Japans Erdbebenschutz in der Kritik:Verheerende Gas-Explosion nach Erdbeben fordert Opfer
von Elisabeth Schmidt, Peking
Japan ist erprobt im Umgang mit Erdbeben. Doch nach der gewaltigen Gas-Explosion in einem Einkaufszentrum kurz nach dem Beben diskutiert die Region hitzig über Schutzkonzepte.
Ein Erdbeben der Stärke 7,1 hat den Südwesten Japans erschüttert. Dabei stürzte auch ein Einkaufszentrum ein. Mehrere Menschen sollen eingeschlossen sein.
28.07.2026 | 0:21 minBebt in Japan die Erde, tritt ein strenges Protokoll in Kraft: Die Bevölkerung wird in der Regel sekunden- bis minutenaktuell durch laute Handy-Alarme und Lautsprecher-Durchsagen dazu aufgefordert, möglichst schnell Schutz zu suchen.
Im Fernsehen und Radio beginnen Sondersendungen, in denen Japans nationale Wetter- und Erdbeben-Behörde regelmäßig den Stand der Dinge erläutert und vor möglichen Tsunamis und Nachbeben warnt.
Einkaufszentrum eigentlich Schutzraum
Nach dem großen Ostjapan-Erdbeben mit dem verheerenden Reaktor-Unglück in Fukushima 2011 seien auch Shoppingmalls als Evakuierungszentren und Notunterkünfte ausgewiesen worden, erklärt Professor Naoya Sekiya vom Zentrum für integrierte Katastrophenvorsorgeinformationen der Universität Tokio.
Diese Ausweisung müsse man in Zukunft womöglich überprüfen.
Videos von Augenzeugen zeigen, wie sich Minuten nach dem Erdbeben der Stärke 7,1 in der "AEON Mall" in der Stadt Kashima eine gewaltige Explosion ereignet. Das Einkaufszentrum ist kaum noch wiederzuerkennen, der erste Stock komplett eingestürzt. Mindestens drei Menschen starben.
Mindestens 18 Menschen sind ums Leben gekommen, zahlreiche Menschen wurden verletzt. Die Rettungskräfte suchen weiter nach Vermissten.
29.07.2026 | 1:34 minNoch immer suchen Rettungskräfte nach Vermissten. Die Behörden gehen von einem Gas-Leck aus. Der Chef des Einkaufszentrums zeigte sich erschüttert.
Ich fühle mich zutiefst verantwortlich. Ich möchte den Verstorbenen mein tiefstes Beileid aussprechen und mich bei den Angehörigen aufrichtig entschuldigen.
Akio Yoshida, AEON Co., Ltd CEO
Erste Gas-Explosion in Folge eines Erdbebens
Es sei die in Japan erste verzeichnete Gas-Explosion in Folge eines Erdbebens, erläutert Prof. Sekiya. Normalerweise werde in einer Stadt den Haushalten das Gas automatisch abgedreht, sobald ein gewisses Level an seismischen Aktivitäten verzeichnet werde.
Am 11. März jährt sich die Katastrophe von Fukushima zum 15. Mal. Bis zu 20.000 Menschen kostete die Katastrophe das Leben, rund 160.000 Japanerinnen und Japaner verloren ihre Heimat.
11.03.2026 | 4:25 minIn dem "AEON"-Shoppingcenter sei das Flüssiggas LPG explodiert, eine Mischung aus Propan und Butan, das oft in Restaurants zum Kochen verwendet wird.
Ich frage mich, wie die Flüssiggasversorgung in großen Einkaufszentren und anderen großen Einrichtungen unterbrochen wird. Oder war das nicht möglich?
Prof. Naoya Sekiya, Universität Tokio
Sind Einkaufszentren also vielleicht gar keine sicheren Schutzräume für künftige Erdbeben? "Da dies erhebliche Auswirkungen darauf haben wird, wie Evakuierungsmaßnahmen nach einer Katastrophe oder nach einem Erdbeben durchgeführt werden, sollten wir dies meiner Meinung nach als zentralen Punkt für künftigen Katastrophenschutz betrachten", fordert Prof. Sekiya.
Gefahr von Toten durch Hitzschlag
Derweil beginnt nicht nur rund um das Einkaufszentrum in Kashima ein verzweifeltes Rennen gegen die Zeit. Japan erlebt gerade eine Hitze-Welle mit Temperaturen an die 40 Grad. Vielerorts ist der Strom ausgefallen und damit auch die Klimaanlagen.
Auch Venezuela wurde von starken Erdbeben erschüttert - mehrere tausend Menschen kamen ums Leben. Wie geht es in dem Land jetzt weiter? Wie verändert die Katastrophe das Land politisch?
08.07.2026 | 6:20 minProf. Sekiya geht davon aus, dass es eine beträchtliche Anzahl von so genannten "bedingten Todesfällen" geben wird. Gemeint sind Hitzeschläge in Folge der Stromausfälle.
Da sich diese Situation noch weiterentwickelt, könnten die Todeszahlen durchaus noch steigen.
Prof. Naoya Sekiya, Universität Tokio
Die Zahl der Todesopfer in der Präfektur Kumamoto ist bis Donnerstag, 30.Juli auf mindestens 28 gestiegen.
Japans Premierministerin wandte sich bereits mehrere Male an die Öffentlichkeit: "Es gibt Menschen, die noch immer auf ihre Rettung warten, und es ist ein Wettlauf gegen die Zeit", sagte Sanae Takaichi. "Wir werden alles daran setzen, so viele Menschen wie möglich zu finden und zu retten." Für die gesamte nächste Woche bestehe die Gefahr von weiteren starken Nachbeben.
Einen Monat nach den schweren Erdbeben im Juni in Venezuela haben zahlreiche Menschen der Opfer gedacht. Nach offiziellen Angaben kamen dabei mehr als 5.540 Menschen ums Leben.
25.07.2026 | 0:22 minErdbeben der höchsten Stärke: "unmöglich zu stehen"
Stärke 7 ist die höchste auf Japans Erdbebenskala. Sie wird beschrieben als "Es ist unmöglich zu stehen oder zu gehen, ohne zu kriechen. Leute werden in die Luft geworfen."
Da in der Präfektur Kumamoto die Erde laut nationaler Wetter- und Erdbebenbehörde in einer Tiefe von lediglich 10 Kilometern bebte, waren die Erdstöße besonders lang und heftig zu spüren gewesen. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe wird sich erst nach und nach zeigen.
Elisabeth Schmidt ist Ostasien-Korrespondentin und arbeitet im ZDF-Studio Peking.
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