AfD-nahe Streamer:Provozieren und bedrängen als Geschäftsmodell
von David Gebhard, Anne Herzlieb, Maximilian Hossener
AfD-nahe Streamer begleiten die Partei im Wahlkampf und bedrängen zuweilen Journalist*innen. Das bringt Reichweite, aber auch Probleme.
Sie nennen sich "Aktivist Mann", "Weichreite" oder "Björn Banane": Streamer, die auf AfD-Veranstaltungen filmen, Interviews führen und live ins Netz übertragen. Wer sind diese Akteure?
15.09.2026 | 10:23 minEin Spätsommerabend in Berlin. Wahlkampf der AfD. Auf der Bühne singt der Youtuber und Aktivist Björn Banane den Song "Fernseher aus". Im Text wird die Corona-Pandemie als "fake" geleugnet, auch heißt es, die Medien betrieben "Propaganda". Das Publikum tanzt und singt den Text mit: "Mach den Fernseher aus, zieh den Stecker, schmeiß die Kiste aus dem Fenster raus".
Björn Banane, mit bürgerlichem Namen Björn Winter, versteht sich als Journalist, den Werten "Wahrheit, Würde und Anstand" verpflichtet, wie er selbst sagt. Dass er gleichzeitig von der AfD-Fraktion Brandenburg Geld bekommt, erwähnt er auf der Bühne nicht - erst auf Nachfrage von ZDFfrontal: "Die AfD ist in meinem Einzelunternehmen einer meiner Kunden, die ich im Social-Media-Bereich berate und da tätig werde. Ich habe aber auch andere Kunden."
Forscher: Zuschauer bauen Bindung zu Streamern auf
Josef Holnburger vom "Center für Monitoring, Analyse und Strategie" (CEMAS) forscht zu Rechtsextremismus, Desinformation und Verschwörungsideologien. Er hat während der Corona-Pandemie beobachtet, wie das Phänomen der Livestreamer entstanden ist, bei dem Nutzer stundenlang Reden oder Demonstrationen live ins Netz übertragen.
Mittlerweile schätzt er, dass diejenigen, die live die Streams schauen, einige Zehntausende sind. Die Streams liefen oft nebenher "zum Beispiel neben der Arbeit oder beim Kochen. Viele haben eine Art freundschaftliches Verhältnis zum Streamer aufgebaut", so Holnburger.
Wie geht es weiter nach der Wahl in Sachsen-Anhalt? Nach dem Wahlsieg ist die AfD nun auf Partnersuche. Das BSW wäre gesprächsbereit.
14.09.2026 | 2:06 minNoch mehr Reichweite haben kurze, möglichst provokante, aus den Streams ausgeschnittene Clips, die als kurze Videos bei Youtube oder auf TikTok laufen. Teils haben sie über eine Million Aufrufen, wie die des Youtubers, der sich "Aktivist Mann" nennt. Er ist wegen Volksverhetzung verurteilt, zudem war er 2020 beim sogenannten "Sturm auf den Reichstag" vorne dabei.
AfD geht auf Distanz zu "Aktivist Mann"
"Aktivist Mann" finanziere sich wie viele andere Streamer über Werbeeinnahmen und Spenden, so Holnburger. Zuschauer können etwa während des Livestreams spenden. "Da wird sich dann auch bei einer Person bedankt, wenn sie gerade im Livestream fünf Euro gespendet hat". erklärt Holburger. So entstehe "ein Community-Gedanke ähnlich wie beim Gaming".
Zum erfolgreichen Geschäftsmodell von Matthäus Westfal, wie "Aktivist Mann" mit bürgerlichem Namen heißt, gehört es, zu provozieren und zu beleidigen. Im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt wurde er von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund für seine stundenlangen Live-Streams von AfD-Veranstaltungen gelobt.
Doch seit vergangenem Montag geht die Partei auf Distanz. Grund: Westfal hatte bei der AfD-Wahlparty in Magdeburg die "Spiegel"-Journalistin Ann-Katrin Müller minutenlang aggressiv mit Fragen bedrängt und attackiert. Das Video von dem Vorfall ist weiterhin im Netz, genauso wie Hasskommentare seiner Zuschauer gegen die Journalistin.
Nach dem AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt gibt es bundesweit Proteste gegen Rechtsextremismus. In Leipzig, Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und Berlin kam es zu Demonstrationen.
12.09.2026 | 1:08 minIm Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt kam es immer wieder zu Behinderungen, Einschüchterungen und Übergriffen. Lukas Munzke von der Gewerkschaft verdi spricht vom "systematischen Versuch, kritische Öffentlichkeit zu verdrängen".
AfD-Spitze verurteilt Angriffe auf Journalisten
Auch im Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern tauchten AfD-nahe Streamer auf. Am Sonntag kreuzte "Aktivist Mann" bei einem Wahlkampfauftritt von AfD-Spitzenkandidat Jan-Erik Holm in Krebsförden bei Schwerin auf. Holm ließ ihn jedoch abblitzen, lehnte ein Interview mit ihm ab, aus Zeitgründen und wegen Heiserkeit. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die AfD-Spitze schon entschlossen, die Causa "Aktivist Mann" auf die Tagesordnung zu setzen.
Am Montag stellte der AfD-Bundesvorstand fest, man dulde kein "pöbelhaftes Verhaften", es sei "Rufschädigung". Alice Weidel und Tino Chrupalla befinden vor den anstehenden Landtagswahlen: "Beleidigungen und verbales Bedrängen verbieten sich für Medienschaffende. (…) Die AfD wird es nicht tolerieren, wenn dieser Grundsatz bei künftigen Partei-Veranstaltungen verletzt wird."
Der Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, hat Empörung ausgelöst. Im Mittelpunkt stehen Äußerungen zu einem möglichen Einsatz von Rüstungsgütern bei Abschiebeoffensiven.
11.09.2026 | 0:35 minZurück zum AfD-Wahlkampf in Berlin. Das Modell Streamer und Content Creator findet hier Nachahmer: Bürger, die auf AfD-Veranstaltungen zum eigenen Handy greifen, filmen und eigene Videos schneiden oder live ins Netz streamen. AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker meint: "Offensichtlich gibt es jetzt einen neuen Berufszweig des Streamers. Wir sagen immer, wir sprechen grundsätzlich mit allen. Es müssen sich aber alle an Regeln halten."
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