Muttertag: Wichtige Anerkennung oder bloß Kommerz?

FAQ

Kulturwissenschaftler sieht Wandel:Muttertag: Wichtige Anerkennung oder bloß Kommerz?

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Früher eine gesellschaftliche Errungenschaft und eine Würdigung von Carearbeit, heute oft von der Werbeindustrie getrieben: Der Muttertag hat sich gewandelt. Was er noch bedeutet.

Illustration von Mutter und Kindern

Millionen Mamas können sich am Muttertag feiern lassen - oder darauf aufmerksam machen, dass ihre Leistung jeden Tag wertgeschätzt werden sollte.

10.05.2026 | 0:41 min

Noch immer leisten Frauen mit kleinen Kindern mehr Sorgearbeit und sind deutlich seltener berufstätig als Väter in derselben Familiensituation, konstatierte das Statistische Bundesamt Anfang Mai. Doch darüber wird am Muttertag selten gesprochen. Werbung lässt ihn heute eher als ein Fest des Kommerzes erscheinen.

Wie hat sich das Brauchtum verändert? Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder gibt einen Überblick:

Hat der Muttertag noch Bedeutung?

"Nicht in dem Sinn, dass durch ihn etwas verändert oder ein anderes Bewusstsein geschaffen werden soll", sagt der Forscher von der Universität Regensburg.

Der Tag ist heute vom Kommerz getrieben und füllt wie der Valentinstag eine Leerstelle.

Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler

"Wenn ich es rein kultur- und konsumkritisch sehen würde, dann hat der Muttertag heute sogar etwas von Respektlosigkeit", ergänzt Hirschfelder. Denn um die Situation von Müttern gehe es in der Öffentlichkeit selten.

Die Schatten von zwei Erwachsenen und einem Kind sind in den Morgenstunden auf dem Asphalt in der Innenstadt zu sehen.

Viele Eltern fühlen sich durch ihren Alltag mental belastet, so eine aktuelle Studie. Vor allem Mütter haben das Gefühl, immer an alles denken zu müssen.

04.05.2026 | 1:55 min

Den Müttern falle mit dem Geschenke-Annehmen eine rein passive Rolle zu. Der Tag wirke so wie "Deko" oder "Verniedlichung", sagt Hirschfelder.

... ist seit 2010 Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Seine Schwerpunkte sind kulturwissenschaftliche Agrar-, Ernährungs- und Esskulturforschung sowie der kulturelle Wandel durch Rituale und Bräuche. Zuvor habilitierte und lehrte er an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, ab 2005 in einer Professur für Kulturanthropologie und Volkskunde.

Quelle: Universität Regensburg


Welche Denkanstöße gibt der Muttertag noch?

Der Muttertag offenbare ein demografisches Dilemma, meint Hirschfelder.

Mutter zu sein, ist in Deutschland heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler

Der erste Bundeskanzler Konrad Adenauer soll in der Rentendebatte des Jahres 1957 gesagt haben: "Kinder kriegen die Leute immer." Die Statistik zeigt heute etwas anderes: Blieben unter Frauen der Jahrgänge 1938 bis 1940 in Deutschland tatsächlich nur rund elf Prozent kinderlos, sind es heute nach den Daten des Statistischen Bundesamts recht konstant 20 Prozent - ob gewollt oder ungewollt.

Illustration - Geburten

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Wachsen würde Deutschland ohne Zuwanderung nur, wenn die Frauen statistisch mehr als zwei Kinder bekämen - das Bundesinstitut für Bevölkerungswachstum beziffert die dafür nötige Geburtenrate mit mehr als 2,1. Der Schnitt liegt bundesweit nach Angaben des Statistischen Bundesamts allerdings bei 1,35.

  • Mehr kinderlose Frauen im Westen als im Osten

Wie hat sich Familie im Vergleich zu früher gewandelt?

Hirschfelder sieht einen Wandel im zunehmenden Aufweichen der klassischen bürgerlichen Kleinfamilie:

Bei Patchwork kann es für Kinder schon knifflig werden, wer zum Muttertag ein Geschenk bekommen soll: Nur die leibliche Mutter oder auch die neue Frau des Vaters?

Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler

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Wen interessiert der Muttertag heute?

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter 2.122 Männern und Frauen über 18 Jahren im April 2024 knüpfen Mütter an "ihren" Tag höhere Erwartungen als Väter an den Vatertag. 62 Prozent der befragten Mütter wünschten sich Geschenke von ihren Kindern: etwa gemeinsam verbrachte Zeit (36 Prozent), Blumen (22 Prozent), Schokolade oder Pralinen (9 Prozent). Bei den Vätern legte nur jeder Zweite Wert auf den Vatertag.

Nach Einschätzung des Handelsverbands Deutschland kauft in diesem Jahr rund ein Drittel der Bundesbürger (30 Prozent) Muttertagsgeschenke, im Schnitt für 18,72 Euro pro Person. Der Verband rechnet mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro.

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Woher kommt der Muttertag?

Ursprünglich aus den USA. Am 8. Mai 1914 unterzeichnete der damalige Präsident Woodrow Wilson eine Resolution, die den zweiten Sonntag im Mai offiziell zum Muttertag machte - als "öffentlicher Ausdruck unserer Liebe und Ehrerbietung gegenüber den Müttern des Landes" sollten an öffentlichen Gebäuden die Flaggen gehisst werden.

In Deutschland ging die Initiative Anfang der 1920er Jahre vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber aus. Kulturwissenschaftler Hirschfelder sieht den Tag in jenen Jahren auch als "Trostpflaster" für trauernde Mütter, die ihre Söhne im Ersten Weltkrieg verloren. Die Nationalsozialisten vereinnahmten den Tag anschließend politisch-ideologisch mit einem staatlich aufgeladenen Propaganda- und Ehrungsritual für Mutterschaft als Dienst am Volk.

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Im Westdeutschland der frühen 1960er Jahre sei der Muttertag dann eine kleine Bühne gewesen, auf der Frauen wenigstens einmal im Jahr öffentlich zum Thema wurden, so Hirschfelder. Erst in den 1970er Jahren kursierte in der westdeutschen Frauenbewegung der Slogan: "Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber!"

In der DDR, wo Frauen meist berufstätig waren, war der Muttertag Privatsache. Der gesellschaftliche Fokus mit einem Schwerpunkt auf Gleichberechtigung lag auf dem Frauentag.

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Quelle: dpa
Über dieses Thema berichteten mehrere Sendungen, etwa ZDFheute Xpress in dem Beitrag "Wie viele Mamas gibt es in Deutschland?" am 10.05.2026 um 07:30 Uhr, das heute journal update am 08.05.2026 ab 00:15 Uhr und die heute-Nachrichten am 04.05.2026 ab 19:00 Uhr.

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