Wie die Bayreuther Festspiele ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten

150 Jahre Bayreuther Festspiele :Wie Bayreuth seine Nazi-Vergangenheit aufarbeitet

von Christiane Lange, Simon Pfanzelt

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Zum Jubiläum spricht der jüdische Publizist Michel Friedman bei den Bayreuther Festspielen. Er kündigt eine neue Ära der Erinnerungskultur an.

Richard-Wagner-Festspiele - Gedenken «Verstummte Stimmen»

Vor Beginn der Bayreuther Festspiele hatte es eine Kontroverse um die Einladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman gegeben. Am Sonntag spricht er von Aufarbeitung.

Quelle: dpa

Da ist Ottilie Metzger-Lattermann als Alt-Sängerin eine der herausragenden Wagner-Interpretinnen ihrer Zeit. Viermal sang sie zwischen 1901 und 1912 bei den Bayreuther Festspielen, 1942 wird sie auf offener Straße festgenommen, ins Konzentrationslager Auschwitz deportiert und ermordet. Das genaue Todesdatum: unbekannt.

Oder Eduard Weiß, der bei insgesamt fünf Festspielen die Bratsche spielte, das letzte Mal 1930. Zwölf Jahre später wird er zunächst ins Konzentrationslager Theresienstadt, später ins KZ Majdanek deportiert. Dort verliert sich die Spur von Weiß.

Bayreuth

Festspiele zum 150. Mal: Bayreuth ringt erneut mit seiner Geschichte. Nach der Kritik um den Umgang mit der NS-Vergangenheit spricht Michel Friedman nun doch.

24.07.2026 | 2:51 min

Ausstellung soll erinnern

Zwei von vielen jüdischen Künstler-Leben, an die die Freilichtausstellung "Verstummte Stimmen", direkt unterhalb des Bayreuther Festspielhauses, erinnert. An diesem Sonntagmorgen durchschreitet ein ungleiches Paar diese Stelen-Sammlung: die öffentlichkeitsscheue Festspiel-Chefin Katharina Wagner und der sendungsbewusste jüdische Publizist Michel Friedman.

Es ist der Versuch, die Nazi-Vergangenheit des Wagner-Clans aufzuarbeiten. Noch nie hat ein Mitglied der Familie vor den Augen der Öffentlichkeit diese Dauerausstellung besucht. Eine Premiere der anderen Art, zum 150. Jubiläum der Festspiele. Wagner und Friedman wirken harmonisch, fast freundschaftlich. Das war nicht unbedingt zu erwarten.

Grafik eines Porträts von Richard Wagner und einer Menschenmenge

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Eklat um Friedman-Auftritt im Vorfeld

Die Aufarbeitung - sie lief in Bayreuth oft holprig. Auch dieses Jahr gab es einen Eklat im Vorfeld der Festspiele. Michel Friedman wurde zunächst eingeladen, dann wurde die Gedenkveranstaltung wieder abgesagt, offiziell aus "Sicherheitsgründen". Es folgte eine Welle der Empörung, die Veranstaltung wurde wieder angesetzt. Festspielleiterin Wagner entschuldigte sich.

Am Sonntagvormittag dann steht Friedman auf der Bühne des Festspielhauses und stellt der Festspielchefin ein gutes Zeugnis aus. "An diesem Wochenende beginnt es, das neue Bayreuth", sagt Friedman.

Es beginnt eine neue Ordnung des Aufarbeitens, des Ausgrabens und des Redens, in aller Klarheit und öffentlich.

Michel Friedman, Publizist

Das sei von der Familie Wagner zu lange unterdrückt worden. Richard Wagner sei ein furchtbarer Antisemit gewesen, so Friedman, die Familie Wagner habe später Adolf Hitler nicht nur empfangen, sondern sei ihm gefolgt und damit Mittäter geworden. "Heute habe ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören."

Demonstration anlässlich der Ausladung von Michel Friedman

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Der Wagner-Clan und die Nazis

Der grüne Hügel von Bayreuth, auf dem das Festspielhaus thront, wäre über Jahrzehnte als brauner Hügel besser beschrieben gewesen. Untrennbar sind die Familie Wagner und der Nationalsozialismus miteinander verbunden. Der Komponist Richard Wagner war Antisemit, seine Frau Cosmia betrieb als Festspielleiterin eine Besetzungspolitik, bei der nicht nur die Leistung, sondern vor allem die "rassische" Herkunft der Künstler zählte.

Adolf Hitler wiederum war glühender Wagner-Verehrer - und wurde in Bayreuth hofiert. 1933 wurden die Meistersinger in der Ästhetik der Nürnberger Parteitage inszeniert - im Publikum: Hitler, der auch in den folgenden Jahren gern gesehener Gast war. Ab 1933 durften jüdische Künstler, abgesehen von wenigen Ausnahmen, nicht mehr in Bayreuth auftreten.

Festspielleiterin war in diesen Jahren Winifred Wagner, eine Freundin und Unterstützerin Hitlers. Noch 1975, 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, sagte sie in einem Interview: "Wenn der Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben als wie immer." Auch nach der Zeit des Nationalsozialismus konnte sich die extreme Rechte in Bayreuth lange sehr wohl fühlen.

Das Bayreuther Festspielhaus auf dem Grünen Hügel

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Wissenschaft fordert mehr Aufarbeitung

Friedmans Auftritt an der Seite von Katharina Wagner ist für Bayreuth ein großer Schritt. Aber das könne nur der Anfang sein, sagt der Bayreuther Musik- und Theaterwissenschaftler Anno Mungen:

Ich würde mal ein bisschen provokant formulieren: Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein.

Anno Mungen, Musik- und Theaterwissenschaftler

Es sei noch viel mehr nötig, so Mungen. "Unter anderem wären auch die Akten aufzumachen, die noch im Besitz der Familie sind. Es gibt einige Nachlässe, die sind einsehbar im Hauptstaatsarchiv in München, aber einiges eben auch noch nicht. Das wäre notwendig."

Über die Bayreuther Festspiele berichtete das ZDF unter anderem im heute journal am 25.07.2026 ab 21:45 Uhr.

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