Soziologe zum Wal-Dilemma:"Moralisch wird mit zweierlei Maß gemessen"
Eine Initiative privater Geldgeber will den Buckelwal vor der Insel Poel retten. Bei ZDFheute live erklärt ein Umweltsoziologe, warum das Schicksal des Wals so viele bewegt.
Seit Wochen kämpft der Buckelwal "Timmy" in der Ostsee ums Überleben. Er ist mehrfach gestrandet und gilt als schwer krank. Experten stuften seine Chancen zuletzt als gering ein.
Umweltsoziologe Sebastian spricht im Interview mit ZDFheute live von einer Doppelmoral gegenüber dem Wal und anderen Tieren. Laut ihm seien Menschen in der Lage Tieren gegenüber ganz verschiedene Beziehungen einzugehen. "Die reichen von einer starken Personalisierung von Tieren bis hin zu einer starken Objektmachung von Tieren." Beim Ostsee-Wal würde man nun genau den ersten Fall beobachten können.
Obwohl jedes Jahr mehrere tausend Wale durch äußere Einflüsse sterben würden, wäre mit so vielen eine individualisierte Empathie nicht möglich, so Sebastian. Da sei eine gewisse Ambivalenz mit drin, "eine Unsichtbarkeit des Leidens der allermeisten Tiere", sagt Umweltsoziologe Sebastian. Es werde "moralisch mit zweierlei Maß gemessen".
"Starke Ohnmacht" und "Frustration" als Antreiber
Das Bedürfnis den Wal trotz der schlechten Prognosen doch nochmals retten zu wollen erklärt er sich durch zwei Aspekte: Zum einen durch die Aufmerksamkeit, die das Tier gerade auf sich ziehe. Dazu komme eine "starke Ohnmacht" und "Frustration", dass mehrere Expertinnen und Experten gesagt haben, dass die Situation für den Wal aussichtlos sei. Dadurch gebe es "Verzweiflungstaten" von Demonstrationen bis hin zu großen Initiativen, wo "Menschen mit dem entsprechenden Kapital" dann einspringen würden. Interessant sei dabei auch, dass es in der Kehrtwende in der Politik gegeben habe.
Am Ende sei es aber eine Risikoabwägung von verschiedenen Menschen, die beteiligt sind und keiner könne vorhersehen, wie die Aktion ausgehe. "Je nachdem, was passiert, wird die eine Seite sagen, wir haben es ja immer gewusst", sagt Umweltsoziologe Sebastian. Aus soziologischer Sicht sei es ein spannender Konflikt, wie mit Risiken und Wissen umgegangen werde.