Lars Klingbeil wird SPD-Fraktionschef im Bundestag

Zustimmung von knapp 86 Prozent:Lars Klingbeil zum SPD-Fraktionschef gewählt

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SPD-Chef Lars Klingbeil steht künftig auch an der Spitze der Bundestagsfraktion. Damit dürfte er für die Sozialdemokraten mögliche Koalitionsgespräche mit der Union leiten.

Die SPD-Fraktion im Bundestag hat Parteichef Lars Klingbeil zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt. Er erhielt 85,6 Prozent der Stimmen. Damit fiel die Zustimmung etwas geringer aus als bei seinem Vorgänger Rolf Mützenich, der Zustimmungswerte zwischen 94,7 und 97,7 Prozent erreichte. 95 SPD-Abgeordnete votierten für Klingbeil, 13 gegen ihn, drei enthielten sich.

Klingbeil bezeichnete das Wahlergebnis als "ehrlich". Nach der Fraktionssitzung sagte er mit Blick auf das historisch schlechte Abschneiden der SPD bei der Bundestagswahl:

Das hat man schon gemerkt, auch in den Debatten, dass der Sonntag noch ein bisschen in den Knochen steckt und das wird uns lange als Partei, als Fraktion, beschäftigen.

Lars Klingbeil, neuer SPD-Fraktionschef

SPD-Bundestagsfraktion nach Wahlniederlage deutlich kleiner

Die SPD-Fraktion ist nach den herben Verlusten für die Sozialdemokraten bei der Bundestagswahl von zuvor 207 auf nun 120 Mitglieder geschrumpft. Die SPD war bei der Wahl von 25,7 auf 16,4 Prozent abgestürzt und ist im Bundestag nur noch drittstärkste Fraktion hinter Union und AfD. Es war das schlechteste Wahlergebnis für die Sozialdemokraten seit Bestehen der Bundesrepublik.

Trotz des schwachen Abschneidens bei der Wahl wurde Klingbeil durch den Partei- und Fraktionsvorstand für den Posten des Fraktionschefs nominiert. Ziel sei, dass Partei- und Fraktionsvorsitz künftig "in einer Hand liegen", sagte Klingbeil.

Klingbeil dürfte auch mögliche Koalitionsgespräche mit Union führen

In der neuen Doppelfunktion dürfte Klingbeil die zentrale Figur der anstehenden Koalitionsgespräche mit der Union werden. Nach seiner Wahl zum Fraktionschef forderte er die Union zu "ernsthaften Gesprächen" auf.

Dass Deutschland eine "handlungsfähige Regierung" bekomme, sei "Wille der SPD", sagte Klingbeil. Es liege nun an CDU-Chef Friedrich Merz, ob das gelingen könne.

Wir haben ein Interesse daran, dass diese Gespräche schnell, aber auch gründlich geführt werden.

Lars Klingbeil, SPD-Chef

Klingbeil bereits seit 2021 SPD-Parteichef

Der 47-jährige Klingbeil zählt innerhalb seiner Partei zum konservativen Seeheimer Kreis - anders als der bisherige SPD-Fraktionschef und Parteilinke Rolf Mützenich. Mit der Wahl Klingbeils könnten sich die Gewichte bei den Sozialdemokraten nach rechts verschieben - auch wenn Ko-Parteichefin Saskia Esken und Generalsekretär Matthias Miersch eher dem linken Flügel zugerechnet werden.

Klingbeil hatte den Parteivorsitz im Dezember 2021 als Nachfolger von Norbert Walter-Borjans übernommen, der damals auf eine Wiederwahl verzichtete. Zuvor war Klingbeil seit 2017 SPD-Generalsekretär gewesen. Sein größter Erfolg als Generalsekretär war der Bundestagswahlkampf 2021, an dessen Ende die SPD mit Olaf Scholz als Spitzenkandidat wider Erwarten stärkste Kraft wurde.

SPD-Chef arbeitete früher im Wahlkreisbüro von Gerhard Schröder

Klingbeil wurde in Soltau geboren und wuchs im benachbarten Munster auf, einer Kleinstadt mit einem der größten Bundeswehrstandorte Deutschlands. Sein Vater arbeitete als Berufssoldat, seine Mutter als Einzelhandelskauffrau. Klingbeil trat 1996 in die SPD ein, studierte in in Hannover Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete nebenher im Wahlkreisbüro des damaligen SPD-Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Dem Bundestag gehört er seit 2009 an.

Juso-Kritik an SPD-Chef Klingbeil

An seinem Amt als Co-Parteichef an der Seite von Saskia Esken will Klingbeil festhalten. Zugleich kündigte er einen "Aufarbeitungsprozess" an. Im Zentrum müssten nun "Fragen der Modernisierung und Erneuerung der Sozialdemokratie" stehen. 

Manche Sozialdemokraten äußerten sich irritiert zur Rolle von Klingbeil. Juso-Chef Philipp Türmer kritisierte die vom Parteichef maßgeblich verantwortete SPD-Wahlkampagne als "eine einzige Stolperpartie". Jetzt entstehe zudem der fatale Eindruck: "Als erste Reaktion greift einer der Architekten des Misserfolgs nach dem Fraktionsvorsitz", kritisierte Türmer im "Spiegel".

mit Philipp Türmer (Jusos)

Der Bundesvorsitzende der Jusos, Philipp Türmer, zum zukünftigen Kurs der Bundes-SPD

26.02.2025 | 8:02 min

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Quelle: dpa

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Quelle: AFP, Reuters, dpa, ZDF

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