Utøya-Jahrestag: Überlebende kämpfen gegen das Vergessen

Massaker in Norwegen vor 15 Jahren:Wie Utøya-Überlebende gegen das Vergessen kämpfen

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"Lauf um dein Leben!" - Der Terror von Utøya prägt Überlebende und Angehörige bis heute. Zum Jahrestag erinnern sie in Norwegen an die Opfer und warnen vor Rechtsextremismus.

Rosen

Am frisch enthüllten Denkmal für die Opfer von Oslo und Utøya erinnern rote Rosen an die Menschen, die der Rechtsextreme Anders Breivik am 22. Juli 2011 getötet hat.

Quelle: AFP

Am 22. Juli 2011 rennt der 18-jährige Magnus Håkonsen auf der Insel Utøya um sein Leben. Er weiß nicht, vor wem er wegrennt; zunächst versteht er nicht einmal, dass er es muss. Als er Schüsse hört, denkt er, jemand erlaube sich einen Spaß mit Feuerwerkskörpern - und geht genau in die Richtung, aus der das Knallen kommt.

Dann sehe ich plötzlich 30, 40 Menschen auf mich zurennen und schreien: "Lauf, lauf um dein Leben!"

Magnus Håkonsen, Überlebender von Utøya

Er sprintet bis zum Ende der Insel, stürzt sich einen Abhang hinunter und ins Wasser. "Da sehe ich, dass jemand oben steht und auf mich zielt." Mehrere Schüsse verfehlen ihn nur knapp, Håkonsen rennt weiter und fällt. "Da habe ich gedacht, ok, das war's. Jetzt sterbe ich."

Auf dem Bild ist ein 12 Meter hohes Mosaik zu sehen, das an die Opfer der Terroranschläge in Norwegen am 22. Juli 2011 erinnern soll. Auf dem Bild sind außerdem Menschen zu sehen, die vor dem Moasik stehen und es betrachten.

Ein zwölf Meter hohes Mosaik erinnert nun in Oslo an die 77 Opfer der Breivik-Anschläge vom 22. Juli 2011. Zur Einweihung kamen Überlebende, Angehörige und Kronprinz Haakon.

20.07.2026 | 1:38 min

Attentäter Breivik tötet 77 Menschen

Magnus Håkonsen stirbt an diesem Tag nicht. Er schwimmt durch den kalten Tyrifjord, bis er sich völlig entkräftet auf ein Boot retten kann. 69 andere, darunter viele seiner Freunde, überleben den Tag nicht. Die meisten sterben durch Schüsse des rechtsextremen Terroristen Anders Behring Breivik.

Als Polizist verkleidet war der Attentäter mit der Fähre auf die Insel gelangt, auf der ein Sommerlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten stattfand. Für Hunderte Jugendliche das Highlight des Sommers: Tage voller politischer Reden, Baden, Volleyballspielen.

Der Tag, der als schwärzester Tag in der Geschichte Norwegens endet, beginnt auf Utøya mit scheußlichem Regen, erinnert sich Håkonsen: "Ich hatte mich erkältet und wollte am Abend abreisen." Da hört er von einem Freund, dass es im Regierungsviertel in Oslo eine Explosion gegeben haben soll.

Eine Rose schwimmt vor Utoya im Wasser. Archivbild

Gedenken an die Opfer: Eine Rose schwimmt vor Utøya im Wasser. (Archivbild)

Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Die Details kennen die Jugendlichen da noch nicht. Dass durch eine von Breivik gezündete Autobombe acht Menschen sterben und viele verletzt werden. Und dass der Täter mit dem Auto längst auf dem Weg Richtung Utøya ist, während Polizei und Rettungskräfte sich auf den Anschlag in Oslo konzentrieren.

Marcant steht neben einem Spiegel und schaut nachdenklich in die Ferne, als frage er sich: "In welche Richtung entwickelt sich unserer Welt, wenn das so weitergeht?" - links wird er im Spigel gespiegelt.

Er ist 24 Jahre, kämpft auf TikTok gegen Rechts und erhält täglich Morddrohungen. Marcant geht auf Nazi-Demos und stellt freundlich, aber bestimmt Fragen.

05.07.2026 | 27:05 min

Letzter Kontakt: Telefonat mit Tochter auf Utøya

Trotzdem macht sich Unruhe auf der Insel breit. Alle werden zusammengetrommelt, viele rufen ihre Eltern an: Aber keine Sorge, hier sind wir sicher, so heißt es. Auch Merete Stamneshagen telefoniert mit ihrer Tochter Silje. Es wird das letzte Mal sein, dass sie deren Stimme hört.

Als sie von den Schüssen auf Utøya erfährt, ruft Stamneshagen wieder bei ihrer Tochter an: "Sie ging nicht dran." Mit ihrem Mann macht sie sich auf den Weg zur Insel.

In einem zum Sammelplatz umfunktionierten Hotel hängt eine Liste mit Namen derjenigen, die es an Land geschafft haben. Siljes Name steht nicht darauf. "Es dauerte eine ganze Woche, bis wir endgültig Gewissheit hatten", erzählt Merete Stamneshagen.

Sie war mit drei Schüssen in den Kopf getötet worden und man hatte sie auf dem "Pfad der Verliebten" gefunden.

Merete Stamneshagen, Mutter von Breivik-Opfer Silje

Lebenslange Folgen für Überlebende und Angehörige

Über eine Stunde lang konnte Breivik auf Utøya ungestört um sich schießen. Heute ist der schmale Pfad, der am steilen Ufer der Insel entlangführt, ein Ort des Gedenkens an die Opfer. 15 Jahre sind vergangen. Der Mörder, der 77 Menschen auf dem Gewissen hat, muss wohl sein Leben lang im Gefängnis bleiben.

Innenminister Alexander Dobrindt und Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen stellen den Verfassungsschutzbericht 2025 vor.

In Deutschland zählen immer mehr Menschen zu politischen Extremisten. Den größten Anteil machen laut aktuellem Verfassungsschutzbericht weiterhin Rechtsextremisten aus.

30.06.2026 | 1:29 min

Doch besonders vor dem Jahrestag holt die Erinnerung Überlebende und Angehörige ein. "Es ist so ein schleichendes Gefühl", beschreibt Magnus Håkonsen, der sich wie Stamneshagen in der Selbsthilfegruppe für die Betroffenen des 22. Juli engagiert. Sobald die Gedenkfeier vorbei sei, falle eine große Last von ihm, "dass der Tag wieder überstanden ist".

Man ist dünnhäutiger, schneller gereizt, wird leichter traurig, reagiert empfindlicher.

Magnus Håkonsen, Überlebender von Utøya

Heute ist Håkonsen Lehrer für Gesellschaftskunde. Der 22. Juli steht fest im Lehrplan. Wenn seine Schüler ihn fragen, antwortet Håkonsen ehrlich mit seiner Geschichte: "Ich kann nicht darüber sprechen, was passiert ist, ohne zu sagen, dass ich dort war."

Kronprinz Haakon

Kronprinz Haakon (2. v.l.) bei der Eröffnung des neuen Memorials in Oslo. Rechts neben ihm Siljes Mutter Merete Stemneshagen.

Quelle: AFP

Überlebender: Utøya auch Mahnung vor rechtsextremen Kräften

Darüber zu reden findet er aber noch aus einem anderen Grund wichtig: "Es ist eine Gelegenheit, über rechtsextreme Kräfte zu sprechen, und wie diese versuchen, Gruppen gegeneinander auszuspielen."

Mehrere Minister in der norwegischen Regierung sind Überlebende des Attentats von 2011. Doch immer wieder müssten sich Sozialdemokraten heute anhören, die "Utøya-Karte" zu ziehen, wenn sie über den Terror von damals sprächen, sagt Håkonsen.

Soll heißen: den Anschlag politisch für sich zu nutzen. Der 33-Jährige hält das für fatal: "Wir müssen den Mut haben, ehrlich darüber zu sprechen, wie gefährlich antidemokratische Denkweisen sind."

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Quelle: dpa
Über das Gedenken an das Massaker von Utøya berichtete die ZDFheute Xpress am 20.07.2026 ab 13:14 Uhr.

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