Die Wissens-Kolumne von NANO und Terra X:Seegras - Die wahrscheinlich mächtigste Pflanze des Ozeans
von Philipp Schubert
Seegras klingt eher unspektakulär. Ist es aber nicht. Warum dieses grüne Zeug Superheldenkräfte hat und unbedingt geschützt werden muss.
Ich bin Meeresbiologe. Das klingt nach Abenteuer. Nach dramatischen Unterwasseraufnahmen mit Streichermusik. Nach Haien, Kraken, vielleicht Delfinen. Zumindest nach etwas, das theoretisch gefährlich oder wenigstens fotogen ist.
In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Wenn ich dann sage, dass ich in meinem Beruf oft stundenlang unter Wasser Seegras zähle, Halm für Halm, oder Seegras anpflanze, ändert sich der Gesichtsausdruck meines Gegenübers. Ach so - Seegras. Was war das nochmal?
Uli Kunz und die Welt starten eine Paartherapie der besonderen Art - um die Erde zu retten. Unter ihnen: Seegrasforscher und Waldretter in Rumänien.
19.03.2026 | 25:05 minSeegras hat keine niedlichen Augen, keine dramatische Silhouette, und es hat wahrscheinlich noch nie jemanden dazu gebracht, ein Poster an die Wand zu hängen. Wenn es einem beim Baden die Beine berührt, schubst man es reflexartig weg.
Und trotzdem gehört es vielleicht zum Mächtigsten, was im Meer wächst.
Küstenschutz mit Benefits
Fangen wir mit den Superheldeneigenschaften an - oder, wie ich als Wissenschaftler nüchtern sagen würde, den Ökosystemdienstleistungen. Was sich wie ein Verwaltungsbegriff aus dem dritten Untergeschoss anhört, bedeutet: Seegras kann Küsten vor Erosion schützen, ganze Lebensgemeinschaften beherbergen, CO2 aus der Atmosphäre ziehen, Nährstoffe binden und nebenbei auch noch krankmachende Bakterien reduzieren. Klingt nach Fiktion? Ist es aber nicht - das ist mittlerweile alles wissenschaftlich belegt.
Unterwasser-Blütenpflanze der Nördlichen Meere - Seegraswiesen bieten vielen Tieren Schutz, Nahrung und Kinderstube in einem.
20.02.2023 | 2:42 minErstens: Küstenschutz
Seegras bremst Wellen, stabilisiert Sedimente und sorgt dafür, dass der Sand auch dort bleibt, wo er hingehört. Ohne Seegras würden viele Küsten schneller verschwinden, als uns lieb ist. Außerdem kann Seegras Sand einfangen und dadurch sogar dem Meeresspiegelanstieg etwas entgegensetzen.
Zweitens: Biodiversität
In Seegraswiesen ist die Artenvielfalt deutlich höher als in Gebieten ohne Seegras. Die Wiesen bieten Struktur, Verstecke und Nahrung - und damit Lebensraum für eine ganze Reihe von Organismen, von kleinen Wirbellosen bis zu Fischen. Viele Fischarten nutzen Seegraswiesen gezielt als Kinderstube: Jungfische finden hier Schutz vor Fressfeinden und bessere Überlebensbedingungen.
Drittens: CO2
Seegraswiesen bedecken weniger als 0,2 Prozent des Meeresbodens - und sind trotzdem für rund zehn Prozent der Kohlenstoffspeicherung im Ozean verantwortlich. Der entscheidende Unterschied zu Wäldern: Seegras lagert Kohlenstoff nicht nur in seiner Biomasse, sondern vor allem im Sediment darunter ein - oft über Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Pro Fläche ist das sogar effizienter als tropische Regenwälder.
Viertens: Wasserqualität
Seegras nimmt überschüssige Nährstoffe auf und kann die Konzentration potenziell krankmachender Bakterien im Wasser senken. Eine Art biologischer Filter, nur ohne Wartungsvertrag.
Die Ostsee ist bedroht. Das gesamte Ökosystem des Binnenmeeres ist aus dem Gleichgewicht. Auf der Suche nach Erklärungen stoßen Wissenschaftler auch auf sogenannte Todeszonen.
09.10.2022 | 28:44 minWarum Seegraswiesen weltweit verschwinden
Eigentlich müssten wir Seegraswiesen mit dem gleichen Enthusiasmus fördern wie erneuerbare Energien. Leider wächst es nicht mehr einfach so vor sich hin.
Weltweit haben wir in den letzten Jahrzehnten rund ein Drittel aller Seegraswiesen verloren. Trübes Wasser durch Nährstoffeinträge, mechanische Zerstörung durch große Bauvorhaben, steigende Temperaturen: Seegras ist empfindlicher als es aussieht.
Meeresbiologe und Forschungstaucher Uli Kunz ist in der Nordsee unterwegs. Von Kelpwäldern, Riesenhaien und Spuren steinzeitlichen Lebens.
03.04.2022 | 43:30 minWie Forscher und Sporttaucher Seegras retten
Genau deshalb pflanzen wir es sogar wieder an. Mein Team und ich entnehmen einzelne Pflanzen aus noch intakten Spenderwiesen und setzen sie sorgfältig an Standorten ein, an denen Seegras früher schon einmal gewachsen ist. Es ist Handarbeit: Wir setzen Halm für Halm ein.
Eine Arbeitswoche ergibt, wenn alles gut läuft, etwa 1.000 Quadratmeter neu bepflanzte Wiese mit fünf Forschungstauchern. Zum Vergleich: Ein Fußballfeld hat 7.000 Quadratmeter. Das Meer ist etwas größer.
Es war also klar, dass wir uns dabei Hilfe holen mussten: Seit etwa zwei Jahren bringen wir am GEOMAR Sporttauchern bei, wie sie selbst professionell Seegras einpflanzen können - mit der gleichen Sorgfalt, der gleichen Methodik, nur mit deutlich mehr Händen. Mehr Hände, mehr Wiesen, mehr von diesem unscheinbaren Superhelden.
Meeresbiologe und Forschungstaucher Uli Kunz ist in der Ostsee unterwegs und hat so einiges Erstaunliches und auch Beunruhigendes entdeckt. Von Geisternetzen und CO2-Speichern.
10.04.2022 | 43:30 minWenn Seegras endlich Fans bekommt
Der unscheinbarste Superheld bekommt also etwas Verstärkung. Vielleicht kommt sogar eines Tages der Moment, an dem der Gesichtsausdruck meines Gegenübers kippt - von höflichem Desinteresse zu echter Bewunderung. Nicht für mich. Für das grüne Zeug, das still und leise Küsten schützt, Fische großzieht, Wasser reinigt und Kohlenstoff bindet, während wir es beim Baden wegschubsen.
Unterwasserarchäologe Florian Huber taucht in der Ägäis, vor Madeira, Schottland und Schweden zu neuen archäologischen Hotspots und liefert dabei spektakuläre Unterwasserbilder.
12.11.2023 | 43:30 min… hat ein Faible für unscheinbare Unterwasserpflanzen. Als Meeresbiologe am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel erforscht er seit über 16 Jahren Seegraswiesen und ihre Bedrohung durch den Menschen - aber auch, ob sie als Waffe gegen den Klimawandel einsetzbar sind. Als Mitgründer der Forschungstauchgruppe submaris hat er erfolgreich Seegras in Deutschland angepflanzt und ist auch sonst viel für Forschung und Medien im Wasser unterwegs: vom Arktischen Ozean über die Nordsee bis in den Pazifik.
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