Jesidin: "Ich wünschte mir, tot zu sein":Was ein Ex-IS-Paar zwei Mädchen angetan haben soll
von Petra Neubauer
Vor dem Oberlandesgericht München fällt das Urteil gegen ein irakisches Paar. Die ehemaligen Anhänger des IS sollen zwei jesidische Mädchen versklavt und über Jahre gequält haben.
Die Bundesanwaltschaft fordert lebenslang für das Ehepaar. Gegen beide werden Völkermord-Vorwürfe erhoben.
Quelle: dpaNur wenn keine Kameras im Raum sind, zeigen Twana H.S. und Asia R.A. ihre Gesichter. Er blass, sie lange offene Haare. Einst waren sie Anhänger des sogenannten "Islamischen Staates" (IS) und ein Paar. Sie haben zwei gemeinsame Kinder. Beide werden laut Anklage verantwortlich gemacht für entsetzliches Leid zweier jesidischer Mädchen.
Was wird den ehemaligen Anhängern des IS vorgeworfen?
Laut Bundesanwaltschaft kaufte das Paar 2015 auf einem Basar ein fünfjähriges jesidisches Mädchen. Asia hatte sich das Mädchen als Brautgabe gewünscht. Das Kind soll zur Hausarbeit gezwungen, misshandelt und zum Erlernen islamischer Gebete gezwungen worden sein. Wenn es nicht gehorchte, wurde es bestraft. Einmal soll Asia die Hand der Kleinen mit heißem Wasser verbrüht haben.
Später erwarben Twana H.S. und Asia R.A. ein weiteres, damals 12-jähriges Mädchen. Die inzwischen erwachsene Frau sagte im Prozess als Zeugin aus und berichtete dabei von Vergewaltigungen und Schlägen. "Ich wünschte mir, tot zu sein", erinnerte sie sich.
Ende 2017 gab das Ehepaar die Mädchen weiter an andere IS-Kämpfer. Die Ältere konnte, wie sie selbst erzählte, im Januar 2018 durch ihre Familie befreit werden, das Schicksal der Jüngeren bleibt unklar.
Seit 2014 hat die Terrorgruppe Islamischer Staat tausende Jesiden im Irak ermordet, entführt und versklavt. Nun geraten sie in der Sinjar-Region erneut zwischen die Fronten.
31.07.2024 | 14:29 minWer sind die beiden Angeklagten?
Twana H.S. kam Anfang der 2000er als Asylbewerber nach München. Er arbeitete als Friseur in Schwabing, lebte ein recht unauffälliges Leben. Dann aber soll er sich in einer Moschee zunehmend radikalisiert haben. Offenbar im Frühjahr 2015 reiste er zurück nach Syrien und in den Irak. Dort schloss er sich dem IS an. Wie genau seine Rolle dabei war, ist nicht ganz klar.
Als Twana H.S. Asia R.A. heiratete, war diese gerade 19 Jahre alt. In der Welt des IS habe sie sich ihrem Mann unterordnen müssen. Das jedenfalls ist die Lesart ihres Verteidigers.
Das Paar soll im Mai 2018 nach Deutschland zurückgekehrt sein, inzwischen ist es getrennt. Einige Zeit darauf wurde Twana H.S. wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation IS zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Im April 2024 wurden beide festgenommen - er im Landkreis Roth, sie in Regensburg, diesmal wegen der Völkermord-Vorwürfe.
Traditionell am Mittwoch Mitte April begehen die Jesiden ihr Neujahrsfest. Auch für nach Deutschland Geflüchtete ein Höhepunkt des Jahres. Aber die Angst vor Abschiebung zurück in den Irak bleibt.
16.04.2025 | 1:50 minWarum hat der IS solchen Hass auf Jesiden?
Erklärtes und offen propagiertes Ziel des IS ist unter anderem die Vernichtung der Jesiden. Der IS diffamiert sie als "Ungläubige" und "Götzenanbeter". Als die Kämpfer 2014 das Siedlungsgebiet der Jesiden im Nordirak angriffen, wurden tausende Frauen und Mädchen verschleppt und vergewaltigt. Das Vorgehen gilt als zentrales Instrument des IS bei seiner Vernichtungspolitik gegen die Jesiden.
Deutschland hat die Verbrechen des IS an den Jesiden als Völkermord anerkannt, so können deutsche Gerichte bestimmte Völkerrechtsverbrechen auch dann verfolgen, wenn sie tausende Kilometer entfernt stattgefunden haben.
Welche Strafe erwartet Twana H.S. und Asia R.A.?
Während Twana H.S. sein letztes Wort nur nutzte, um zu wiederholen, dass er nichts sagen möchte, kam von Asia R.A. eine kurze Entschuldigung. "Es tut mir leid, was passierte", übersetzte der Dolmetscher.
Die Bundesanwaltschaft fordert für beide lebenslang und zudem die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.
Die Verteidigung dagegen verneint eine Völkermordabsicht und plädiert auf sieben Jahre Jugendstrafe für Asia, bzw. neun Jahre und sechs Monate für Twana.
Petra Neubauer arbeitet im ZDF-Studio in München.
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