Netzwerk aus Milizen und Ideologie:Irans stiller Griff nach seinen arabischen Nachbarn
von Golineh Atai
Irans Regime beansprucht regionale Hegemonie. Mittel zum Zweck: seine militanten Schattenkrieger, die die arabischen Nachbarn schwach, zersplittert und erpressbar halten sollen.
Libanon, Syrien, Irak, Jemen: Iran schmuggelt Geld und Waffen und unterdrückt Demokratiebewegungen - Eine Reise durch terrorisierte Länder. Und durch ihre Geschichte.
23.07.2026 | 43:44 minEin Schaltgespräch im saudischen Nachrichtensender Al-Arabiya in diesen Tagen. Moderator Naif Al-Ahmari hat Irans Botschafter in Ägypten eingeladen. "Es ist Irans Recht, nach Vergeltung zu rufen", sagt Botschafter Mojtaba Ferdosi.
Der Moderator entgegnet ruhig, aber bestimmt: "Na, dann ist es auch das Recht jeder Familie in Syrien, im Libanon, im Jemen oder im Irak, Rache zu verlangen für jeden Angehörigen, den Iran dort getötet hat. Weil Iran Blutvergießen verursacht hat. Viertausend Libanesen wurden gerade getötet, weil die Hisbollah in den Krieg zog, um Irans Obersten Führer Ali Khamenei zu rächen. Was bitte hat das mit dem libanesischen Volk zu tun? Irans Geschichte in unserer Region ist keine ehrenhafte".
Welche Rolle der Iran bei der Seeblockade im Roten Meer einnimmt, erklärt ZDF-Korrespondentin Atai. Ziel sei es, eine "Schockwellen für die Weltwirtschaft" auszulösen.
22.07.2026 | 9:53 minDrohungen gegen arabische Nachbarn sorgen für Unmut
Der arabische Missmut auf eine Macht, die sich als Hegemon, als Bully aufführt und die Souveränität arabischer Staaten systematisch verletzt, ist alt.
Er bezieht sich nicht nur auf die jüngsten Äußerungen Irans: Etwa, wenn der ehemalige Außenminister Manuchehr Mottaki in Irans Staatsfernsehen als Option ins Spiel bringt, dass die vom Iran unterstützten Milizen im Irak nun ganz leicht die US-Militärbasen in Bahrein und Kuwait stürmen könnten.
Oder wenn Irans Revolutionsgarden sich direkt an die kuwaitische Bevölkerung wenden und ihr raten, sie solle doch am besten gegen ihre eigene Regierung aufstehen und die US-Stützpunkte im Land beseitigen. Mit Drohungen gegen seine arabische Nachbarn will Iran den Druck auf die USA erhöhen - eine lang getestete Strategie.
In Iran frage man sich nicht, ob, sondern wann US-Bodentruppen in Iran eingesetzt würden, sagt Expertin Diba Mirzaei. Auch Sicherheitskreise diskutierten dieses Szenario.
20.07.2026 | 2:47 minIrans Verfassungsauftrag: die Revolution exportieren
Das arabische Unbehagen über Iran - darüber, dass dort mehr eine "Gang" herrsche denn ein Staat - ist älter als der aktuelle Krieg. Die Vorbehalte reichen zurück bis ins Jahr 1979, als Irans islamische Revolutionäre per Verfassungsauftrag festlegten, dass die Revolution im Land kontinuierlich weitergehe - und der Export der revolutionären Ideologie ebenso. Der Grundstein für Irans Milizen im nahen Ausland war gelegt.
Als Saddam Hussein 1980 den Iran angriff, hatte das auch damit zu tun, dass Revolutionsführer Khomeini Iraks Schiiten gegen Saddam aufgestachelt hatte. Und dass Khomeini im Iran eine irakische Miliz trainieren ließ, die im Krieg auf Irans Seite gegen irakische Soldaten kämpfte.
Übrigens: Die Nachfolger dieser Miliz säuberten den Irak nach dem Fall des Saddam-Regimes - durch politische Morde an national gesinnten irakischen Intellektuellen und Aktivisten. "Der Weg nach Jerusalem führt über das irakische Kerbala", tönte Irans Regime in den 1980ern. Will heißen: Wenn Iran sich im Irak ausbreitet und die schiitischen Pilgerzentren erobert, dann ist es nicht weit bis Jerusalem - von wo aus Iran die ganze islamische Gemeinschaft führen werde.
Irans Milizen: Plan zur Beherrschung der gesamten Region
Ob Jemens Huthi, Libanons Hisbollah, Iraks Haschd oder andere: Die Geschichte von Irans Milizen in der arabischen Welt zeigt, dass Irans Regime einen langfristigen Plan verfolgt hat, um ganz allmählich Kulturen, Gesellschaften, religiöse Traditionen in Nachbarstaaten zu verändern - und Grundlagen zu schaffen für Milizen, die später politisch abgesichert, aber über dem Gesetz stehen.
Besonders gut funktionierte das in verwundbaren Ländern, die gerade von Unruhen und Bürgerkriegen erschüttert wurden.
Wunsch nach nationaler Einheit in Nachbarländern gefährdet Irans Macht
Damit ein Nationalgefühl nie aufkommt, trennten Irans Milizen die Schiiten von anderen Bevölkerungsgruppen ab. Iraker und Libanesen demonstrierten mehrfach in den vergangenen Jahren "für eine Heimat", für einen Staat ohne korrupte Milizen, ohne religiöse Quoten, für eine nationale Identität.
Vom Bond-Fan zum Mossad-Agenten: Ein junger Iraner wendet sich gegen das Mullah-Regime und lässt sich vom Mossad anwerben. Mit seinen Agenten vor Ort greift Israel 2025 Irans Atomanlagen an.
21.07.2026 | 23:16 minTeheran fühlte sich stets bedroht von diesen Massendemonstrationen in Beirut oder Bagdad. Seine Milizen koordinierten die Niederschlagung dieser Demokratie- und Unabhängigkeitsbewegungen.
"Teile und Herrsche" ist Teherans Mittel der Wahl geblieben: Die Opfer der Milizen erlebten alle, wie Irans Regime erfolgreich Bevölkerungen spaltete und Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufhetzte. Die Länder in Irans Orbit prägt das bis heute - auch wenn Irans Milizen militärisch geschwächter sind als je zuvor.
Golineh Atai ist Studioleiterin im ZDF-Studio Kairo. Sie berichtet von dort unter anderem aus Irak, Libanon, Syrien und Jemen.
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