Projekt OpenWebSearch:EU-Forschungspower gegen Dominanz von Google
Ein europäischer Zusammenschluss fordert Google heraus: Ein freier Index soll endlich für Vielfalt auf dem Suchmarkt sorgen. Ein Verein in Bayern spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Beim Thema Suchmaschine kommt man um Google nicht herum. Ein Projekt, für das die Federführung in Bayern liegt, soll das ändern und für mehr Vielfalt auf dem Markt sorgen.
Quelle: dpaMit Alphabet, Amazon, Apple, Meta und Microsoft dominieren nur fünf Internetkonzerne die wichtigsten Bereiche der digitalen Welt. Oft gibt es unabhängige Alternativen. Nur ausgerechnet bei Suchmaschinen hat man keine wirkliche Auswahl.
Google beherrscht den Suchmarkt in Deutschland
In Deutschland beherrscht Google von Alphabet den Suchmarkt mit einem Anteil von aktuell etwa 88 Prozent. Bing von Microsoft kommt auf sechs Prozent. Andere Suchanbieter wie Ecosia, Startpage, Metager, Yahoo, Duckduckgo oder Qwant sind nur scheinbare Alternativen. Sie verwenden die Trefferlisten von Google oder Bing und zeigen sie unverändert oder in abgewandelter Form an.
Das Problem: Wer eine Suchmaschine betreiben will, braucht einen stets aktuellen Überblick über die geschätzten mindestens 400 Milliarden einzelnen Webseiten und Unterseiten. Einen solchen, sogenannten Suchindex aufzubauen, ist sehr aufwendig. Bisher sind alle unabhängigen Versuche gescheitert.
Die scheidende US-Regierung will Google zwingen, wegen seiner Monopolstellung den Browser Chrome zu verkaufen. Entscheiden wird aber erst die Trump-Regierung nächsten Sommer.
21.11.2024 | 0:23 minSuchmaschinen entscheiden über Sichtbarkeit von Inhalten
Am malerischen Starnberger See in Bayern sitzt der Verein Open Search Foundation e. V., der die Vormachtstellung von Google endlich aufbrechen will. Angestoßen hat die Initiative Dr. Stefan Voigt, ein Geograf am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt im benachbarten Oberpfaffenhofen.
Die "quasi-monopolistische Struktur" des Markts hält er für gefährlich:
Suchmaschinen sind die Navigatoren im World Wide Web.
Dr. Stefan Voigt, Initiator des Vereins Open Search Foundation
Suchmaschinen entschieden darüber, welche Inhalte sichtbar sind und wie sich Nutzer-, Daten- und Zahlungsströme bewegen, erklärt Voigt. "Es kann nicht sein, dass nur ein Unternehmen diese Schlüssel-Infrastruktur der digitalen Welt dominiert."
Mit dem Gesetz für digitale Märkte öffnet die EU-Kommission den Wettbewerb rund um die großen Gatekeeper wie Google, Apple oder Amazon. Alternativen werden einfacher angeboten.
07.03.2024 | 2:03 minSuchmaschine und Index trennen
Voigt hat Kolleginnen und Kollegen aus der europäischen Forschungs- und Universitätslandschaft zusammengetrommelt. 14 Partner aus der Wissenschaft, aber auch der Zivilgesellschaft und Wirtschaft sind mit im Boot.
Unter dem Arbeitstitel OpenWebSearch.eu hat der Zusammenschluss 8,5 Millionen Euro Fördergelder von der EU erhalten. Der Ansatz unterscheidet sich von vorherigen, allesamt gescheiterten Versuchen. Es gehe nicht darum, eine einzelne Suchmaschine aufzubauen, erklärt Voigt. Stattdessen soll ein freier Suchindex entstehen: "Wir trennen Suchmaschine und Suchindex."
Unser Ziel ist es, ein Verzeichnis aller Inhalte des World Wide Webs als öffentliche Dienstleistung zur Verfügung zu stellen.
Dr. Stefan Voigt, Initiator des Vereins Open Search Foundation
Diesen Index würden gleichermaßen nichtkommerzielle oder kommerzielle Anbieter nutzen können, so Voigt: "Dann könnten universelle Suchmaschinen für alles Mögliche entstehen, aber auch spezialisierte Suchangebote, etwa nur für regionale Inhalte, Chat-basierte Suche, einzelne Themenbereiche oder wissenschaftliche Studien."
Europaweite Zusammenarbeit
Die Umsetzung erfordert enorme Rechenkapazitäten und viel Know-how. Zum OpenWebSearch-Konsortium gehören daher große Rechenzentren wie das Leibniz-Rechenzentrum in München oder IT4Innovations der tschechischen Universtität Ostrava. An verschiedenen Universitäten werden einzelne technische Bausteine entwickelt. Am Informatikinstitut der Universität Passau beispielsweise forscht man zu freien Crawler-Programmen, die das Internet nach neuen Inhalten durchforsten.
Darüber hinaus beschäftigen sich Arbeitsgruppen innerhalb des Vereins Open Search Foundation mit technischen, rechtlichen und ethischen Fragen. Sie diskutieren beispielsweise, wie ein transparenter und fairer Suchalgorithmus aussehen könnte.
Vielfalt auf dem Suchmarkt ermöglichen
Der Förderzeitraum endet im August 2025. Das Ziel ist es, bis dahin 50 Prozent des weltweiten Webs abzudecken. Derzeit sind es 3,1 Milliarden URLs (einzelne Unterseiten) in 185 Sprachen.
Kann der Plan tatsächlich gelingen? "Das ist ein großes Vorhaben", sagt Voigt und führt kämpferisch aus: "Die aktuelle Situation ist auf Dauer nicht hinnehmbar."
Wir wollen ermöglichen, dass es endlich Vielfalt und echten Wettbewerb auf dem Suchmarkt gibt.
Dr. Stefan Voigt, Initiator des Vereins Open Search Foundation
30 Jahre Internet:Wie das World Wide Web die Welt veränderte
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