Übung "Red Storm Charlie":Hamburg übt den Ernstfall mit der Bundeswehr
von Sven Rieken, Hamburg
Drohnenabwehr, Notaufnahme in der Tiefgarage, Verletzte per Hubschrauber: Bundeswehr, Hilfsorganisationen und Firmen proben in Hamburg den Krisenfall. Es gibt auch Protest.
In Hamburg findet eine große Übung von Bundeswehr, Polizei und zivilen Organisationen statt. Verschiedene Szenarien wie Drohnenabwehr werden geprobt.
25.09.2026 | 1:30 minEine Drohne mit Sprengladung surrt über das Hafengelände am O'Swaldkai. Sekunden später ist sie gefangen: Eine Abfangdrohne schießt ein Netz auf sie ab. Dann bringt ein Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90 ein Spezialeinsatzkommando der Polizei zum georteten Drohnenpiloten. Alles nur eine Übung, aber nah an der Wirklichkeit.
"Red Storm Charlie" ist bereits die dritte Übung dieser Art. Die Annahme: Die Nato schickt Truppen an ihre Ostflanke, Hamburg ist Drehscheibe. "Gesamtverteidigung muss im Frieden vorbereitet werden", sagt Kapitän zur See Kurt Leonards, Kommandeur des Landeskommandos Hamburg. Mehr als 1.700 Menschen machen mit, nur etwa 500 davon sind Soldaten. Mehr als 60 Organisationen sind dabei, im Vorjahr rund zwölf.
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22.09.2026 | 13:32 minGespielte Blockade
Die Drohne im Hafen sei ein Nachbau der Drohne gewesen, die im August mit Sprengstoff am Flughafen Leipzig/Halle gefunden wurde, erläutert Innensenator Andy Grote (SPD). Das Abfangsystem will die Hamburger Polizei bald selbst nutzen.
Nachts stoppt eine gespielte Straßenblockade einen Konvoi mit bis zu 70 Fahrzeugen. Die Feldjäger der Bundeswehr dürfen nicht eingreifen, denn im Szenario herrscht "juristisch vollkommener Frieden", sagt Oberstleutnant Jürgen Bredtmann vom Landeskommando. "Und dann ist die Landespolizei zuständig."
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15.09.2026 | 10:01 minNotaufnahme in der Tiefgarage
Falls Kliniken ausfallen, etwa durch Stromausfall oder Cyberangriff, hat das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg eine Notaufnahme in einer Tiefgarage aufgebaut, gemeinsam mit THW und Rotem Kreuz. Sie ist für rund 100 Patienten am Tag ausgelegt, so viel wie eine durchschnittliche Hamburger Notaufnahme. Der Aufbau dauerte etwa zwölf Stunden.
Das Modell lässt sich auf jede Tiefgarage übertragen. Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer (SPD) sieht darin "eine Blaupause, auch für andere Bundesländer".
Angesichts der geänderten Bedrohungslage will Deutschland den Bevölkerungsschutz stärken. Die Bundesregierung hat dazu ein Schutzkonzept im Umfang von zehn Milliarden Euro verabschiedet.
20.05.2026 | 1:45 minExplosion und Verletzte
Im Hafen ereignete sich zur gleichen Zeit eine Explosion in einem Gebäude, in dem sich Soldaten aufhalten. Es gibt zahlreiche Verletzte. Die Feuerwehr rettet, das THW prüft die Einsturzgefahr. Neu für die Retter: Die verletzten Soldaten tragen Waffen. "Auch das ist für uns kein alltägliches Geschäft", sagt Matthias Freudenberg von der Feuerwehr Hamburg.
Größte Lage und Abschluss der dreitägigen Übung: Ein Unfall auf einem Truppenübungsplatz mit 60 Verletzten, die Kliniken sind voll. Hubschrauber bringen die Soldaten in ein Notfalllazarett auf dem Vorfeld der Lufthansa Technik Werft am Hamburger Flughafen. Feldjäger nehmen ihnen die Waffen ab, dann versorgen Ehrenamtliche von Hilfsorganisationen die teils schwer Verletzten. "Man kann sich darauf nie richtig vorbereiten", sagt Jannik Henschke vom Arbeiter-Samariter-Bund.
Zum Abschluss überwältigen Feldjäger einen Saboteur an einem Bundeswehr-Hubschrauber. Manches sind echte Szenarien, einiges soll den Besuchern zeigen, was Soldaten und Spezialisten können.
Protest in Hafen und Stadt
Gegen solche Übungen mitten in der Stadt gab es Proteste: rund 60 Aktivisten des Bündnisses "Ende Gelände" haben daher die Gleise der Hafenbahn blockiert. "Anstatt endlich Entlastung zu schaffen, will die Bundesregierung die Ausgaben für die Nato mehr als verdoppeln", sagt Sprecherin Lakshmi Thevasagayam.
Beim bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht protestierten in Hamburg mehrere Hundert Jugendliche, zugleich gegen "Red Storm Charlie". "Die ganze Gesellschaft soll auf Kriegstüchtigkeit eingestimmt werden", sagt der 16-jährige Elias. Auch das Bündnis "Kein Nato-Hafen" rief zur Demo auf. Proteste seien legitim, solange sie friedlich bleiben, sagt Bredtmann.
Tausende Schüler protestieren bundesweit gegen eine mögliche Wehrpflicht. Finden sich im neuen Wehrdienst zu wenige Freiwillige, kann der Bundestag über eine Pflicht entscheiden.
25.09.2026 | 0:20 minVorsorge beginnt zu Hause
Die Beteiligten der Großübung ziehen eine positive Bilanz. Rund 85 Prozent der Konzepte hätten funktioniert, sagt Bredtmann, den Rest könne man verbessern. Er wirbt für private Vorsorge, etwa für einen tagelangen Stromausfall wie im Januar in Berlin. Wer Wasser, "Ravioli-Dosen" und ein Kurbelradio habe, helfe den Einsatzkräften. "Und wenn man vielleicht auch an die 84-jährige Nachbarin denkt, das wäre super."
Eine Teilnehmerin vergleicht es mit einem umgekippten Glas Wasser: Einen Lappen hat jeder zu Hause. Warum also nicht auch Vorräte für ein paar Tage ohne Strom?
Sven Rieken ist Korrespondent im ZDF-Studio in Hamburg.
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