Nord-Stream-Prozess gegen Serhii K.: Eine Anklage mit Sprengkraft

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Verdächtiger Serhii K.:Nord-Stream-Verfahren: Eine Anklageschrift mit Sprengkraft

von Julia Klaus und Christian Rohde

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Dem mutmaßlichen Nord-Stream-Saboteur Serhii K. wird ein Kriegsverbrechen vorgeworfen. ZDF frontal konnte seinen Anwalt sprechen. Eine Verurteilung wäre für ihn "eine Schande".

Der Anwalt Nicola Canestrini vertritt einen mutmaßlichen Nord-Stream-Saboteur

Der Ukrainer Serhii K. ist wegen Sprengung der Nord-Stream-Pipelines angeklagt. Sein Anwalt Nicola Canestrini erklärt im ZDF-frontal-Interview, warum er an einen Freispruch für K. glaubt.

25.07.2026 | 5:22 min

In wenigen Wochen soll in Hamburg einem Ukrainer der Prozess gemacht werden, den seine Bewacher in der Auslieferungshaft "James Bond" nannten. Deutsche Ermittler halten ihn für den Koordinator der Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines. Der Generalbundesanwalt hat Anklage gegen Serhii K. erhoben. Der damalige Offizier der ukrainischen Streitkräfte soll die Sabotage auf der Segelyacht Andromeda "koordiniert und die übrigen Besatzungsmitglieder befehligt und beaufsichtigt haben". So steht es in der Anklageschrift, die ZDF frontal einsehen konnte.

Die Bundesanwaltschaft wirft ihm deshalb das Kriegsverbrechen des Angriffs gegen zivile Objekte, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, die Zerstörung von Bauwerken und die Störung öffentlicher Betriebe vor. In der 108-seitigen Anklageschrift steckt insbesondere ein Satz mit Sprengkraft:

Es liegen hinreichende Verdachtsmomente vor, dass die Sabotageakte im Auftrag staatlicher Stellen der Ukraine begangen und durch diese gesteuert wurden.

Anklageschrift gegen Serhii K.

Abgehörte Telefonate und ein "Kommandeur Roman"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine Beteiligung an der Sprengung der Pipelines stets bestritten. Exklusive Recherchen von ZDF frontal und "Spiegel" führten jedoch schon kurz nach den Explosionen zu einer Tauchschule in Kiew. Immer wieder berichteten Medien, dass der damalige Geheimdienstoffizier Roman Tscherwinsky die Aktion geplant und organisiert haben könnte.

Auch Serhii K. erwähnt in einem in seiner Auslieferungshaft abgehörten Telefonat einen "Roman". Ein Rechtsanwalt, der Serhii K. damals vertritt, sei der Meinung, es sei "jetzt der richtige Zeitpunkt (...), um eine Erklärung zu veröffentlichen, dass es eine offizielle militärische Aktion war". Sein Kommandeur "Roman" solle dazu eine Erklärung abgeben.

Es dürfe nicht so aussehen, "als ob [sein Kommandeur und er] zwei verrückte Militärmänner" seien - so steht es in der Anklageschrift. Serhii K. beschwert sich zudem, von seinem Land und seinem Präsidenten fühle er sich "alleine gelassen".

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Festnahme im Italien-Urlaub in Rimini

Von Serhii K. wurden laut Anklageschrift keine Fingerabdrücke oder DNA-Übereinstimmungen auf der Andromeda gefunden. Die Bundesanwaltschaft hat gegen ihn Indizien gesammelt, darunter Lichtbilder, Zeugenaussagen und Datenauswertungen.

Serhii K. war im August im Italien-Urlaub mit seiner Familie in Rimini festgenommen worden. Gegen ihn lief ein europäischer Haftbefehl, den die Italiener vollstreckten. Er kam in Auslieferungshaft, wo ihn der prominente Menschenrechtsanwalt Nicola Canestrini vertrat. ZDF frontal hat den Strafverteidiger in seiner Kanzlei in Rovereto getroffen.

ZDF frontal: Hat Serhii K. an der Sprengung von Nord Stream mitgewirkt?

Nicola Canestrini: Das sagt die Anklage und ich erwarte mir von einem seriösen Rechtsstaat, dass die Anklage das auch beweisen werden kann. Ich gehe davon aus, das wird ein bisschen komplizierter, als das in den Zeitungen bisher gebracht wird.

Er hat in einem Protokoll während der ersten Verhandlungen gesagt, er hätte damit nichts zu tun. Oder besser gesagt, er wäre zum Zeitpunkt der Sprengung in der Ukraine gewesen.

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

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ZDF frontal: Serhii K. könnte der erste verurteilte Kriegsverbrecher im russischen Angriffskrieg sein. Ist das gerecht?

Canestrini: Nein. Das wäre eine Schande. Für jede Justiz.

Im russisch-ukrainischen Krieg, also bei der russischen Invasion, sind natürlich sehr schlimme Sachen passiert. Das geht dann von den üblichen Vergewaltigungen bis zu den Kindesentführungen, bis zu den Butscha-Massakern, also Zivilisten ermordet, auf die brutalste Weise.

Können wir wirklich damit leben, dass der erste vermeintliche Kriegsverbrecher, dass das der Mandant war, der Energiezufuhr gestoppt hätte? Ist das wirklich gerecht? Wäre das Justiz?

Wären wir damit zufrieden, dass wir sagen, der erste Kriegsverbrecher, das ist einer, der hat eine Ölpipeline oder eine Erdgaspipeline gesprengt?

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

ZDF frontal: Serhii K. soll zur Tatzeit Offizier der ukrainischen Streitkräfte gewesen sein. Was ist die Kombattantenimmunität und warum argumentieren Sie, dass Serhii K. genau deswegen geschützt sei?

Canestrini: Es gibt hier internationale Abkommen und dieses Genfer Abkommen sagt: Was ein Soldat unter Befehlen macht, das kann ihm nicht persönlich vorgeworfen werden.

Wenn er das auch gemacht hätte, dann könnte man ihn dafür nicht belangen. Außer, und das hat uns Deutschland gelehrt, mit den Nürnberger Prozessen, außer der Befehl sei nicht offensichtlich rechtswidrig. Wenn jemand irgendeinem Soldaten befiehlt, auf Kinder zu schießen, Journalisten umzubringen, Sanitäter einzusperren oder zu erschießen, dann darf und muss jeder Soldat diesen Befehl verweigern. Sonst haftet er dafür.

Kombattanten sind laut Kriegsvölkerrecht in der Regel die Angehörigen der regulären Streitkräfte einer an einem Konflikt beteiligten Partei. Sie sind als solche berechtigt, aktiv an Kampfhandlungen teilzunehmen und genießen Kombattantenimmunität, also Straffreiheit im internationalen bewaffneten Konflikt. Dafür müssen sich Kombattanten von der Zivilbevölkerung abgrenzen, etwa durch das Tragen einer Uniform. 
In dem Gerichtsverfahren wird es auch darum gehen, ob Serhii K. als Kombattant gehandelt hat und damit Immunität genießt. Der Generalbundesanwalt argumentiert, dass er und die anderen Verdächtigen nicht von Zivilisten unterscheidbar gewesen wären, indem sie sich als Touristen ausgaben. Es handle sich um ein verdecktes und heimliches Vorgehen, das dem Kombattantenstatus widerspreche.  


ZDF frontal: Wie würden Sie Serhii K. beschreiben?

Canestrini: Ich hatte noch nie so einen Mandanten, der das so mit Fassung aufgenommen hat. Es ist mir manchmal vorgekommen, er hätte das unter Kontrolle. Er hat das natürlich nicht erwartet, das will ich jetzt nicht daraus schließen, weil sonst kommt irgendwer und sagt: So, wie er sich verhalten hat, das hieß dann, der war das.

Ich bewundere ihn dafür, dass er so standhaft gewesen ist, in diesem Moment der Schwierigkeiten, weil wir ja alle davon ausgehen müssen, dass er unschuldig ist.

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

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ZDF frontal: Wir reden noch von der Auslieferungshaft hier in Italien: Wie oft haben Sie Serhii K. getroffen?

Canestrini: Wie oft kann ich jetzt nicht sagen. Oft. Es ist ein Mann in Auslieferungshaft, alleine, spricht keine Sprache, braucht alles.

Gehen wir davon aus, Sie sind ein Patriot, werden verhaftet. Ihr Land ist in einen Krieg verwickelt, in einen Invasionskrieg und Ihr Land ist sehr viel kleiner als das Land, das da angreift. Möchten Sie nicht Informationen haben, was passiert da draußen? Natürlich gehört das auch zu der Aufgabe des Verteidigers und der Verteidigerin, da was zu sagen, was in den Zeitungen passiert.

Ich habe ihm aber auch Briefe geschickt, die mir zugestellt wurden. Insbesondere gab es da Briefe aus der Ukraine, die wurden dann irgendwie nach Europa gebracht. Und das waren Zeichnungen von Personen, die ihm einfach geschrieben haben und sagen, wir denken an dich.

Es gab hier eine Zeichnung, ganz insbesondere mit Regenbogen. Ich gehe davon aus, er hat sich die auch nach Deutschland mitgenommen.

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

Man muss einfach wissen, was ist da draußen los. Was sagen die Leute über mich? Was sagen die Zeitungen über mich?

Genannt wurde er James Bond in der Haftanstalt.

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

Und das weiß ich, weil wenn der Anwalt da hingeht, das mit der Hochsicherheit, das machen sie dann immer ganz groß. Da muss man warten, da wird man hingeführt, das ist in Deutschland nicht anders. Da glaubt die Polizei immer, sie sei etwas ganz besonders Wichtiges.

Aber Italien ist halt nun mal Italien und da haben sie sich zugeschrien von einer Gittertür zur anderen: 'Ruf mal den James Bond her.' Da habe ich gesagt: Wieso James Bond? 'Das ist ja der Geheimdienstler.' Da habe ich gelacht. Und das war so lustig, weil jedes Mal, dass sie den gerufen haben, der ist dann auf Habachtstellung und hat militärisch salutiert. Sie konnten mit dem nicht reden, dann haben sie gesagt: 'Herr Rechtsanwalt, sagen Sie dem, wir sind ja nicht beim Heer, der kann sich das sparen.'

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ZDF frontal: Er hat noch in der Auslieferungshaft Telefonate geführt und darin soll er sich schwer belastet haben. Telefonate mit seiner Frau, wie bewerten Sie das?

Canestrini: Das habe ich irgendwo auch gelesen, dass das so passiert wäre. Wie schwer er sich damit belastet hätte, das wird doch das Gericht feststellen, nicht die Staatsanwaltschaft. Ich habe noch keine direkte Aussage von den Ermittlern gelesen, dass das jetzt die Smoking-Gun war. Ich gehe nämlich davon aus, es gibt keine Smoking Gun in diesem Fall.

ZDF frontal: Was glauben Sie, wie das Verfahren gegen Serhii K. ausgeht?

Er wird freigesprochen, Serhii wird freigesprochen werden. Weil das die einzige gerechte Lösung ist.

Nicola Canestrini, Anwalt von Serhii K.

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Über das Thema berichtete ZDF frontal im Beitrag "Anwalt von mutmaßlichem Nord-Stream-Saboteur setzt auf Freispruch" am 25.07.2026 um 10 Uhr.

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