Handball-Bundestrainer schon Gewinner :Alfred Gislason: Erst kritisiert - jetzt gefeiert
von Erik Eggers
Alfred Gislason beweist mit seiner Auszeit im Frankreich-Spiel perfektes Timing und gewinnt mit dem Halbfinaleinzug einen riskanten Poker. Dabei wurde er zuletzt noch kritisiert.
Beim letzten Hauptrunden-Sieg gegen Frankreich passte bei den deutschen Handballern viel zusammen. Folglich gab es nach dem Halbfinal-Einzug mehrere Gewinner.
29.01.2026 | 1:09 minEr konnte sich ein breites Lächeln nicht verkneifen. Und obwohl gegen Frankreich so viel auf dem Spiel stand, als Alfred Gislason neun Minuten vor Schluss den Buzzer zur Auszeit gedrückt hatte, jubelte der Bundestrainer mit erhobenen Armen darüber, diesmal dafür den perfekten Moment getroffen zu haben: Ein paar Zehntelsekunden später - und der deutsche Angriff hätte mit einem Fehlpass Nils Lichtleins den Ball verloren.
Deutschland steht im Halbfinale der Handball-EM. Dank einer starken Leistung in der Offensive schlug das DHB-Team Frankreich und spielt weiter um den Titel.
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"Lustig, dass so eine Szene passiert", sagte der an diesem Abend überragende Regisseur Juri Knorr nach dem fulminanten 38:34-Sieg, mit dem die deutschen Handballer ins Halbfinale bei der Europameisterschaft einzogen. Also jener Profi, dem Gislason noch bei der Vorrundenpleite gegen Serbien mit einer unglücklichen Auszeit ein Tor gestohlen hatte.
"Buzzer-Gate" gegen Serbien
Dieses "Buzzer-Gate" hatte dem Team, wie Gislason sich selbst anklagte, "mindestens einen Punkt gekostet".
Nun freute sich der Bundestrainer über das wiedergefundene Timing. Er habe vielleicht zehnmal in seiner Trainerkarriere mit einer solchen Auszeit gezockt, berichtete der 66-Jährige lächelnd nach Abpfiff.
Gegen Serbien war es das erste Mal, dass ich falschgelegen habe. Deswegen hat mich gefreut, dass es diesmal auch wieder richtig war. Endlich mal wieder.
Alfred Gislason, Handball-Bundestrainer
Womöglich steht dieser Knopfdruck, sollte das Turnier für die Deutschen mit der ersten EM-Medaille seit dem Titelgewinn 2016 enden, als Metapher. Schließlich war der Bundestrainer nach der Niederlage gegen Serbien und dem drohenden Vorrunden-Aus schwer unter öffentlichen Beschuss geraten. "Vor zwei Wochen dachten wir, dass wir nach der Vorrunde nach Hause fahren", sagte Knorr, der selbst nicht glauben konnte, wie rasant sich die Stimmung nach dem Frankreich-Spiel gedreht hatte.
Die Stimmen der deutschen Spieler nach dem Sieg gegen Spanien bei der Europameisterschaft 2026. Unter anderem mit Renars Uscins, Johannes Golla und Andreas Wolff.
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Debatte um den Bundestrainer
Die nach dem Serbien-Spiel hochkochende Debatte, ob Gislason überhaupt noch der passende Coach sei und noch über den nötigen Rückhalt beim Deutschen Handballbund verfüge, zumal DHB-Präsident Andreas Michelmann schon vor Weihnachten keine Jobgarantie für ihn gegeben hatte, war zwar nach dem Einzug in die Hauptrunde wieder abgeebbt.
Aber als Gislason den Keeper Andreas Wolff für das Spiel gegen Dänemark auf die Bank setzte und die beiden Stammspieler auf den Flügeln, Lukas Mertens und Lukas Zerbe, gar aus dem Kader strich, schwoll nach der Niederlage gegen den Gastgeber die mediale Kritik wieder an.
Tatsächlich waren seine Maßnahmen nicht nur ein Poker, wie Gislason danach erklärte. Vielmehr sei er dazu gezwungen worden, da Wolff und die beiden Flügel physisch so stark beansprucht worden waren.
Erinnerungen an Fußball-WM 1954
Selbstverständlich aber provozierte die riskante Strategie Gislasons, alles auf einen Sieg gegen Frankreich zu setzen, die Erinnerung an den legendären Fußballtrainer Sepp Herberger. Dieser hatte bei der WM 1954 im Vorrundenspiel gegen Ungarn (3:8) auch seinen Stammtorwart Toni Turek geschont, der dann im Endspiel (3:2) über sich hinauswuchs und seinem Team eine sporthistorische Sensation bescherte.
Ob Gislasons handballerische Herberger-Variante für eine deutsche Sensation bei dieser EM sorgen wird, ob sie reicht für einen Triumph im Finale gegen Weltmeister Dänemark, ist offen. Aber der Isländer machte schon vor dem Einzug ins Halbfinale klar, dass ihn die öffentliche Kritik kalt lässt.
Alfred Gislason: Cooler Isländer
"Ich bin seit '91 Trainer und habe vieles erlebt", erklärte Gislason am Dienstag. "Ich hatte nie Ängste, den Job zu verlieren." Er liebe diesen Job zwar, sagte er. Aber irgendwann werde ohnehin ein anderer Trainer übernehmen.
Das klang, als fließe Eis durch Gislasons Adern. Und doch war seine Genugtuung nach dem Knopfdruck gegen Frankreich nicht zu übersehen.



