Demokratie-Report 2026:Forscherin: "Die Demokratie wird von innen zerstört"
Weltweit leben immer weniger Menschen in Demokratien. Demokratieforscherin Marina Nord warnt: Der Abbau vollzieht sich schleichend - und hat inzwischen auch die USA erreicht.
Rund 74 Prozent der Weltbevölkerung lebt in Autokratien, so der aktuelle "Varieties of Democracy"-Bericht. Demokratieforscherin Marina Nord analysiert, warum Demokratien verschwinden - ZDFheute live.
18.03.2026 | 22:18 minVor 20 Jahren lebte noch rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Demokratien - heute ist es deutlich weniger. Der aktuelle Democracy-Report des Varieties of Democracy Institute zeichnet ein düsteres Bild. Demokratieforscherin Marina Nord von der Universität Göteborg erklärt bei ZDFheute live, was die Daten bedeuten und warum sie Anlass zur Sorge geben.
Blickt man auf die Weltkarte des Instituts, sieht man: Blau steht für Demokratie, Rot für Autokratie. Und Rot breitet sich aus. "Die dritte Welle der Autokratisierung, die circa vor 25 Jahren begann, wird mittlerweile stärker und breitet sich weltweit aus", sagt Nord. Und erst kürzlich hätte sie die stärksten Länder der Demokratie erreicht, etwa die USA. Das Ergebnis:
Für den durchschnittlichen Weltbürger ist das Niveau der Demokratie auf dem Niveau des Jahres 1987. Das ist für uns Grund zur Sorge.
Marina Nord, Universität Göteborg
Der Rückschritt der Demokratie findet jetzt auch in etablierten Demokratien statt.
Quelle: Varieties of Democracy InstituteDemokratie-Verfall: Tausend kleine Minischritte
Der Rückgang vollzieht sich meist nicht durch Staatsstreiche oder offene Gewalt - sondern von innen. "Die Demokratie hat sich von innen zerstört", sagt Nord.
Erstmalig wird heute der Tag der Demokratiegeschichte begangen. Der 18. März ist Jahrestag ist der historische Jahrestag mehrere wichtiger Ereignisse der deutschen Geschichte.
18.03.2026 | 1:42 minGewählte Staatsoberhäupter versuchten, "Checks and Balances und die Gewaltenteilung Schritt für Schritt abzubauen". Das Tückische daran:
Es sind tausend kleine Minischritte. Es ist ganz schwierig zu sehen, wann diese Schwelle überschritten wurde.
Marina Nord, Universität Göteborg
Ein Muster lasse sich dabei dennoch erkennen: "Es startet normalerweise damit, dass die Freiheit der Medien und die Meinungsfreiheit beschnitten werden." Dann folgten Restriktionen für die Zivilgesellschaft, schließlich Einschränkungen der Gewaltenteilung. Schritt für Schritt.
... ist Demokratieforscherin an der Universität Göteborg und Mitautorin des aktuellen Democracy-Reports des Varieties of Democracy Institute.
Warum wählen Menschen Parteien, die die Demokratie aushöhlen?
Eine der schwierigsten Fragen ist die nach dem Warum. Nord gibt zu: "Wir wissen darüber nicht alles." Aber es gebe Hinweise: "Manchmal sind die Menschen enttäuscht, haben wirtschaftliche Probleme. Manche sind enttäuscht über das Migrationsniveau, haben Sicherheitsbedenken."
Das Ergebnis dieser Aspekte kann weitreichende Folgen haben:
Die Menschen sind desillusioniert mit der Demokratie - und dann fängt man an, populistische, rechtsextreme Parteien zu wählen, die behaupten, die Lösung zu haben. Sobald sie an der Macht sind, wird die Demokratie von innen zerstört.
Marina Nord, Universität Göteborg
Immer mehr Deutsche bezeichnen sich als "offen für autoritäre Ansätze". Elisabeth Kaiser (SPD), Ostbeauftragte der Bundesregierung meint: Der Schlüssel liegt darin, "lokalen Zusammenhalt" aufzubauen.
19.02.2026 | 7:32 minLänder unter der Lupe
- Indien: Lange galt Indien als größte Demokratie der Welt. Im Ranking des Varieties of Democracy Institute ist das Land das nicht mehr. "Die Schwelle wurde überschritten 2017, 2018", sagt Nord. "Seit dem Jahr 2019 gibt es keinen Zweifel mehr - wir nennen das jetzt eine Wahlautokratie. Es ist keine freie Wahl mehr, und man kann nicht mehr sagen, dieses Land ist eine Demokratie."
- USA: Besonders alarmierend ist für Nord die Entwicklung in den USA. "Wir haben keinen Zweifel, dass das einen Einfluss auf den Rest der Welt haben wird, in vielerlei Hinsicht." Viele Menschen weltweit seien desillusioniert und fragten sich: Warum ist eine Demokratie überhaupt so erstrebenswert? Nord spricht von einer "Transformation der liberalen Weltordnung" - was am Ende dabei herauskommt, sei noch nicht klar.
- Deutschland: Deutschland bewertet Nord als stabile Demokratie. "Aktuell gibt es keinen Grund zur Besorgnis." Doch eine Entwicklung beobachtet sie mit Aufmerksamkeit: die politische Polarisierung innerhalb der Gesellschaft.
Sobald die Polarisierung stärker wird, kann das eine Gefahr für die Demokratie werden. Momentan keine große Gefahr - aber da sollte man einen Blick drauf haben.
Marina Nord, Universität Göteborg
Demokratiebildung an Schulen: In Thüringen will sich die Regierungskoalition dafür einsetzen.
27.02.2026 | 1:54 minKlöckner: "Unzufriedenheit gehört zur Demokratie"
Am Mittwoch wurde in Deutschland der erste bundesweite Tag der Demokratiegeschichte begangen. Zu diesem Anlass hörte man auch aus dem Bundestag mahnende Worte: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner betonte: "Unzufriedenheit gehört zur Demokratie. Kritik ist ihr Korrektiv." Es sei nicht der Konsens, der die Demokratie trage.
Sie lebt davon, dass wir Unterschiede aushalten, Gegensätze austragen und am Ende zu Entscheidungen kommen, an die sich alle halten.
Julia Klöckner, Bundestagspräsidentin (CDU)
Der Bundestag hat erstmals den Tag der Demokratiegeschichte begangen. "Der 18. März ist ein Schlüsseldatum deutscher Geschichte", sagte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner.
18.03.2026 | 7:16 minDer 18. März stehe dabei symbolisch für den Wunsch nach Freiheit - vom Ausbruch der Revolution 1848 in Berlin bis zur ersten freien Wahl der DDR-Volkskammer 1990.
Marina Nord hat trotz aller Schwierigkeiten noch Hoffnung. Historisch betrachtet habe sich etwa die Hälfte aller Autokratisierungsepisoden wieder umgekehrt - rund 70 Prozent dieser Länder hätten den Trend gedreht und seien zur Demokratie zurückgekehrt. Ihr Fazit: "Die Demokratie ist oft sehr resilient - aber gleichzeitig sehr fragil. Wir sollten das nicht als gegeben voraussetzen."
Das Interview führte Jessica Zahedi, zusammengefasst hat es Jan Schneider.
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von Karin Beck-Loiblmit Video15:56