Rückläufige Zahlen trotz Ausweitung:Bafög: Warum Studierende oft viel Geld liegen lassen
von Sophie Burkhart
Immer weniger Studierende beantragen Bafög, obwohl viele einen Anspruch darauf hätten. Die Zahl der Empfänger hat den niedrigsten Stand seit 2000 erreicht. Woran liegt das?
Laut Fraunhofer-Institut beantragen bis zu 70 Prozent der Berechtigten kein Bafög. Viele glauben, sie seien nicht berechtigt, andere scheuen komplizierte Anträge und Schulden nach dem Studium.
31.08.2026 | 1:48 minWenige Wochen vor Semesterstart beginnt im Bafög-Amt in Regensburg die Hochsaison. An einem Wochenende sind es über 100 Anträge. Auch Alisha Awan will Bafög beantragen. Bei einer Beratungssprechstunde möchte die Studentin herausfinden, wie das geht. Sie ist spät dran, studiert bereits im fünften Semester.
Lange Zeit glaubte sie, dass sie keinen Anspruch hat. "Ich dachte, ich bin nicht berechtigt, weil mein Vater ist selbstständig und meine Mutter ist zwar Hausfrau, aber trotzdem dachte ich, vielleicht ist das Einkommen vom Vater irgendwie doch zu viel", sagt sie.
Rückschlag für Studenten: Die geplanten Leistungserhöhungen beim Bafög kommen. Sie verzögern sich aber um ein halbes Jahr.
09.07.2026 | 0:31 minBafög-Anspruch hängt von vielen Faktoren ab
Mit einem Bafög-Rechner findet sie heraus: Sie hat doch einen Anspruch - mehr als 900 Euro pro Monat. "Ich hab wirklich erst mal gedacht, der Rechner hat mir ein falsches Ergebnis ausgespuckt." Awan gibt die Daten ein zweites Mal ein, wieder kommen über 900 Euro raus. Amtsleiterin Hildegard Troppmann kennt solche Fälle nur zu gut.
Viele denken, die Eltern müssen bettelarm sein, um wirklich Bafög-berechtigt zu sein, aber dem ist nicht so.
Amtsleiterin Hildegard Troppmann
Denn der Anspruch hängt von vielen Faktoren ab, beispielsweise ob beide Eltern arbeiten oder wie viele Geschwister vorhanden sind.
Wohnkosten stellen viele Studenten vor finanzielle Probleme: Fast zwei Drittel gelten damit als finanziell überbelastet.
15.07.2026 | 0:26 minBis zu 70 Prozent der Berechtigten stellen keinen Antrag
Die Zahl der Bafög-Empfänger ist rückläufig. Im vergangenen Jahr bezogen 443.100 Studierende Bafög, im Vergleich zum Vorjahr acht Prozent weniger - und der niedrigste Stand seit dem Jahr 2000. Woran liegt das?
Eine Studie des Fraunhofer-Instituts und der Max-Planck-Gesellschaft gibt Erklärungsversuche. Laut der Untersuchung stellen bis zu 70 Prozent der Anspruchsberechtigten keinen Antrag. Der Großteil schätzt sich selbst fälschlicherweise als nicht berechtigt ein. Fast zwei Drittel davon glauben, dass ihre Eltern zu viel verdienen. Und 22 Prozent halten den Antrag - gemessen am geringen erwarteten Ertrag - für zu aufwendig.
Im April beginnt das Sommersemester. An welchen deutschen Universitäten die meisten Menschen studieren.
15.03.2026 | 0:35 minViele veraltete Informationen im Umlauf
Studienautor Sascha Strobl sagt: Zu Bafög seien viele veraltete Informationen im Umlauf. "Grundsätzlich sehen wir, dass das Bafög in den letzten Jahren durch große Reformen ausgeweitet wurde. Somit sind Teile der Mittelschicht tatsächlich wieder ins Bafög gekommen, die vorher nicht drin waren", erklärt er. Diese Information sei aber nicht in der breiten Gesellschaft angekommen.
Vor allem den Eltern seien diese Reformen nicht bewusst, sie hätten noch die Infos aus ihrer eigenen Studienzeit im Kopf. "Wenn die Studierenden jetzt zu ihren Eltern gehen und fragen: Sind wir Bafög-berechtigt? Dann sagen die Eltern oft: Nein, wir verdienen zu viel. Und damit ist dann die Informationsgewinnung beendet", erklärt Strobl.
Um das zu ändern, hat der Forscher einen Bafög-KI-Chatbot entwickelt, der niederschwellig alle Fragen rund um die Förderung beantworten soll.
ZDF-Finanzreporterin Sina Mainiz erklärt, welche Versicherungen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren abschließen sollten.
18.07.2026 | 1:51 minStudentin: Bürokratie schreckt ab
Einen solchen Chatbot hätte sich auch Evelyn Frelich gewünscht. Die Tiermedizinstudentin bekommt seit ihrem ersten Semester Bafög und hatte vor allem mit dem Antrag und den zahlreichen Belegen zu kämpfen. Sie glaubt: Die Bürokratie schrecke viele Studierende ab.
Man muss so viel tun, man ist auch so viel in Kontakt mit seinen Eltern, mit seinen Geschwistern, das hängt ja alles miteinander zusammen.
Studentin Evelyn Frelich
Nicht alle Studierenden hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern, da sei es schwer, an die Unterlagen zu kommen.
Weil die staatliche Förderung allein nicht reicht, arbeitet Frelich nebenher in einer Tierklinik. Bafög habe einige Probleme, sagt sie. Es sei zu wenig und zu kompliziert - am Ende aber trotzdem eine gute Sache.
Nach der Schule soll es richtig losgehen - doch die positive Aufbruchstimmung fehlt vielen jungen Menschen. Sie sorgen sich um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
21.05.2026 | 10:56 minWeiteres Hindernis: Angst vor Schulden
Und was viele nicht wüssten: Von den Bafög-Leistungen muss nur die Hälfte zurückgezahlt werden und insgesamt nicht mehr als 10.010 Euro. Das zeigt auch die Studie von Sascha Strobl vom Fraunhofer-Institut: Selbst diejenigen, die sich als berechtigt einschätzten, stellten keinen Antrag, weil sie Schulden fürchteten.
Evelyn Frelich ist dankbar, dass sie Bafög bekommt. Ohne die staatliche Förderung wäre ihr Studium nicht möglich, meint sie. "Ohne Bafög könnte ich meinen Traum nicht verwirklichen, Tierärztin zu werden." Sie findet: Mehr Studierende sollten von ihrem Anspruch Gebrauch machen und sich die finanzielle Unterstützung nicht entgehen lassen.
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