Maßregelvollzug: Überbelegt, unterbesetzt, gefährlich?

Klinik statt Knast:Maßregelvollzug: Überbelegt, unterbesetzt, gefährlich?

von Sabrina Winter und Patrick Wagner

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Im Maßregelvollzug sollen psychisch kranke Straftäter Therapie erhalten. Doch viele Kliniken sind überbelegt und haben zu wenig Personal. Das hat teils gefährliche Folgen.

Silhouette einer sitzenden Person hinter Gitterstäben in einem dunklen Klinikflur, den Kopf in den Händen haltend; im Vordergrund liegen bunte Kapsel‑Medikamente, umgeben von abstrakten roten Lichtpunkten.

Im Maßregelvollzug sollen psychisch kranke Straftäter Hilfe und Therapie erhalten. Doch viele Kliniken sind überbelegt und haben zu wenig Personal. Das hat teils gefährliche Folgen.

11.02.2026 | 28:28 min

Christoph Miebach war erst 17 Jahre alt, als sein Leben in der Isolation begann. 2018 wies ihn ein Gericht in den Maßregelvollzug ein. Wegen einer schweren psychischen Krankheit hatte er mehrere Körperverletzungen begangen. Noch heute, acht Jahre später, lebt er im Hamburger Maßregelvollzug - meist ohne Kontakt zu anderen Patienten, weitestgehend isoliert. Wann oder ob er je auf eine normale Station wechseln kann, ist unklar.

Er ist einer von insgesamt 13.000 Menschen, die in Deutschland im Maßregelvollzug leben. Der Maßregelvollzug ist eine Psychiatrie, die gesichert ist wie ein Gefängnis. Doch statt Justizvollzugsbeamten arbeiten dort Pflegekräfte und Ärztinnen.

Sie behandeln Menschen, die wegen einer psychischen Krankheit schwere Straftaten begangen haben. Es sind Täterinnen und Täter, die als nicht schuldfähig gelten. Der Maßregelvollzug soll ihnen Hilfe und Therapie bieten. Außerdem soll er die Gesellschaft vor erneuten Straftaten schützen.

Das Bild zeigt einen Gefangenen, welcher mit dem Rücken zur Kamera an einem vergitterten Fenster steht und hinausblickt. Die massiven Gitterstäbe dominieren die Szene und verdeutlichen die Enge und Ausweglosigkeit des Gefängnisalltags. Die Körperhaltung wirkt nachdenklich und bedrückt.

Für Mörder, Vergewaltiger und Schwerstkriminelle sieht der Strafvollzug Therapien und Deradikalisierungsprogramme vor, verbunden mit der Hoffnung, dass sie danach weniger gefährlich sind.

20.10.2025 | 44:30 min

Zu viele Patienten, zu wenig Personal

Doch viele Kliniken des Maßregelvollzugs sind überbelegt. Gleichzeitig gibt es zu wenig Personal. Das führt zum Teil zu gefährlichen Situationen und schränkt die Freiheit der Patienten und Patientinnen ein. So geht es aus einer gemeinsamen Recherche des ZDF-Doku-Formats "Die Spur" und dem Rechercheportal "FragDenStaat" hervor.

Auslastung des Maßregelvollzugs

ZDFheute Infografik

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In einer Kölner Klinik des Maßregelvollzugs beispielsweise wurden 2023 Patientinnen und Patienten nachts eingeschlossen. Wenn zu wenig Personal da war, passierte das auch tagsüber. So hält es der Bericht einer Besuchskommission fest.

Den Bericht deckte die Recherche mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes auf. Auf Anfrage schrieb die Aufsichtsbehörde der Kölner Klinik: Tag- und Nachteinschluss seien keine Standardmaßnahmen.

Ein Grundrechtseingriff aufgrund Personalmangels scheidet aus.

Aufsichtsbehörde der Kölner Klinik

Unbesetzte Stellen im Maßregelvollzug

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Mindestens 30 Menschen in Deutschland leben bereits länger als ein Jahr isoliert im Maßregelvollzug. Das ergab eine bundesweite Abfrage des ZDF und "FragDenStaat" im vergangenen Jahr bei allen Gesundheits- und Justizministerien der Länder.

Nach UN-Grundsätzen kann eine derart lange Isolation unter Umständen als Menschenrechtsverletzung gewertet werden.

Menschen in Isolation im Maßregelvollzug

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Viele Medikamente, unklare Wirkung

Die Eltern des inzwischen 26-jährigen Christoph Miebach machen sich vor allem Sorgen um die vielen Medikamente, die er bekommt. Derzeit sind es fünf verschiedene Antipsychotika - und bei Bedarf zwei Beruhigungsmittel sowie ein Schlafmittel. Trotz der vielen Medikamente gilt Christoph Miebach als gefährlich und ist sexuell distanzlos. Darum bleibt er auf der Akut- und Aufnahmestation von anderen Patienten isoliert.

Ein ärztliches Gutachten hält dazu fest: "Niemand weiß, welches Medikament welches Symptom lindert, welches vielleicht kaum oder ohne Wirkung ist und welchen Effekt mögliche Wechselwirkungen haben." Das Gutachten verweist auch darauf, dass es nicht einfach möglich sei, einen so schwer betroffenen und weitgehend therapieresistenten Patienten wie Christoph Miebach leitliniengerecht medikamentös zu behandeln.

Eine Collage aus zwei Szenen: Links eine düstere Aufnahme eines Gefängnisflurs mit Zellentüren, rechts eine farbige Szene, in der eine Gefangene durch ein vergittertes Fenster nach draußen blickt.

Verurteilt für ein Kapitalverbrechen und weggesperrt für Jahrzehnte. Derzeit verbüßen knapp 1800 Inhaftierte in Deutschland eine lebenslange Freiheitsstrafe. Wie sieht der Gefängnisalltag aus?

20.10.2025 | 44:30 min

Weiterverlegung nur, wenn keine Gefahr droht

Eine Sprecherin des Hamburger Maßregelvollzugs teilte dazu mit: Sie könne keine Angaben zu Einzelfällen machen - aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht und aus Gründen des Persönlichkeits- und Datenschutzes.

Die Klinik hält sich strikt an die ärztliche Pflicht zur Abwägung von Nutzen und Risiken pharmakologischer Interventionen.

Sprecherin des Hamburger Maßregelvollzugs

Von der Akut- und Aufnahmestation könne nur weiterverlegt werden, wer "in die stationäre Patientengemeinschaft integrierbar" sei und wenn "keine unmittelbare Gefährdung" drohe.

Die Dokumente der Behörden zum Maßregelvollzug sind bei FragDenStaat im Original einsehbar.

Über dieses Thema berichtete "Die Spur" am 11.02.2026 ab 22:45 Uhr.

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