65.000 Schulabgänger ohne Abschluss:Welche Folgen ein Schulabgang ohne Abschluss hat
von Paul Manger, Lena Sünderbruch, Susanne Seidl
Fast wäre Celina eine von 65.000 geworden. So viele junge Menschen haben vergangenes Schuljahr die Schule ohne Abschluss verlassen. Welche Folgen hat das? Ein Beispiel.
Im Schuljahr 2024/25 verließen laut Statistischem Bundesamt 65.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Vor zehn Jahren waren es nur rund 47.000.
09.10.2026 | 1:32 minEs war die schlimmste Zeit ihres Lebens, erinnert sich Celina. In ihrer alten Schule habe sie irgendwann angefangen, oft zu fehlen. Der Prozess begann schleichend. Was mit wenigen Tagen anfing, entwickelte sich zu Wochen, Monaten. Am Ende habe sie nur noch geschwänzt.
Ich hatte Angst vor meiner Klasse. Wenn ich mich gemeldet habe, hatte ich Angst, etwas Falsches zu sagen.
Celina Möller
Zu ihrer Mutter habe sie gesagt, dass sie gar nicht mehr zur Schule gehen wolle. Es war eine schwierige Zeit, erzählt Celinas Mutter, Maria Möller, unter Tränen:
Es waren schlaflose Nächte. Was wird aus deinem Kind, wenn sie keinen Abschluss macht?
Maria Möller, Celinas Mutter
Keiner habe sich gekümmert, sagt die Mutter. Niemand habe nach Celina gefragt. Fast hätte ihre Tochter die Schule abgebrochen und damit wäre sie in Deutschland nicht alleine.
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29.09.2026 | 1:43 minNeue Zahlen: 65.000 Abgänger ohne Schulabschluss
Der Anteil der Schulabgänger ohne mindestens einen Hauptschulabschluss in der Tasche ist auf den höchsten Wert seit mehr als 20 Jahren gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt haben im Schuljahr 2024/2025 knapp 65.000 Schüler allgemeinbildende Schulen ohne einen ersten Abschluss verlassen. Darunter fallen unter anderem Haupt-, Realschulen, aber auch Gymnasien und Förderschulen.
Zum Vergleich: Vor zehn Jahren, im Schuljahr 2014/2015, wurden 47.400 Abgänger ohne Abschluss gezählt. Die Zahl stieg bis 2018/2019 auf Werte um 53.000 und ging während Corona vorübergehend zurück. Die letzten Jahre zeigen einen deutlichen Trend:
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Nicht nur die absolute Zahl der Abbrecher und Abgänger ohne Abschluss ist gestiegen, sondern auch ihr Anteil gemessen an der Gesamtzahl der Absolventen. Im Schuljahr 2013/2014 waren es etwa 5,5 Prozent, die die Schule nicht mindestens mit einem Hauptschulabschluss verließen, 2018/2019 rund 6,6 und 2024/2025 etwa 8,4 Prozent. Das ist die höchste Quote der vergangenen 20 Jahre.
Welche Folgen hat das?
Kurzfristig könne der Einstieg in eine Beschäftigung natürlich auch ohne Schul- oder Berufsabschluss gelingen, erläutert Prof. Hannes Saas gegenüber ZDFheute. Die eigentliche Herausforderung zeige sich häufig erst langfristig.
Wer keinen anerkannten Berufsabschluss besitzt, ist stärker von einzelnen Tätigkeiten oder einem bestimmten Betrieb abhängig und kann bei technologischen Veränderungen, Arbeitsplatzverlust oder einem notwendigen Berufswechsel deutlich schwerer nachweisen, über welche übertragbaren Qualifikationen er oder sie verfügt.
Hannes Saas, Professor für berufliche Bildung
Entsprechend sei das Arbeitslosigkeitsrisiko von Personen ohne Berufsabschluss erheblich höher. Deswegen sei eine durchgängige Bildungskette zentral. Schule oder Beruf müsse möglichst zu einem Abschluss oder mindestens Teilqualifikationen führen, so der Professor gegenüber ZDFheute.
Trotz schwacher Testergebnisse vieler Schüler sehen OECD-Forscher Fortschritte im deutschen Bildungssystem. Ein Hauptproblem aber bleibt: der Lehrermangel.
29.09.2026 | 1:01 minEin wirkliches Problem liege darin, dass Unternehmen angesichts ihres Personalbedarfs immer mehr Menschen ohne Berufsabschluss einstellen. Diese würden zwar häufig wertvolle informelle Kompetenzen vermitteln, "aber eben nicht automatisch einen formal anerkannten und am Arbeitsmarkt übertragbaren Abschluss" mit sich bringen, so Saas.
Kein Schulabschluss - weniger gesellschaftliche Teilhabe?
Über längere Lebensverläufe hingen geringe Qualifikation und soziale Benachteiligung mit weiteren Risiken zusammen. Dazu gehören geringere Beschäftigungssicherheit und Einkommenschancen. Auch gesundheitliche Belastungen treten bei niedrigem Sozialstatus häufiger auf.
Die Frage nach Schul- und Berufsabschlüssen sei damit nicht nur eine bildungspolitische, sondern auch eine Frage langfristiger gesellschaftlicher Teilhabe, so Saas gegenüber ZDFheute.
Der Verein AsA e.V. vermittelt Patenschaften für junge Geflüchtete. Ehrenamtliche begleiten sie auf dem Weg in den Beruf und unterstützen vor dem Ausbildungsstart gezielt mit Seminaren.
22.09.2026 | 1:48 minBundesbildungsministerin: Lage nicht hinnehmbar
Wenn es nach Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) geht, braucht es eine schnelle Trendwende, erklärt sie im ZDF.
Es ist natürlich überhaupt nicht hinnehmbar, dass so viele Schülerinnen und Schüler die Schule zunächst verlassen und keinen Abschluss haben.
Karin Prien (CDU), Bundesbildungsministerin
Viele würden den Abschluss dann an den beruflichen Schulen und im späteren Verlauf machen, so die Ministerin. Dennoch sei das, was man etwa in der Pisa-Studie sehe, ein Stück weit auch noch Folge der Pandemie, so Prien.
Vietnamesische Azubis berichten von schlechten Unterkünften, fehlendem Lohn und fragwürdigen Arbeitsvermittlern. Ein Fall, der systemische Probleme bei der Fachkräfteanwerbung offenlegt.
24.07.2026 | 29:03 minSo möchte Prien die Probleme lösen
Die Bildungsministerin möchte mit einer "Kaskade an Maßnahmen" eine Trendwende erreichen. Zum einen falle darunter das Kita-Startchance- und Qualitätsentwicklungsgesetz, um Kinder vor der Schule besser vorzubereiten, "dass sie dann auch eine Chance haben auf einen erfolgreichen Bildungsverlauf und damit auch auf einen Abschluss".
Dazu komme das große Startchancen-Programm, welches Schulen in besonders herausfordernden Lagen "besonders unterstützen" solle, so Prien.
Ein neuer Bildungsweg
Ob und wie schnell die Maßnahmen Wirkung zeigen können, bleibt offen. Celina hat indessen eine neue Schule gefunden. Eine sogenannte "Produktionsschule", die stärkeren Fokus auf praktische Arbeit und engere Begleitung legt. Mit breitem Grinsen im Gesicht erzählt sie, dass sie jetzt ihren Hauptschulabschluss macht.
Eine Zusage für ein freiwilliges Soziales Jahr hat sie in der Tasche, möchte jetzt ihr eigenes Geld verdienen und unabhängig werden. Celina konnte sie hinter sich lassen, die schlimmste Zeit ihres Lebens.
Paul Manger ist ZDF-Redakteur und Reporter für ZDFheute und das ZDF-Landesstudio Bremen, Lena Sünderbruch für die heute-Nachrichten und das heute-journal, Susanne Seidl für das ZDF-Landesstudio Schwerin.
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