Recherche bei Cold Cases:Mit dem Stammbaum auf Verbrecherjagd
von Saskia Weinert
9.000 Menschen stehen auf der Suchliste der deutschen Polizei. Auch Tote, deren Identität sich nie klären ließ. DNA-Forscher könnten wertvolle Hilfe leisten.
Unterbesetzte Behörden, ungelöste Fälle: Für manche Ermittlungen fehlen der Polizei Zeit und Mittel. Ehrenamtliche springen ein und suchen Vermisste, analysieren Daten und klären Cold Cases.
23.07.2026 | 43:30 min"Wenn nicht ich, wer dann?" sagt der Genealoge und Humangenetiker Eryk Jan Grzeszkowiak. "Das ist die einzige Chance, diesen Fall noch aufzuklären." Seit bald drei Jahren arbeitet der DNA-Forscher der Universität Edinburgh an einem Cold Case aus den USA. Das Mordopfer: unbekannt. 1987 entdeckten Vogeljäger einen Leichnam in einem Wald nahe des Lake Superior im Bundesstaat Michigan.
Den Todeszeitpunkt schätzt die Polizei auf bis zu zwei Jahre vor dem Fund. Der Körper ist stark zersetzt. Wer ist dieser Mann? Wer hat ihn ermordet? Ohne seinen Namen stecken die Ermittlungen der Polizei in einer Sackgasse. Er trug Tarnkleidung wie beim Militär und ein Messer bei sich. Mehr wissen sie nicht. Der Fall ist seit bald 40 Jahren ungelöst.
Ermittlungen in DNA-Datenbanken
Grzeszkowiak hat sich des Falles angenommen. Er engagiert sich für das "DNA Doe Project" aus den USA. Die Non-Profit Organisation unterstützt Strafverfolgungsbehörden dabei, unbekannte Tote zu identifizieren - unentgeltlich. Der Name bezieht sich auf Jane und John Doe - Pseudonyme, die die Amerikaner für vermisste weibliche bzw. männliche Personen verwenden.
Die Methode: eine Kombination aus DNA-Analyse und klassischer Ahnenforschung. Durch die neue Ermittlungstechnik haben die ehrenamtlichen Mitarbeitenden bereits über 160 Personen ihren Namen zurückgegeben. Auch Eryk Jan Grzeszkowiak, Dozent in Schottland mit polnischen Wurzeln, beherrscht sie: die sogenannte forensische investigative genetische Genealogie. Die Methode funktioniert, weil mittlerweile Millionen Menschen ihre Abstammung mithilfe von DNA-Tests haben erforschen lassen.
ZDF-Reporter fanden den Namen der seit mehr als zehn Jahren vermissten Michele in den Epstein-Files. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft entschieden: Für Ermittlungen fehle der Anfangsverdacht.
22.07.2026 | 3:00 minEin Stammbaum der Menschheit
Dafür schicken sie Speichelproben oder Wangenabstriche an kommerzielle Unternehmen wie FamilyTreeDNA, Ancestry oder MyHeritage. So sind weltweit nach Angaben der Anbieter riesige DNA-Datenbanken mit weit über 50 Millionen Profilen entstanden.
Grzeszkowiak vergleicht die DNA des Mordopfers mit Profilen auf forensischen Plattformen wie GEDmatch. Er sucht Verwandte, die sein Erbgut teilen, und rekonstruiert deren Stammbäume. "Ich bin bei meinem aktuellen Fall bei etwa 13.000 Personen. Deren Stammbäume zu erforschen, kostet viel Zeit", erläutert er und ergänzt:
Manchmal muss ich bin ins 17., 18. Jahrhundert zurückgehen, um einen Ahnen zu finden, der DNA aus zwei Familien aufweist.
Eryk Jan Grzeszkowiak, Humangenetiker
Aus der Linie dieser Paare könnte das Opfer abstammen. Wenn er online nicht weiterkommt, vervollständigt er die Stammbäume durch Recherchen vor Ort - klassische Ahnenforschung. Klar ist bereits: Die Spur führt nach Polen. Dort gibt es gleich mehrere deutschstämmige Familien mit genetischen Übereinstimmungen. Die vielversprechendste Spur: der Name Ziesmann. Im Staatsarchiv von Toruń stößt der Ahnenforscher auf Geburts- und Heiratsurkunden sowie ein Testament. Das alles führt ihn weiter nach Deutschland.
Welche Hinweise sind seit der Vermisst-Sendung vom 08. Juli eingegangen? Fabian Puchelt und Stephanie Wossilus vom LKA Bayern sprechen über neue Erkenntnisse und mögliche Ermittlungserfolge.
15.07.2026 | 2:58 minGolden State Killer brachte Durchbruch
Den Durchbruch für die Methode brachte 2018 der Fall des Golden State Killers in Kalifornien. Zwischen 1975 und 1986 vergewaltigte ein Unbekannter Dutzende Frauen und ermordete 13 Menschen. Über 30 Jahre lang gab es keine Spur vom Täter.
Die Wende kommt, als Expert:innen über die DNA-Plattform GEDmatch entfernte Verwandte des Killers aufspüren: Cousins dritten und vierten Grades. Aus diesen Daten setzen sie einen Familienstammbaum zusammen - viele Puzzleteile, die schließlich zu Joseph DeAngelo führen, damals 72 Jahre alt. 2018 wird er festgenommen. Er gesteht und wird 2020 zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt.
In Bologna ist ein Mann bei einer gewaltsamen Festnahme gestorben. Der Marokkaner, der seit 30 Jahren in Italien lebte, war von Beamten in Bauchlage am Boden festgehalten worden.
20.07.2026 | 0:34 minRechtliche Hürden hoch
Anders als in den USA ist die forensische genetische Genealogie in Deutschland nicht erlaubt, auch nicht der Polizei - aus datenschutzrechtlichen Gründen. Genetische Fingerabdrücke gehören in der EU zu den besonders geschützten personenbezogenen Informationen. Zulässig ist in Deutschland lediglich die Feststellung des Geschlechts und von Verwandtschaftsverhältnissen bis zum dritten Grad - Urgroßeltern und -enkel, Onkel, Tanten, Neffen und Nichten.
Der Einsatz von Schwarmintelligenz, wissenschaftlichen Fortschritten und KI oder neue Wege angesichts von Personalmangel: Polizeiarbeit wird in vielen Bereichen neu gedacht. In der zweiteiligen Reihe "Verstärkung für die Polizei" zeigt die Sendung plan b innovative Ansätze mit überraschenden Polizeihelfern - vom Bürger bis zum DNA-Forscher.
Teil eins "Spezialkräfte im Einsatz" am 26.07. und Teil zwei am 02.08. "Die neuen Fahnder" sind jeweils um 15:30 Uhr im ZDF zu sehen. Oder beide Teile jederzeit im ZDF-Streaming-Portal.
Weitergehende DNA-Analysen auf Augen-, Haar- und Hautfarbe und Alter sind ebenfalls erlaubt, aber nur unter strengen Auflagen. Eine Ausweitung der Befugnisse auf die Feststellung der biogeographischen Herkunft eines DNA-Spurenlegers wird diskutiert. Ein unbegrenzter Verwandtschaftsabgleich über Ahnenforschungsdatenbanken ist der Polizei in Deutschland jedoch untersagt.
Ziel: Unbekannten Opfern einen Namen geben
Weil Grzeszkowiak für das US-amerikanische DNA Doe Project arbeitet, darf er die Methode im Fall aus Michigan anwenden. Und selbst wenn es noch Jahre dauert: Er macht weiter, bis er am Ziel ist und dem unbekannten Mordopfer seinen Namen zurückgibt. Für eine so aufwändige Recherche fehlt der Polizei die Zeit. Doch ein Name wäre ein neuer Ansatzpunkt, um die Ermittlungen wieder aufzurollen und den Fall womöglich doch noch zu knacken.
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