Ein Jahr nach Attacke auf Kita-Gruppe:Angriff in Aschaffenburg: "Der Gedanke wird immer schmerzen"
von Tobias Bluhm, Aschaffenburg
Am 22. Januar 2025 sticht ein Mann in einem Aschaffenburger Park auf eine Kita-Gruppe ein, zwei Menschen sterben. Wie geht die Stadt ein Jahr später damit um?
Bayern, Aschaffenburg: Zahlreiche Kerzen und Blumen sind im Park Schöntal in Gedenken an die Opfer des tödlichen Messerangriffs aufgestellt. Archivbild
Quelle: dpa"Die Zeit heilt alle Wunden", heißt es. Doch nach einem Attentat, wie es vor einem Jahr in Aschaffenburg geschah, dauert der Heilungsprozess sehr lange.
365 Tage ist es her, dass Enamullah O. im Aschaffenburger Schöntalpark eine Kindergartengruppe attackierte. Mit einem Küchenmesser stach der damals 28-Jährige auf Kinder und Erzieherinnen ein, tötete dabei einen zweijährigen Jungen und einen 41-jährigen Mann, der zu Hilfe geeilt war. Wenig später gestand O. die Tat.
Täter schuldunfähig und in Psychiatrie
Stimmen im Kopf hätten ihn dazu verleitet, die Gruppe anzugreifen, so seine Verteidigung. Laut einem psychologischen Gutachten gilt der gebürtige Afghane als schuldunfähig. Das Landgericht Aschaffenburg entschied im vergangenen Oktober, dass der Mann wegen paranoider Schizophrenie dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht werden muss.
Nach dem Messerangriff auf eine Kita-Gruppe in Bayern hat das Landgericht Aschaffenburg nun ein Urteil ausgesprochen: Der Täter sei schuldunfähig gewesen und soll in eine Psychiatrie kommen.
30.10.2025 | 2:10 minOberbürgermeister: "So eine Situation kannte Aschaffenburg nicht"
An den Messerangriff vom Januar 2025 erinnert Aschaffenburg heute mit zwei Veranstaltungen. Am Mittag, fast genau zu jener Zeit, als O. angriff, legte Oberbürgermeister Jürgen Herzing (SPD) einen Kranz am Tatort nieder. Am Abend soll eine weitere Gedenkveranstaltung in einer Kirche stattfinden.
"Erst mal gab es großes Entsetzen, Trauer und Angst über eine Situation, die man so in Aschaffenburg in den letzten Jahrzehnten nicht kannte", sagt Herzing gegenüber ZDFheute.
Ein Schlüsselmoment im Bundestagswahlkampf
Schon früh bot der Messerangriff aber auch politische Sprengkraft. Denn der Täter war zum Zeitpunkt des Attentats ausreisepflichtig, hätte sich also gar nicht mehr in Deutschland aufhalten dürfen.
Die Messerattacke in Aschaffenburg löste Trauer und Entsetzen aus. Bei der Gedenkfeier warnten die Anwesenden vor Hass, Spaltung und Aufhetzung.
26.01.2025 | 1:58 minEtwa vier Wochen vor der Bundestagswahl veränderte die Tat von Aschaffenburg somit auch den Wahlkampf. Die Union drängte vehement auf eine Verschärfung der Asylregeln und nahm dafür im Bundestag erstmals eine Mehrheit mit der teilweise rechtsextremen AfD in Kauf. Kritiker sahen in der gemeinsamen Abstimmung den Fall der "Brandmauer" und demonstrierten in vielen Städten gegen den Vorstoß des damaligen Fraktionschefs Friedrich Merz (CDU). Die Wahl gewann die Union einen Monat später dennoch.
Kita hat wieder geöffnet
Dass sich die Attacke auf die eigene Stadt wochenlang in den Medien hielt, bewegte letztlich auch den Bürgermeister. "Wir hatten schon genug Trauer und Schmerz hier", erinnert sich Herzing, "und sobald wir den Fernseher eingeschaltet haben, hörte man immer wieder von Aschaffenburg und dieser Tat." Die Menschen seien nicht zur Ruhe gekommen.
Nun, ein Jahr nach der Attacke, ist so etwas wie Alltag eingekehrt. Auch die Kindertagesstätte, von der die Gruppe am Vormittag des 22. Januar 2025 aufgebrochen war, ist inzwischen wieder geöffnet.
In der Woche nach der Messerattacke in Aschaffenburg traf das ZDF den Kita-Vereinsvorsitzenden Harry Kimmich.
01.02.2025 | 9:42 min"Der Gedanke an Schöntal wird immer schmerzen"
Melissa Lang arbeitet in einer anderen Kindertagesstätte in Aschaffenburg, kommt an diesem kalten Donnerstagmittag zufällig an der Gedenkstelle im Schöntalpark vorbei.
Auch bei ihr seien viele Eltern nach der Tat besorgt gewesen: "Manche dachten sogar über Pfefferspray nach. Wir lassen die Kinder nie alleine in den Garten und haben unsere Mitarbeiter versucht zu schulen. Die Wunde aber heilt nie - man kann nur aus dem Geschehenen versuchen zu lernen."
Auch der Oberbürgermeister sieht das so. "Das wird nicht vergehen, vor allem für die Hinterbliebenen wird der Gedanke an Schöntal immer schmerzen."
Tobias Bluhm berichtet aus dem ZDF-Landesstudio Bayern.