Expertin zu Plan gegen Finanzkriminalität:Ist nun bald Schluss mit dem Steuerbetrug, Frau Brorhilker?
Die Bundesregierung will Steuerbetrügern das Leben künftig schwer machen. Die ehemalige Cum-Ex-Chefermittlerin Brorhilker lobt den geplanten Bruch mit alten Strukturen.
Etwa 100 Milliarden Euro sollen dem deutschen Staat jährlich durch Steuerbetrug entgehen. Juristin Brorhilker ordnet bei ZDFheute live den neuen Aktionsplan der Regierung ein.
16.07.2026 | 16:59 min"Die Ehrlichen dürfen nicht die Dummen sein", das sagte Bundesfinanzminister und SPD-Chef Lars Klingbeil bei der Vorstellung der 26 Maßnahmen, mit denen künftig effektiver gegen Steuerbetrug vorgegangen werden soll. Aber wie wirksam sind die Maßnahmen dieses neuen Aktionsplans nun wirklich?
ZDFheutelive hat eine der bekanntesten Steuerermittlerinnen Deutschlands, die ehemalige Chefermittlerin im Cum-Ex-Steuerbetrug-Skandal - Anne Brorhilker - dazu befragt.
Die Bundesregierung will entschlossener gehen Steuerbetrug und Finanzkriminalität vorgehen und stellt einen Aktionsplan mit insgesamt 26 Maßnahmen vor.
16.07.2026 | 1:42 minUm welche Summen geht es im Zusammenhang mit Steuerbetrug?
Geschätzt sind es etwa 100 Milliarden Euro, die dem Staat auf diese Weise "durch die Lappen" gehen, sagt Brorhilker gegenüber ZDFheutelive. Das entspricht einem Fünftel des aktuellen Staatshaushalts.
- Einnahmeverluste minimieren
- Abschreckung erhöhen
- Ermittlungen bündeln
- Daten analysieren und vernetzen
- Transparenz schaffen
- Steuerflucht verhindern
Wie steht die Expertin zu den Plänen der Koalition?
"Ich bin sehr positiv überrascht", betont die ehemalige Oberstaatsanwältin. Sie lobt die "große Bandbreite an Maßnahmen". Sie beträfen sowohl "inhaltliche als auch materiell rechtliche Aspekte und umfassten auch strukturelle Dinge, wie den Behörden-Aufbau". Und sie sagt weiter:
Das ist alles sehr, sehr sinnvoll. Und ja, ich habe den Eindruck, dass wirklich verstanden worden ist, dass man tatsächlich gegen Steuerkriminalität, die uns einen erheblichen Schaden zufügt, jetzt wirklich mal vorgehen will. Und das finde ich natürlich sehr, sehr gut.
Anne Brorhilker
Die ehemalige Chefermittlerin lobt, "dass wir jetzt nicht nur über die Bekämpfung von Sozialhilfebetrug sprechen", sondern dass es jetzt auch mal um die schweren Fälle von Steuerhinterziehung gehe. "Das ist eine Gerechtigkeitsfrage und ich finde gut, dass das jetzt angegangen wird."
Die Bundesregierung möchte künftig härter gegen Steuerbetrug vorgehen. „Da können mehrere Milliarden Zusatzeinnahmen rauskommen“, so Christoph Trautvetter (Netzwerk Steuergerechtigkeit).
16.07.2026 | 4:44 minWarum ist die Verfolgung der Straftäter derzeit so schwierig?
Laut Brorhilker sind die deutschen Behörden strukturell bisher nicht so aufgestellt, dass sie es mit Netzwerken und mit komplexen Bandenstrukturen aufnehmen könnten - zumal diese oftmals aus dem Ausland agierten.
Das betreffe beispielsweise Umsatzsteuerkarusselle, die hohen Schaden erzeugten: "sowas wie Cum-Ex und Cum-Cum. Das sind die Fälle, mit denen wir im Moment nicht gut zurechtkommen." Dafür brauche es strukturelle Änderungen im Aufbau von Behörden.
...machte sich als Oberstaatsanwältin in Köln und Chefermittlerin im Cum-Ex-Skandal einen Namen. 2024 verließ sie den Staatsdienst.
Inzwischen kämpft sie als Geschäftsführerin für die Bürgerbewegung Finanzwende gegen Finanzkriminalität.
Künftig soll Whistleblowing möglich sein - ist das hilfreich?
Die Juristin befürwortet, dass der Bund künftig die Möglichkeit haben soll, durch den Erwerb von Daten Steuerbetrügern auf die Spur zu kommen. "Man sollte diese Chance durchaus nutzen", meint die erfahrene Ermittlerin. Es ginge ja gerade darum, an abgeschottete Strukturen heranzukommen. "Das ist ein Merkmal von organisierter Kriminalität, dass es sehr abgeschottete, sehr konspirative Strukturen sind."
Und da ist es für den Staat dann besonders schwer, dazwischen zu kommen. Da muss man schon Anreize bieten, damit man da hinter die Kulissen blicken kann. Deswegen ist das grundsätzlich eine gute Idee, solche Anreize zu schaffen.
Anne Brorhilker
Was kann das geplante Zoll-Zentrum bewirken?
Beim Zoll ist ein "Gemeinsames Zentrum gegen Steuer- und Finanzkriminalität" vorgesehen. Analyse, Ermittlung und Verfolgung von Geldwäsche sowie Steuerkriminalität sollen so gebündelt werden, Künstliche Intelligenz darf dafür eingesetzt werden.
Im Cum-Ex-Steuerbetrug wurde der Anwalt Kai-Uwe Steck heute zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Er hat als Kronzeuge maßgeblich zur Aufarbeitung beigetragen.
03.06.2025 | 1:50 minDie geplante Bündelung hält Brorhilker angesichts des föderalistischen Systems in Deutschland für "eine gute Idee". Ihre Begründung: "Wir haben eine Vielzahl von zersplitterten Zuständigkeiten und eine ganz schlechte Vernetzung zwischen den Behörden. Es findet fast kein Austausch statt. Und das führt dann eben gerade bei solchen gravierenden Fällen dazu, dass man die schon gar nicht entdeckt und auch nicht mit den vorhandenen Ressourcen angehen kann."
Und deswegen ist es eine sehr gute Idee, da die Kräfte zu bündeln, mehr Datenaustausch zu betreiben, aber auch wirklich die operativen Kräfte zu bündeln.
Anne Brorhilker
Föderalismus ist nicht das einzige Behördengeflecht, das Brorhilker als Hürde für erfolgreiche Fahndung ausmacht. Auch die Ermittlungsarbeit auf den drei Säulen - Polizei, Zoll und Steuer - verhindert in ihren Augen einen guten Austausch.
Und das zu überwinden, zumindest an oberster Bundesstelle, das ist eine sehr, sehr gute Idee, weil uns einfach jetzt die Vergangenheit gezeigt hat, dass sonst viel zu viele Informationen durchs Netz rutschen. Und das führt eben dazu, dass wir gerade diese großen Fälle nicht richtig angehen können.
Anne Brorhilker
- Steuerfahndung: Warum dem Staat Millionen entgehen
Kann der Aktonsplan wirklich Erfolg haben?
Laut Brorhilker ist einer der ganz wichtigen Punkte im Zusammenhang mit Steuerbetrug folgender:
Es geht bei Kriminalität vor allen Dingen ums Entdeckungsrisiko. Und das war bisher bei den großen Fällen viel zu gering.
Anne Brorhilker
"Das habe ich selber - ich war ja früher Staatsanwältin in dem Bereich - auch in vielen E-Mails lesen können, dass die Täter gedacht haben, 'ach, in Deutschland, da können wir gut zuschlagen, die werden es einfach nicht entdecken.' "
Brorhilker erhofft sich, dass nicht nur Kräfte gebündelt werden, sondern dass künftig technisch moderne Ermittlungsmethoden angewandt werden.
Also da sagen wir mal: Nicht immer nur an alten Mustern zu kleben, sondern mal ein bisschen mit der Zeit zu gehen, das ist eine sehr, sehr gute Idee.
Anne Brorhilker
Das Interview führte ZDFheute-live-Moderator Ralph Szepanski.
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