Kontakt über Chat-Dienste für Teenager:Strategien der Täter bei Anbahnung von Missbrauch
von Stephanie Schmidt
Soziale Medien, Chats, Online-Games - Pädokriminelle nehmen hier Kontakt zu potenziellen Opfern auf. Immer mehr Minderjährige sind von Cybergrooming betroffen.
Annie* ist erfolgreiche Schwimmerin in einem Schwimmverein. Mit elf Jahren beginnt ein privater Chatkontakt mit ihrem älteren Trainer, der ihr grenzüberschreitende Nachrichten schickt.
20.02.2026 | 5:44 minAnnie* kann sich nicht mehr daran erinnern, wann die sexualisierten Nachrichten angefangen haben. Sie kennt ihren Trainer schon länger, bekommt sonst per WhatsApp von ihm Tipps zum Schwimmen. Als sie elf Jahre ist, fragt der Trainer plötzlich: "Hast Du dieses Mädchenproblem?" und später: "Willst Du mit mir dann irgendwann dein erstes Mal haben?".
Sie ist verwirrt, kann die Fragen nicht einschätzen, Sexualität ist in ihrem Leben noch nicht präsent. Der Trainer, der damals 20 Jahre ist, schreibt ihr später, dass sie niemandem davon erzählen darf, da sein Leben sonst ruiniert ist, dass es "ihr Geheimnis ist und er sie später heiraten möchte". Annie schweigt und redet mit niemandem über die Chats.
Was können Eltern tun, wenn Kinder Opfer von sexualisierter Gewalt werden? Welche Anzeichen gibt es? Traumapädagoge Karl-Heinz Zmugg und Journalistin Kerstin Claus im Gespräch.
20.02.2026 | 8:19 minSo nehmen Täter Kontakt zu Kindern und Jugendlichen auf
Die Anbahnung von Missbrauch findet häufig auch übers Internet statt. Ein beliebtes Mittel sind Chatnachrichten. Cybergrooming, so die Definition, meint eigentlich die Vorbereitung von sexuellem Missbrauch oder Belästigung. Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen ist in Deutschland von Cybergrooming betroffen, so eine aktuelle Studie der Landesmedienanstalt NRW. Auch wenn die Nachrichten noch nicht die Grenze der Strafbarkeit überschreiten, können sie die Betroffenen erheblich belasten.
Möglichkeiten der Kontaktaufnahme
Täter verkaufen sich als gleichaltrig und spielen gemeinsam in Echtzeit-Multiplayer-Spielen. Eine ins Spiel integrierte Chatfunktion bietet die Möglichkeit, sich über gemeinsame Strategien auszutauschen oder Spielhandlungen zu kommentieren. Häufiges Ziel ist, die Handynummer von Minderjährigen zu "erbeuten" und die Unterhaltung auf einen Messenger mit Bild-, Video- und Live-Video-Funktion zu verlagern. Hierüber können sie ihre Opfer nicht nur jederzeit erreichen, sondern sie auch direkt vor der Handykamera zu sexuellen Handlungen manipulieren. Man spricht hierbei von Livestream-Missbrauch. Sobald ein Nacktbild oder eine pornografische Videoaufnahme eines Opfers vorliegt, können damit explizitere oder mehr Nacktaufnahmen, weiterer Livestream-Missbrauch oder im Extremfall ein persönliches Treffen mit physischem Missbrauch erpresst werden.
Je nach Interesse geben sich Täter zum Beispiel als Model- oder Fußball-Talentscouts aus. Die erste Kontaktaufnahme erfolgt häufig darüber, dass sie immer wieder Fotos und Videos auf dem Social-Media-Profil ihrer potenziellen Opfer liken und kommentieren. Durch Komplimente versuchen sie, eine persönliche Vertrauensebene aufzubauen. Mit scheinbar einmaligen Angeboten wie Modelcastings oder Probetrainings für Fußball-Nachwuchsmannschaften kann das Interesse von Kindern und Jugendlichen geweckt werden. Aufgrund privater Videotelefonie- oder Livestream-Funktion eignen sich soziale Medien als Anbahnungs- und Missbrauchsplattformen.
Auf Chatplattformen, die offiziell meist ab 16 Jahren zugelassen sind, können sich User*innen in Themenkanälen oder zu zweit in Privatchats miteinander austauschen. Darunter finden sich auch Singlebörsen mit expliziten Gesuchen nach Nacktbildern, sexuellen Vorlieben, Video-Sex oder persönlichen Treffen. Angelockt durch die harmlose Aufmachung können Kinder und Jugendliche schnell in Kontakt mit ungeeigneten pornografischen Inhalten oder sogar mit sexuellen Gewalttäter*innen kommen. Gleiches gilt für zufällige Live-Chats mit Fremden: Per Zufallsgenerator verbinden Live-Chatplattformen Nutzer*innen aus der ganzen Welt via Webcam miteinander. Die hohe Anonymität lässt die Hemmschwelle unter anderem für sexuelle Belästigung sinken.
Lena Jensen wird als Kind über mehrere Jahre sexuell schwer missbraucht - wie schätzungsweise eine Million Kinder in Deutschland. Heute ist sie eine Stimme für mehr Kinderschutz.
30.06.2024 | 1:29 minKarl-Heinz Zmugg ist Traumapädagoge und arbeitet bei der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger". "Schweigen wird häufig als manipulative Strategie eingesetzt, um Kontrolle auszuüben, Taten zu vertuschen und Opfer zum Schweigen zu bringen. Diese Form der psychischen Gewalt, oft als 'Silent Treatment' bezeichnet, dient dazu, das Gegenüber zu verunsichern, zu beschämen und abhängig zu machen", so Zmugg.
Wie Täter bei sexuellem Missbrauch vorgehen
Das bewusste Abbrechen der Kommunikation (Ignorieren, Nicht-Antworten) bringt das Opfer in eine unterwürfige Position und lässt es an sich selbst zweifeln.
Schweigen wird genutzt, um das Opfer für Handlungen oder Äußerungen zu bestrafen, die dem Täter nicht passen, oft um unliebsame Themen totzuschweigen.
Durch Drohungen und das Erzeugen von Angst wird das Opfer zum Schweigen verpflichtet, was die Aufdeckung der Tat verhindert.
Täter isolieren Opfer oft sozial, indem sie eine Atmosphäre des Schweigens schaffen, in der das Opfer glaubt, niemandem vertrauen zu können.
Das Schweigen kann dazu führen, dass Opfer ihre eigenen Erinnerungen an den Missbrauch infrage stellen ("Das ist nie passiert"), was die Täterstrategie der Verwirrung unterstützt.
Durch das Charité-Projekt "Kein Täter werden" bekommen Menschen mit pädophilen Neigungen Unterstützung, damit sie nicht zum Täter werden. Wie eine Therapie abläuft.
20.02.2026 | 7:30 minCybergrooming: Warum Opfer schweigen
Kinder erkennen die Anbahnung von Missbrauch häufig nicht. Sie haben nur ein intuitives Gefühl, dass etwas nicht stimmt, so Kerstin Claus, unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Loyalität ist nur einer von vielen Aspekten, warum Opfer schweigen.
Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
Sie würden schweigen, "weil die Übergriffe Teil einer kreierten Normalität sind, weil sie erpresst, bedroht werden. Weil die Bezugsperson sagt, das sei ihre spezielle Form der Liebe", so Claus weiter. Grenzverletzungen und Gewalt an Kindern sind schwer nachzuweisen. Falsche Loyalität ist häufig ein Grund. Auch Annie beschreibt diese Unsicherheit: "Ich konnte das nicht einschätzen und wollte auch sein Leben (Anm.: des Trainers) nicht zerstören. Außerdem habe ich mich schuldig gefühlt, da ich keine Grenzen gesetzt habe."
- Sexuelle Gewalt wird in 75 Prozent der Fälle im engsten Umfeld ausgeübt.
- Nur ein Prozent der Fälle wird Jugendämtern und Ermittlungsbehörden bekannt.
- In jeder Schulklasse sitzen ein bis zwei betroffene Kinder.
- 89 Prozent der Opfer sind 13 Jahre oder jünger.
Quelle: Landesanstalt für Medien NRW
Kinder und Jugendliche sind auf gängigen Onlineplattformen nach wie vor gravierender sexualisierter Gewalt ausgesetzt, wie das Lagebild der Bundesregierung zeigt.
21.08.2025 | 2:33 minAls sich Annie immer mehr zurückzieht, nicht mehr zum Training will und in der Schule immer schlechter wird, schaut die Mutter in das Handy und findet den Chatverlauf.
Warum Strafverfahren bei Cybergrooming oft scheitern
Heute ist Annie älter und begreift langsam, was ihr passierte: "Ich war damals elf Jahre und er war mein Trainer. Heute weiß ich, dass ich nicht schuld war, aber damals habe ich mich geschämt." Nach der Anzeige sicherte die Staatsanwaltschaft damals die Chatnachrichten, die 735 DIN A4-Seiten füllten. An der Echtheit der Nachrichten hat die Staatsanwaltschaft keine Zweifel. Trotzdem stellte sie das Verfahren schon nach zwei Wochen ein, da der Trainer "seine sexuellen Andeutungen im Chatverlauf vage hält und mehrfach betont, dass sexuelle Handlungen erst 'in ein paar Jahren' stattfinden könnten".
Der Trainer wurde nicht vernommen. Zu einer Gefährderansprache erschien er nicht. Gegenüber dem Schwimmverein erklärt er, er habe die ihm vorgeworfenen Chats nicht geschrieben. Annie und ihre Familie kämpfen weiter um eine komplette Aufarbeitung des Sachverhalts.
Stephanie Schmidt ist Redakteurin der ZDF-Sendung "Volle Kanne - Service täglich".
* Name wurde von der Redaktion geändert.
Kerstin Claus ist uanbhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Ein Überblick über die Arbeit beim LKA in Düsseldorf im Kampf gegen sexuelle Gewalt.
20.02.2026 | 12:27 minSie wollen auf dem Laufenden bleiben? Dann sind Sie beim ZDFheute-WhatsApp-Channel richtig. Hier erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten auf Ihr Smartphone. Nehmen Sie teil an Umfragen oder lassen Sie sich durch unseren Podcast "Kurze Auszeit" inspirieren. Zur Anmeldung: ZDFheute-WhatsApp-Channel.
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