Neues Feature in Online-Plattform:X enthüllt Account-Standorte: Wie zutreffend sind die Daten?
von Jan Schneider
Mit einem neuen Feature will X mehr Transparenz schaffen: Nutzer sollen sehen, aus welchem Land ein Konto stammt. Was steckt hinter der Funktion und lässt sie sich manipulieren?
Mit einem neuen Feature will X mehr Transparenz schaffen. (Symbolbild)
Quelle: APDie Social-Media-Plattform X zeigt seit einigen Tagen an, aus welchem Land ein Profil mutmaßlich betrieben wird. Die Daten werden im Bereich "Über diesen Account" eingeblendet.
Die Funktion sorgte sofort für Aufmerksamkeit:
- Ein großer Fan-Account von US-Präsident Donald Trump mit knapp 590.000 Followern wird laut X plötzlich in Südasien verortet.
- Der populäre Kanal "Vladimir Putin News" (280.000 Follower) soll demnach aus Pakistan stammen.
- Und beim Account "@leavittnick_", der sich als Eheman von Karoline Leavitt, der Pressesprecherin des Weißen Hauses ausgibt, wird als Herkunft Nigeria angezeigt.
Diese Beispiele machen deutlich, wie sehr die neue Standortfunktion die politische Debatte beeinflussen kann - und wie viele Fragen sie gleichzeitig aufwirft.
Profil der FAN TRUMP ARMY auf X
Quelle: X / _TRUMP_ARMY_Wie ermittelt X den Standort?
Die genauen technischen Kriterien legt X nicht offen. Laut X-Produktchef Nikita Bier basiert die neue Anzeige auf Datenpunkten wie IP-Adressen, Login-Informationen, Gerätenutzung und Spracheinstellungen. Die Angabe soll ausdrücklich kein exakter Standort sein, sondern nur das Land oder die Region widerspiegeln, aus der ein Account überwiegend betrieben wird. Parallel dazu zeigt X inzwischen auch an, wie alt ein Profil ungefähr ist - ebenfalls als Transparenzfunktion.
Post von X-Produktchef Nikita Bier
Erst wenn Sie hier klicken, werden Bilder und andere Daten von X nachgeladen. Ihre IP-Adresse wird dabei an externe Server von X übertragen. Über den Datenschutz dieses Social Media-Anbieters können Sie sich auf der Seite von X informieren. Um Ihre künftigen Besuche zu erleichtern, speichern wir Ihre Zustimmung in den Datenschutzeinstellungen. Ihre Zustimmung können Sie im Bereich „Meine News“ jederzeit widerrufen.
Die Plattform erklärt, das Feature solle Nutzerinnen und Nutzern helfen, die Glaubwürdigkeit eines Accounts besser einzuschätzen. Angezeigt werden:
- das mutmaßliche Herkunftsland bzw. der Aufenhaltsort
- die Region des App-Stores,
- der Zeitpunkt der Accounterstellung und
- die Anzahl der bisherigen Namensänderungen.
Der Rollout läuft aber noch, und die Funktion wird derzeit angepasst.
Wie zuverlässig ist das?
Die Aussagekraft ist begrenzt. Ein Nutzer kann sich in einem anderen Land aufhalten, während seine App-Store-Region weiterhin auf ein früheres Wohnland verweist. Venezuelas Präsident Nicolas Maduro hält sich laut seinem X-Profil aktuell in den USA auf, aktuelle Bilder zeigen ihn aber eindeutig in Caracas in Venezuela.
Auch durch VPN-Verbindungen lassen sich die Daten beeinflussen. VPNs oder Proxies können die IP-Adresse verschleiern. Ein VPN ist ein virtuelles privates Netzwerk, das eine sichere und verschlüsselte Verbindung über das öffentliche Internet herstellt. Ein sogenannter Proxy-Server ist eine Art Zwischenserver, der Anfragen eines Nutzer umleitet und so die Herkunft verschleiert.
Bei hochwertigen Diensten kann es sein, dass X dies nicht erkennt. Gleichzeitig bleibt die App-Store-Region aber bestehen, sofern sie nicht aktiv geändert wird.
Elon Musks Wunsch, die Geschichte "neu schreiben zu wollen", habe offenbar Eingang gefunden in Teile des KI-Chatbots Grok, sagt der Blogger Sascha Lobo.
11.07.2025 | 4:27 minWer mehrere Signale beeinflusst - Geräteeinstellungen, App-Store, Netzwerk - könnte das System täuschen, sicher ist das allerdings nicht. Auch Fake-Standorte (z. B. über Emulatoren oder alternative App-Stores) sind möglich. Umgekehrt können unbeteiligte Nutzer ohne jede Manipulationsabsicht durch technische Besonderheiten falsch eingeordnet werden.
Was bringt das Feature?
Grundsätzlich kann mehr Transparenz helfen, politische Manipulationen zu erkennen. Wenn ein stark reichweitenstarker Account über US-Politik schreibt, aber aus einer anderen Weltregion operiert, ist das für die Einordnung relevant. Plattformen wie Facebook, YouTube oder TikTok haben in den vergangenen Jahren ähnliche Transparenzmechanismen eingeführt, um staatliche Einflussnahme und koordinierte Kampagnen sichtbarer zu machen - allerdings mit deutlichen Unterschieden.
Wie machen es andere Plattformen?
Facebook zeigt bei größeren Seiten seit 2018 an, in welchen Ländern Administratoren sitzen. Ziel war, verdeckte politische Einflusskampagnen - etwa aus Russland - erkennbarer zu machen. Facebook verzichtet jedoch bewusst darauf, den Standort einzelner Privatpersonen öffentlich anzuzeigen, um Risiken wie Stalking oder staatliche Repression zu vermeiden.
YouTube markiert staatlich finanzierte Medien gesondert, zeigt jedoch keine Standortdaten von Creator-Accounts an. Auch TikTok kennzeichnet staatliche oder staatsnahe Medien, sammelt zwar intern Standortdaten, veröffentlicht diese aber nicht. Bei TikTok kam es wiederholt zu Diskussionen über fehlerhafte interne Standortzuordnungen - ein weiteres Beispiel für die technische Unsicherheit solcher Systeme.
Sie gehören zu den reichsten Männern der Welt. Seit Trump an der Macht ist, sitzen die Chefs der großen US-Tech-Konzerne wie Meta und X sozusagen direkt im Weißen Haus - eine gefährliche Allianz.
20.05.2025 | 9:02 minReddit arbeitet überwiegend ohne öffentliche Standortangaben. Plattforminterne Moderation kann Standorte berücksichtigen, aber Nutzerinnen und Nutzer sehen davon nichts.
Welche Risiken entstehen daraus?
Die neue Funktion von X kann für bestimmte Personengruppen gefährlich sein. Aktivist*innen, Journalist*innen oder Oppositionelle in autoritären Staaten könnten gefährdet sein, wenn ihr ungefähres Herkunftsland öffentlich sichtbar wird oder wenn X ihnen indirekt attestiert, ein VPN zu nutzen.
Auch für marginalisierte Gruppen oder Menschen, die aus Sicherheitsgründen anonym bleiben müssen, steigt das Risiko von Doxxing (Sammlung und Veröffentlichung personenbezogener Daten) oder politischem Druck.
Zusätzlich besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen: Wenn ein Account fälschlich einem Land zugeordnet wird, kann dies politisch instrumentalisiert werden.
Fazit: Die Standortanzeige von X schafft einerseits neue Transparenz und kann helfen, politisch einflussreiche Accounts besser zu beurteilen. Gleichzeitig ist sie technisch ungenau, manipulierbar und birgt erhebliche Privatsphärerisiken. Im Gegensatz zu anderen großen Plattformen zeigt X Standortdaten auch für persönliche Profile an - ein Schritt, den Facebook, TikTok oder YouTube bewusst nicht gehen, weil die Gefahren zu groß und die Daten zu fehleranfällig sind. Die Standortangabe dient damit eher als zusätzlicher Hinweis, nicht als verlässlicher Herkunftsnachweis. Nutzer sollten sie im Kontext lesen - und mit Vorsicht.
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