ICE-Einsatz in Minneapolis: Neues Video veröffentlicht

Faktencheck

JD Vance spricht erneut von "Notwehr":Was das neue Handy-Video des ICE-Beamten wirklich zeigt

Oliver Klein

von Oliver Klein

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Ein ICE-Beamter erschießt eine Autofahrerin, US-Vize JD Vance sagt, das sei Notwehr gewesen - und präsentiert ein neues Video, das den Einsatz zeigt. ZDFheute hat es analysiert.

Screenshot zeigt Renée Good, die von einem Polizisten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde am 07.01.2026 erschossen wurde.

Ein Video zeigt den tödlichen Einsatz in Minneapolis aus der Perspektive eines ICE-Beamten.

10.01.2026 | 1:33 min

Während in mehreren US-Bundesstaaten Menschen gegen die Einsätze der US-Einwanderungsbehörde ICE protestieren, sorgt ein neues Video für weitere Kritik. Von dem ICE-Einsatz in Minneapolis, bei dem die 37 Jahre alte Renee Nicole Good von einem Beamten erschossen wurde, ist Videomaterial an die Öffentlichkeit gelangt, das der Beamte selbst mit seinem Handy aufgenommen hat.

Die konservative Nachrichtenplattform "Alpha News" veröffentlichte den Clip online, später wurde er unter anderem vom Heimatschutzministerium und US-Vizepräsident JD Vance in sozialen Medien geteilt. Vance sieht den Clip als eine weitere Bestätigung, dass der ICE-Beamte in Notwehr geschossen hat, weil er von der Frau angefahren worden sei - "tatsächlich war sein Leben in Gefahr", schreibt er bei X.

Doch was zeigt das 47 Sekunden lange Video wirklich? Was beweist es - und was ist aus anderen Clips über die Situation bekannt? ZDFheute hat die bisher veröffentlichten Videos analysiert.

Screenshot zeigt Renée Good, die von einem Polizisten der US-Einwanderungs- und Zollbehörde am 07.01.2026 erschossen wurde.

Screenshot aus dem neu veröffentlichten Video: Renee Good ruft dem ICE-Beamten zu "ich bin nicht böse auf dich".

Quelle: Screenshot X / AlphaNews

ICE-Beamter wurde nicht überfahren

Zu sehen ist - aus der Perspektive des ICE-Beamten - wie er sich dem Honda der Frau nähert. Im Hintergrund hört man immer wieder Polizeisirenen, hupende Autos, Pfiffe aus Trillerpfeifen. Renee Nicole Good ruft ihm durch das heruntergelassene Fenster an der Fahrerseite zu: "Das ist in Ordnung, ich bin nicht böse auf dich." Es sind wohl ihre letzten Worte.

Der Beamte geht um den Wagen herum, dort steht ihre Ehefrau Rebecca Good. Auch sie filmt die Szene mit ihrem Handy. "Willst du uns angreifen?", fragt sie den Mann. "Ich sage: Geh und hol dir erst mal Mittagessen, Großer." Sie will auf der Beifahrerseite in das Auto einsteigen. Doch inzwischen haben sich zwei weitere vermummte Beamte der Fahrerseite genähert. Einer ruft der Fahrerin zu: "Raus aus dem verdammten Auto!"

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Dann eskaliert die Situation. Die Frau will offenbar fliehen, setzt den Wagen ein Stück zurück, dreht dann das Lenkrad nach rechts und fährt los. Der filmende Beamte steht zu diesem Zeitpunkt an der linken, vorderen Seite des Autos. Seine Kamera wackelt, schwenkt kurz in Richtung Himmel - im selben Moment eröffnet er das Feuer, schießt drei mal in das Auto. Die Kamera senkt den Blickwinkel wieder in Richtung Straße, zu sehen ist der Wagen der Frau, der davonfährt und kurz darauf geparkte Autos am Straßenrand rammt. Zu hören ist eine Stimme, offenbar die des ICE-Beamten: Er beschimpft sie als "fucking bitch" ("verdammte Schlampe").

Video des ICE-Einsatzes von Alpha-News

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Unklar ist, ob der Beamte unmittelbar vor oder während der Schüsse von dem Wagen touchiert wird. Klar ist jedoch: Der Mann stürzt nicht, er bleibt auf den Beinen - das wird aus dem Kamerabild deutlich. Auch weitere Videoclips aus anderen Perspektiven zeigen das. In weiteren Szenen ist zu sehen, wie er in den Minuten nach den Schüssen ohne ersichtliche Verletzungen die Straße entlangläuft und sich mit Kollegen austauscht.

Der an dem tödlichen Schusswaffeneinsatz in Minneapolis beteiligte ICE-Agent wurde als Jonathan Ross identifiziert, offiziell bestätigt wurde seine Identität bislang jedoch nicht. Ross arbeitet seit mehr als zehn Jahren als Einwanderungsbeamter, aktuell für die ICE-Abteilung Enforcement and Removal Operations, die für Festnahmen und Abschiebungen zuständig ist.

Bereits im Juni 2025 war Ross laut Gerichtsakten bei einem anderen Einsatz in Minnesota in einen schweren Zwischenfall verwickelt. Damals wurde er während einer Festnahme von einem flüchtenden Autofahrer etwa 100 Meter mitgeschleift. Fotos aus den Gerichtsdokumenten sollen Ross nach dem Vorfall mit einer stark blutenden Verletzung zeigen.

Unklar ist, wann Ross nach diesem Vorfall wieder in den Dienst zurückkehrte. Weder die Einwanderungsbehörde ICE noch das US-Heimatschutzministerium äußerten sich dazu. Nach den tödlichen Schüssen in Minneapolis verwies Heimatschutzministerin Kristi Noem auf den früheren Vorfall und erklärte, der Agent habe in der aktuellen Situation um sein Leben gefürchtet.


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JD Vance mit falschen Behauptungen bei X

JD Vance schrieb in Sozialen Netzwerken - wie zuvor auch schon US-Präsident Donald Trump - der Beamte habe in Notwehr gehandelt. "Auf den Fotos sieht man die Einschusslöcher an dem Wagen", so Vance im Kurznachrichtendienst X.

Die Schüsse kamen von der Front, denn dort stand der Polizist, als er vom Auto erfasst wurde.

US-Vizepräsident JD Vance

Diese Aussage des US-Vizepräsidenten entspricht nicht den Tatsachen: Auf Fotos des Wagens ist lediglich ein einziges Einschussloch in der Windschutzscheibe zu sehen, am linken Rand der Scheibe.

Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten

Nur ein Einschussloch ist zu sehen, am linken Rand der Windschutzscheibe - zwei weitere Schüsse wurden durch das Seitenfenster abgegeben.


Selbst bei diesem ersten Schuss stand der ICE-Beamte nicht frontal vor dem Auto. Die Frau lenkte nach rechts, als sie losfuhr, also von ihm weg - dadurch stand der ICE-Beamte seitlich vorne links am Auto. Das zeigt ein Video aus einer anderen Perspektive - deutlich zu erkennen sind die Beine des Mannes an der linken Seite des Wagens. Zwei weitere Schüsse gab der Beamte durch die geöffnete Seitenscheibe ab. Da stand er direkt neben dem anfahrenden Auto der Frau.

Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten
Minnesota: tödliche Schüsse durch ICE-Agenten

Minnesota: Tödliche Schüsse durch ICE-Agenten

Als die Frau losfährt, feuert er einen Schuss ab. Er steht dabei linkerhand vor dem Fahrzeug. Die Fahrerin lenkt nach rechts.


Das Video löst neue Kritik aus. Bereits zuvor hat der Tod der 37-jährigen dreifachen Mutter zu Protesten gegen die Einsätze der Behörde in der Stadt geführt. Auch für das Wochenende sind landesweit Demonstrationen geplant.

Quelle: mit Material von AP
Über dieses Thema berichtete ZDFheute in dem Beitrag "Neues Handy-Video zeigt: ICE-Beamter wurde nicht überfahren" am 10.01.2026 um 21:25 Uhr.

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