Frontal-Recherche zu jungen Islamisten:"Teenie-Terroristen" im Visier der Ermittler
von Michael Haselrieder und Beate Frenkel
Der Verfassungsschutz warnt vor Kindern und Teenagern, die islamistische Anschläge in Deutschland planen. Viele radikalisieren sich übers Internet.
"Diese sehr jungen Menschen bereiten uns besondere Herausforderungen", so der Verfassungsschutz, weil sie "die Bereitschaft entwickeln, zur Tat überzugehen".
20.01.2026 | 9:32 minEs ist ein Freitagabend in Berlin - im Februar 2025. Der spanische Tourist Iker M. und seine Freunde wollen das Denkmal für die ermordeten Juden anschauen, nicht weit vom Brandenburger Tor. Als sie gegen 18 Uhr durch das Stelenfeld laufen, spürt der 30-Jährige plötzlich, wie ihn jemand von hinten attackiert.
Der Täter schlitzt ihm mit einem Messer die Kehle auf. Nur dem beherzten Eingreifen zweier Männer, die die Wunde am Hals abdrücken, bis der Notarzt kommt, verdankt Iker M. sein Leben.
Der Täter soll noch "Allahu Akbar" gerufen haben - dann flieht er. Um 20:41 Uhr zeigen Bilder von Überwachungskameras, die ZDF frontal vorliegen, eine ungewöhnliche Szene: Ein junger Mann erscheint mit erhobenen Händen am Tatort und stellt sich der Polizei. Er habe Juden töten wollen, soll er den Ermittlern gesagt haben. Es ist Wassim Al M., ein Flüchtling aus Syrien. Er lebt seit zwei Jahren in Deutschland und ist gerade einmal 19 Jahre alt.
Wie und warum verfängt die Propaganda islamistischer Influencer bei Teenagern? frontal inside fragt nach.
24.01.2026 | 4:38 minVerfassungsschutz warnt vor jungen Islamisten
Islamismus im Teenageralter ist ein Phänomen, das der Verfassungsschutz in Deutschland immer wieder beobachtet. "Diese sehr jungen Menschen bereiten uns besondere Herausforderungen, weil sie nicht über einen langen Zeitraum ideologisch geprägt werden, sondern sich sehr schnell radikalisieren. Und dann auch die Bereitschaft entwickeln, zur Tat überzugehen", sagte der heutige Präsident des Verfassungsschutzes, Sinan Seelen, bei der Vorstellung des jüngsten Berichts für das Jahr 2024.
Auch die Bundesregierung verzeichnete von 2020 bis 2024 einen Anstieg der minderjährigen islamistischen Tatverdächtigen.
Recherchen von ZDF frontal zeigen: In den vergangenen zwei Jahren sind in Deutschland mindestens neun islamistische Anschläge von Tatverdächtigen unter 20 Jahren geplant worden: in Leverkusen, Düsseldorf, Heidelberg, Mainz, Mannheim, Wuppertal, Köln und zwei in Berlin. Alle konnten die Ermittlungsbehörden verhindern - bis auf den Anschlag am Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Der Prozess gegen den 19-Jährigen, der am Holocaust-Mahnmal in Berlin einen Touristen angegriffen haben soll, begann im November.
20.11.2025 | 0:23 minAttacke in Berlin: Zusammenhang zum IS vermutet
Bei der Festnahme soll der mutmaßliche Täter Wassim Al M. einen Koran, einen Gebetsteppich und einen karierten Zettel dabei gehabt haben. Darauf werden Suren aus dem Koran zitiert, die auch die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) nutzt, wie die Sure 120: "Die Juden und die Christen werden nicht zufrieden mit dir sein, bis du ihrer Gemeinschaft folgst."
"Diese Sure wird herangezogen, um zu sagen: Die Juden und die Christen wollen uns an die Existenz, und wir müssen uns wehren", erläutert Terrorismusexpertin Rebecca Schönenbach gegenüber frontal: "Das ist im Prinzip die Vorbereitung von Gewalt."
Es sind Inhalte, die der IS gelehrt hat.
Rebecca Schönenbach, Terrorismusexpertin
Auf der Rückseite des Zettels schwört der Verfasser dem IS die Treue.
Ermittler gehen nach der Vernehmung des festgenommenen 19-jährigen Syrers von einem antisemitischen Motiv aus. Eine Notoperation rettet das Leben des schwer verletzten Opfers.
22.02.2025 | 1:57 minGerichtsverfahren wegen versuchten Mordes
Seit November 2025 muss sich Wassim Al M. vor Gericht unter anderem wegen versuchten Mordes verantworten. Er schweigt im Prozess. Auf seinem Handy wurden laut Ermittlern Fotos von "Jihadi John" sichergestellt, einem Terroristen des IS, der durch Enthauptungsvideos bekannt wurde. Wassim Al M. soll sich dem IS angedient haben, mit einem Foto, das ihn vermutlich schon in Syrien mit dem Tauhid-Finger zeigt - eine Geste, die Islamisten missbrauchen.
In Deutschland soll sich Wassim Al M. dann vermutlich weiter radikalisiert haben. "Man nennt das Low-Level-Terrorismus", erklärt Terrorismusexpertin Schönenbach. "Solche Täter werden angeleitet und inspiriert von größeren Organisationen wie dem IS."
Solche Fälle nehmen zu. Und sie sind sehr ernst zu nehmen.
Rebecca Schönenbach, Terrorismusexpertin
Seit dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas auf Israel, hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten in Deutschland verdoppelt. Wie gehen Holocaust-Überlebende damit um?
23.01.2025 | 43:30 minLKA Baden-Württemberg spricht von "Teenie-Terroristen"
Der Job von Andreas Taube ist es, solche Anschläge zu verhindern. Der Ermittler leitet das Anti-Terrorismuszentrum beim Landeskriminalamt Baden-Württemberg und erklärt: "Wir sprechen von Teenie-Terroristen."
Es gibt viele wirklich junge Menschen, auch Kinder, die bereit sind, als Teenies ihr Leben herzugeben für diese islamistische Ideologie.
Andreas Taube, Leiter Anti-Terrorismuszentrum LKA Baden-Württemberg
Eine sehr große Rolle spiele bei der Radikalisierung das Internet. Bei vielen Jugendlichen werde islamistische Propaganda als Dauerschleife über TikTok, YouTube oder Telegram aufs Handy gespült. "Da gibt es inzwischen islamistische Influencer, die generieren sechsstellige Follower-Zahlen, wo sie Hunderttausende von Jugendlichen und jungen Menschen erreichen können", sagt Taube.
Wir hatten Corona zwischendrin. Es gab eine lange Phase, wo es gar nicht so möglich war, sich offline zu vernetzen, sondern es ging im Grunde nur online.
Andreas Taube, Leiter Anti-Terrorismuszentrum LKA Baden-Württemberg
Die Initiative "Muslim Interaktiv" tarnt sich mit Aufklärung über Rassismus. Doch sie gehört zu den islamistischen Gruppierungen, die dafür sorgen, dass die Gräben im Land wachsen.
27.10.2023 | 13:16 minSpanischer Tourist leidet bis heute unter der Tat
Iker M., der spanische Tourist, der am Holocaust-Mahnmal in Berlin beinahe getötet wurde, leidet bis heute unter der Tat. Der Leiter der Gedenkstätte, Uwe Neumärker, hatte nach diesem antisemitisch motivierten Angriff mit deutlicheren Reaktionen gerechnet, mit einem "Aufschrei, dass in diesem Land, im Herzen dieser Stadt, mit ihrer Vergangenheit an diesem besonderen Ort ein solches Verbrechen passiert".
Er hätte sich gewünscht, dass sich die Politik dessen annimmt. Uwe Neumärker steht in Kontakt mit dem Opfer.
Ich glaube, die körperlichen als auch die seelischen Schäden zu bewältigen, wird lange dauern, wenn er es jemals schafft.
Uwe Neumärker, Leiter der Gedenkstätte Holocaust-Mahnmal
Iker M. ist gezeichnet von dem brutalen Messerangriff. Der Schnitt vom Hals bis ins Gesicht hat Nerven geschädigt und eine 14 Zentimeter lange Narbe hinterlassen. Der Ernährungsberater kann bis heute nicht arbeiten.
Angriff bei Holocaust-Denkmal:Polizei: Tatverdächtiger wollte "Juden töten"
mit Video1:57- Interview
Marsch der Lebenden in Auschwitz:Holocaust: "Gefahr der Gleichgültigkeit"
mit Video2:03