gutem Gewissen in die USA, in Deutschland und Europa fliegen. Da mache ich mir keine Sorgen. Lotsen sind sehr stressresistent, es gibt zudem Regenerationszeiten und begrenzte Schichtlängen." Insbesondere in Deutschland gebe es zudem eine gute Fehlerkultur:
Eine gelebte "Just Culture" ist sehr wichtig: Fehler müssen offen angesprochen und gemeldet werden können, ohne unmittelbare Sanktionen befürchten zu müssen.
Thomas Ullrich, Gewerkschaft der Flugsicherung
Vorfälle werden in jedem Fall nachbereitet, berichtet Ullrich, damit es künftig weniger Unfälle gibt. So paradox es klingen mag: Tragische Unfälle wie jener in New York sind es, die die Luftfahrt schrittweise sicherer machen. Die Ergebnisse der NTSB-Untersuchung werden deswegen nicht nur in New York mit Spannung erwartet.
Mehr zum Thema Fliegen
- FAQ
Viele verpasste Flüge - ICE soll helfen:Warum gerade Chaos an Flughäfen in den USA herrscht
Katharina Schuster, Washington D.C.mit Video2:44 Airport LaGuardia:Zwei Tote nach Kollision auf Flughafen in New York
mit Video0:29Knappes Angebot und hohe Steuern:Flugtickets werden immer teurer
mit Video1:42