Marco Büchel zu alpinen Wettbewerben:Experte: "Lindseys Muskulatur ist sehr stark"
Der ZDF-Alpin-Experte spricht im Interview über Lindsey Vonns Verletzung und ihren Start in Cortina sowie die deutschen Chancen bei den Olympischen Spielen.
Analysiert die Situation vor den olympischen Winterspielen: Experte Marco Büchel.
Quelle: ZDF/Johann GroderZDFheute: Herr Büchel, Sie haben am vergangenen Freitag die Abfahrt von Crans-Montana für das ZDF mitkommentiert, in der Lindsey Vonn gestürzt ist. Ihre Sturzstelle, das Fuchsloch, hätte sie kennen müssen. Was hat sie falsch gemacht?
Marco Büchel: Diese Stelle ist allseits bekannt, und das schon seit Jahren. Wer da zu weit springt wie die Lindsey am Freitag, bekommt ein Riesenproblem.
Schon zum fünften Mal steht Lindsey Vonn in diesem Jahr auf der Olympia-Bühne. Dies will sich die US-Amerikanerin nicht nehmen lassen - auch nicht von einem Kreuzbandriss.
04.02.2026 | 1:34 minZDFheute: Vonn kommunizierte am Dienstag, dass sie sich bei ihrem Sturz unter anderem einen Riss des vorderen Kreuzbandes im linken Knie zugezogen hat. Sie will dennoch am Sonntag in Cortina in der Abfahrt starten. Wie ist so etwas möglich?
Büchel: Grundsätzlich ist so etwas möglich, wenn die Muskulatur stark genug ist, um das gerissene Kreuzband zu stützen. Und Lindseys Muskulatur ist sehr stark. Sie wird das Knie mit einer Stützschiene und einem Tape so fixieren, dass es eine gewisse Stabilität erhält. Es besteht aber die Gefahr von Folgeverletzungen. Sie sagt, sie habe keine Schmerzen, das ist schon mal die Voraussetzung.
Wenn sie nun mit dieser Vorgeschichte eine Medaille macht, ist das eine gigantische Story. Unabhängig von der Verletzung möchte ich aber sagen: Dass die Lindsey mit Beginn der Saison und mit 41 Jahren und einem Comeback nach fünfeinhalb Jahren Pause in der Abfahrt so dominiert, das sagt auch einiges über ihre Konkurrenz aus.
Aksel Lund Svindal, Trainer von US-Star Lindsey Vonn, über ihren Sturz bei der Abfahrt in Crans Montana, die Bedingungen der Strecke - und das Ziel für Olympia.
30.01.2026 | 2:08 minZDFheute: Das US-Team verfügt mit Mikaela Shiffrin über einen weiteren Star. Sie ist die Slalom-Dominatorin. Was zeichnet sie aus?
Büchel: Mikaela verfügt über den modernsten Fahrstil. Ihre Hüfte steht bei den Schwüngen ein bisschen höher als die ihrer Gegnerinnen, sie kann ihren Schwung kürzer gestalten und kommt schneller in die Falllinie. Das generiert Tempo. Sie hebt das Niveau ständig an, sie ist eine so famose Skifahrerin - da ziehe ich den Hut.
ZDFheute: Neben Vonn und Shiffrin haben aber auch die deutschen Starterinnen Lena Dürr, Emma Aicher und Kira Weidle-Winkelmann Medaillenchancen in Cortina. Wie sehen Sie dieses Trio?
Büchel: In den Einzeldisziplinen können sie meiner Meinung nach bis zu vier Medaillen gewinnen. In der Abfahrt besitzen die Deutschen mit Emma Aicher und Kira Weidle-Winkelmann zwei Trümpfe. Emma hat für mich noch größere Chancen im Super-G, weil sie wunderbar carven kann. Im Slalom ist die Emma auch eine Podiumskandidatin - und wenn alles passt und zusammenläuft, auch Lena Dürr.
Von den ersten sechs Rennläuferinnen in Crans Montana stürzten drei, darunter US-Star Lindsey Vonn. DSV-Alpinchef Wolfgang Maier gibt seine Einschätzung zu den Gründen.
30.01.2026 | 2:30 minZDFheute: Wie bewerten Sie die Entwicklung der 22-jährigen Emma Aicher?
Büchel: Sie ist ein Riesentalent. Wenn sie sich diese Leichtigkeit bewahren kann und sie weiter mit Unbeschwertheit mischt, dann kann sie eine ganz Große werden.
ZDFheute: Bei den Männern wiederum dominieren in dieser Saison die Schweizer mit ihrem Topstar Marco Odermatt. Was ist er für ein Fahrertyp?
Büchel: Für ihn sind vier Medaillen in vier Wettbewerben möglich: in der Abfahrt, im Super-G, im Riesenslalom und mit dem Team. Marco Odermatt ist ein bodenständiger, sehr fokussierter Athlet, der sich dessen bewusst ist, dass er spezielle Fähigkeiten besitzt.
Ähnlich wie Shiffrin verfügt er derzeit über die modernste Technik. Um bei der Abfahrt zu gewinnen, und das ist sein Traum, benötigt er aber technische Herausforderungen.
In Kürze beginnen die olympischen Winterspiele in Italien. IOC-Präsidentin Kirsty Coventry ist vor dem Start um ein positives Bild bemüht - keine leichte Aufgabe.
03.02.2026 | 1:40 minZDFheute: Sind die in Bormio, wo die Männer starten, gegeben?
Büchel: Ja, Bormio verfügt über eine technisch anspruchsvolle, eine Odermatt-Piste.
ZDFheute: Die olympischen Pisten für die Frauen in Cortina und für die Männer in Bormio sind fünf Autostunden voneinander entfernt - vor allem aber sind die Männer und Frauen bei ihren Wettkämpfen getrennt. Was sagen Sie dazu?
Büchel: Das ist eine politische Entscheidung, die ich nicht gut finde. Cortina hat 2021 eine Ski-WM für Männer und Frauen ausgerichtet. Wenn wir über Nachhaltigkeit reden, wäre das ein Top-Zeichen gewesen. Aber die Organisatoren unterliegen Verpflichtungen, und da war es offenbar nicht möglich, eine Region mit Bormio von den Spielen auszuschließen.
Das Interview führte Stephan Klemm.
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