Iran schickt Lego-Trump in den Krieg:"Eine sehr smarte Form der Propaganda"
KI-generierte Clips zeigen Trump als Lego-Figur mit Schweinerüssel - und gehen millionenfach viral. Propagandaforscher Marcus Bösch erklärt, warum die Videos so wirksam sind.
Die in Iran ansässige Gruppe „Explosive Media“ erstellt KI-Videos, die US-Präsident Donald Trump als Lego-Männchen zeigen. Was dahintersteckt, analysiert ZDFheute live.
03.05.2026 | 13:33 minUS-Präsident Donald Trump als Lego-Männchen mit Schweinerüssel im Oval Office - was absurd klingt, ist Teil eines gezielten digitalen Informationskrieges. KI-generierte Clips, produziert von der iranischen Gruppe Explosive Media, gehen derzeit millionenfach viral. Die Videos bedienen sich bewusst westlicher Popkultur: schnelle Schnitte, Lego-Ästhetik, musikalische Tracks im Stil von Rapper Eminem. Ihre Botschaft ist klar - die USA als Kriegstreiber, Trump als Marionette Netanyahus, Iran als übermächtige Gegenkraft. Offizielle iranische Kanäle und regimenahe Influencer verbreiten die Inhalte weiter. Die Gruppe selbst behauptet, unabhängig von der iranischen Staatsführung zu arbeiten.
Marcus Bösch forscht an der Universität Münster zu Propaganda, Künstlicher Intelligenz und digitalen Kommunikationsstrategien mit Schwerpunkt auf TikTok. Bei ZDFheute live ordnet er ein, warum diese Videos so erfolgreich sind - und was sie über den Zustand des digitalen Informationskrieges verraten.
Das Interview in voller Länge sehen Sie oben im Video oder lesen Sie es hier in Auszügen:
Warum die Videos viral gehen
Für Bösch liegt der Erfolg der Clips in ihrer perfekten Plattformanpassung:
Diese TikTok-Videos passen perfekt in den Feed. Die passen eben perfekt zwischen Kochvideos und Hundevideos. Der Algorithmus belohnt ja nicht die Wahrheit, sondern Reaktion, Empörung, Belustigung, Ekel.
Marcus Bösch, Propagandaforscher
Selbst wenn sich Nutzer über die Videos lustig machen, helfe das, den Clips mehr Reichweite zu verschaffen. Die dauerhafte Präsenz der Inhalte könne dann dazu führen, dass die Menschen denken: "Wahrscheinlich wird das schon stimmen."
Vor 47 Jahren endete die Monarchie in Iran – abgelöst durch das Mullah-Regime. Nur Tage nach der brutalen Niederschlagung von Protesten ruft Irans Führung heute zum Feiern auf.
11.02.2026 | 2:32 minHinzu komme eine politische Resonanz, die Bösch als Reaktion auf die "Memefizierung von Trump" beschreibt: Das Weiße Haus habe monatelang selbst auf Memes, Computerspielreferenzen und KI-Bilder gesetzt, um Trump zu inszenieren.
Was wir hier jetzt erleben, ist eine Reaktion und hier wird quasi Trump und das Weiße Haus mit den eigenen Mitteln geschlagen - und das auf einem sehr, sehr professionellen Niveau.
Marcus Bösch, Propagandaforscher
Die Tracks seien nicht nur musikalisch stark, sondern träfen inhaltlich "einen ganz spezifischen neuralgischen Punkt" in der gespaltenen amerikanischen Gesellschaft.
Postdigitale Propaganda: online und offline verschmelzen
Bösch bezeichnet das Phänomen als "postdigitale Propaganda" - weil online und offline sich heute nicht mehr trennen ließen. Die Wirkung der Videos gehe über den Bildschirm hinaus:
Man ertappt sich selbst dabei, dass man über die Straße läuft und so einen Rap-Song mitsummt. Bisweilen fordern Leute in den Kommentaren explizit: Gibt es das jetzt endlich auch auf Spotify? Ich höre das jeden Morgen. Und wenn man dann in einen Supermarkt geht, sieht man Lego-Figuren und wird wiederum getriggert.
Marcus Bösch, Propagandaforscher
Es handle sich um gezielte Propaganda, betont Bösch.
Verbindungen zum iranischen Regime
Explosive Media gibt an, aus weniger als zehn Personen zwischen 19 und 25 Jahren zu bestehen und unabhängig zu arbeiten. Für Bösch ist diese Distanzierung wenig glaubwürdig. Das zentrale Indiz sei der Internetzugang: Während fast allen Iranerinnen und Iranern das Netz abgeschaltet sei, verfüge die Gruppe offenbar ungehindert darüber.
Inzwischen ist es der BBC gelungen, mit einem Mitglied der Gruppe - das sich selbst "Mr. Explosive" nennt - zu sprechen. Gegenüber dem britischen Senders gab die Person zu, dass das iranische Regime "Kunde" der Gruppe sei. Zudem sei Explosive Media keine singuläre Gruppe, sondern Teil eines größeren Netzwerks.
Wir haben es hier mit einem fast schon transmedialen Netzwerk zu tun, dessen Inhalte dann von verschiedenen iranischen Botschaften quasi ausgespielt werden.
Marcus Bösch, Propagandaforscher
Gegenoffensive des Weißen Hauses bleibt aus
Auch die USA und Israel führen einen Informationskrieg auf Social Media. Trump inszeniert sich selbst regelmäßig mit KI-Bildern auf seinen Plattformen, teils mit religiösen Motiven. Doch auf die Lego-Videos reagiert das Weiße Haus bislang nicht.
YouTube hat den offiziellen Explosive-Media-Kanal Mitte April wegen Verstößen gegen seine Richtlinien entfernt. Auf TikTok, X und Instagram kursieren die Videos weiterhin. Für Bösch greift das Löschen einzelner Accounts jedoch zu kurz: "Das Problem ist etwas, was man partizipative Rekursion nennen kann - der Inhalt gehört jetzt auch nicht mehr Explosive Media, der ist da draußen und verbreitet sich."
Der eigentliche Hebel liege im Empfehlungsalgorithmus. Doch darüber wisse die Wissenschaft wenig, weil die Plattformen ihre Daten nicht herausgäben. Bösch verweist auf den Digital Services Act der EU, der genau diese Transparenz inzwischen verlange. "Das wäre der eigentliche Hebel, an dem zu arbeiten wäre."
Erst der Anfang: KI verändert Propaganda grundlegend
Am Ende des Interviews ordnet Bösch das Phänomen historisch ein: Propaganda habe immer aktuelle technische Möglichkeiten genutzt - von Plakaten über Radio und Fernsehen bis zu sozialen Medien. Was sich heute durch generative KI verändert, sei nicht nur die schiere Menge an Inhalten, sondern auch ihre Form. Künftig, so Bösch, könnte sich die Kennzeichnungspflicht sogar umkehren:
Erste Lösungsansätze sehen bereits vor, dass nicht mehr KI-Inhalte auf Plattformen markiert werden sollen - wenn man davon ausgeht, dass diese in naher Zukunft eh das Informationsfeld dominieren -, sondern dass man eher im Umkehrschluss definitiv verbriefte menschliche Inhalte markiert.
Marcus Bösch, Propagandaforscher
Die kommenden Jahre, so Bösch, würden auf diesem Feld "sicherlich noch sehr spannend".
Das Interview führte Christian Hoch. Zusammenfassung von Jan Schneider.
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