Mögliche Eskalation in Nahost:In Israel herrscht trotzige Zuversicht
Israel erwartet einen Angriff des Iran. Offiziell trifft Israel keine Vorkehrungen im Land, diplomatische Bemühungen ringen derweil um Deeskalation.
Es werde versucht, das tägliche "Leben weiterzuleben". Man merke, dass die Bürger Israels "mit angespannten Sicherheitslagen vertraut sind", so Alexander Poel, ZDF-Korrespondent in Tel Aviv.
06.08.2024 | 4:21 minWas Avi Weissman sagt, fasst den Nahost-Konflikt in einem prägnanten Satz zusammen: "Es wird in dieser Region immer einen nächsten Krieg geben." Darauf möchte der stellvertretende Direktor des Rambam-Krankenhauses in Haifa vorbereitet sein. Binnen acht Stunden kann seine Klinik unter die Erde verlegt werden, in die Tiefgarage, zusammen mit rund 2.000 Patienten. "Wir sind hier geschützt vor konventionellen, biologischen und chemischen Waffen", erklärt Weissman. Nur einem Atomschlag könne man nicht Stand halten.
Beschuss durch Hisbollah-Miliz
Gerade der Norden Israels liegt seit Tagen wieder unter verstärktem Beschuss durch die Hisbollah-Miliz. Zwar ist man in dieser Region Raketen gewohnt, doch es ist stärker geworden in letzter Zeit - nachdem Israel mit Fuad Schukr den ranghöchsten Kommandeur der Hisbollah im Libanon gezielt getötet hatte.
Wenig später starb Ismail Haniya bei einer Explosion in Teheran. Und auch wenn sich Israel bislang nicht zum Tod des hohen Hamas-Funktionärs geäußert hat, scheint seine Urheberschaft für die Hamas und den Iran festzustehen. Von den Familien, die noch im Norden leben - weite Teile der Region wurden bereits evakuiert - gehen viele fort.
Israel: Krisen und Kriege gehören zum Alltag
Die Menschen aus dem Norden verlassen ihre Heimat, sonst scheint es in Israel keine konkreten Regungen zu geben. Keine offiziellen Vorbereitungen auf einen Krieg, keine öffentlichen Maßnahmen. Doch die aktuellen Entwicklungen beschäftigen die Menschen im Land.
Man könne nur hoffen, "dass es nicht so schlimm sein wird, wie es am 14. April war", erklärt Avi Primor, ehemaliger Israelischer Botschafter in Deutschland.
06.08.2024 | 6:28 minIn Tel Aviv - dem sonst so lebendigen Zentrum Israels - herrscht so etwas wie trotzige Zuversicht. Die lange Strandpromenade wirkt leerer als sonst. Es ist klar, dass etwas in der Luft liegt. Angespanntes Warten zeichnet sich in vielen Gesichtern ab. Doch unterkriegen lassen will man sich davon nicht, wie Asher Ragen.
Wenn das Leben jedes Mal stoppen würde, wenn wir uns bedroht fühlen, kämen wir zu nichts.
Asher Ragen
Asher Ragen sitzt mit ein paar Freunden am Strand und schaut aufs Meer: "Es ist Sommer und wir wollen nichts verpassen." Es sind Menschen, für die Krisen und Kriege zum Leben gehören, wie aufstehen und zur Arbeit gehen. Seit Jahrzehnten hat sich daran wenig geändert.
Die Sicht auf Netanjahu
Dizengoff Square, ein paar Minuten mit dem Auto vom Strand entfernt: Hunderte Fotos von Geiseln und gefallenen Soldaten säumen einen riesigen Brunnen. Immer wieder kommen Menschen und sehen sich die Bilder an, halten inne. Dorit Apsimon ist eine von ihnen.
"Ein Urteil ist nicht leicht", antwortet die ältere Dame auf die Frage, ob die Regierung Netanjahu momentan das Richtige tue. "Auf der einen Seite ist es wichtig, alles zu unternehmen, um die Geiseln zurückzubringen", so Apsimon. Andererseits müsse man auch an die Sicherheit für die nächsten Generationen denken. Damit deutet sie durchaus Unterstützung für Netanjahus harte Haltung im derzeitigen Konflikt an.
USA ringen mit Israel um Deeskalation
Viele, die wir treffen, denken anders darüber. Und auch international hat sich der israelische Ministerpräsident von Verbündeten entfremdet. Die USA, Israels engster Partner, zeigen sich offen frustriert. Die Tötung Ismail Haniyas war aus Sicht des US-Präsidenten Joe Biden ein fataler Fehler. Mit "nicht hilfreich" wurde der Ärger mühevoll in Diplomatensprache übersetzt.
Doch bislang zeigt sich Benjamin Netanjahu von internationalen Partnern genauso wenig beeindruckt, wie von tausenden Demonstranten und Demonstrantinnen, die jede Woche für ein Abkommen mit der Hamas und gegen ihren Regierungschef protestieren.
In Erwartung eines Angriffs aus Iran versuchen die USA schon jetzt auf die mögliche militärische Antwort Netanjahus Einfluss zu nehmen. Israel solle "den Bogen bitte nicht überspannen", damit die Situation nicht in einen Krieg abgleite, so die Botschaft der Partner in der Region, zu denen etwa Jordanien und Ägypten zählen, unter US-Führung. Über eine Antwort der Regierung aus Jerusalem ist bislang nichts bekannt.
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