Polizeiversagen oder Rassismus?:Wie der Mordfall Henry Nowak Großbritannien spaltet
von Wolf-Christian Ulrich, London
War es Unfähigkeit oder Rassismus? Das Versagen der Polizei beim Umgang mit einem jungen Mordopfer sorgt in Großbritannien für Entsetzen und Wut.
Nach dem Tod eines 18-Jährigen im Vereinigten Königreich eskalieren Proteste und Ausschreitungen. Die Polizei wird attackiert, während rechtsextreme Gruppen die Spannungen weiter anheizen.
03.06.2026 | 1:38 minDas Vorgehen der Polizei im Fall des 18-jährigen britischen Studenten Henry Nowak sorgt im Vereinigten Königreich derzeit für Entsetzen, Unverständnis und auch blanke Wut. Was ist passiert?
Am 3. Dezember 2025 trifft Henry Nowak nachts in Southampton auf Vickrum Digwa, zum Tatzeitpunkt 22, ein Brite mit indischem Familienhintergrund. Ein Sikh, von Messern besessen. Er trägt offen einen Dolch bei sich, so schildert es das Gerichtsurteil, die Klinge ist länger, als es bei Männern der indischen Sikh-Religion aus religiösen Gründen üblicherweise erlaubt ist. Es kommt zu einem unbestimmten Wortwechsel.
Dann ersticht Digwa Henry Nowak. Digwas Bruder ruft danach die Polizei und schildert eine Lüge: Henry habe Digwa rassistisch angegriffen.
Protest in Southampton gegen das Vorgehen der Polizei im Fall Henry Nowak am 2. Juni 2026
Quelle: AFPPolizei legt Opfer Handschellen an
Als die Polizei zum Tatort kommt, liegt Henry Nowak sterbend am Boden. Neun Mal stöhnt er, dass er nicht atmen kann und vier Mal sagt er, dass er erstochen worden sei. Doch die Beamten glauben ihm nicht. Statt Henry zu untersuchen, legen sie ihm Handschellen an. Kurz danach stirbt Henry.
Am Montag verurteilt ein Gericht in Southampton Henry Nowaks Mörder zu lebenslanger Haft. Im Rahmen des Prozesses werden die verstörenden Aufnahmen der Körperkameras der Polizisten im Einsatz öffentlich. Dies sorgt nun landesweit für Entsetzen.
Nachdem sich die Briten für einen Brexit entschieden haben, wächst die Angst der europäischen Ausländer in England. Denn es gibt immer öfter rassistisch motivierte Angriffe auf sie.
16.11.2016 | 2:11 minHenrys Vater tritt im Rahmen der Urteilsverkündung vor die Presse:
Henry hätte nicht auf der Straße in Polizei-Gewahrsam sterben dürfen. Wie er behandelt wurde, war unmenschlich und entwürdigend.
Vater von Mordopfer Henry Nowak
Viele fragen sich nun, wieso die Polizeibeamten Henry Nowak nicht halfen. Polizei-Experte Danny Shaw sagt dazu zu ZDFheute: "Meine Antwort darauf ist, dass die Polizei am Einsatzort offenbar mit bestimmten Anweisungen der Leitstelle und des Einsatzleiters eintraf."
Was sie jedoch versäumten, war, unvoreingenommen zu bleiben und sich mit der Situation vor Ort auseinanderzusetzen: Ein Verdächtiger lag am Boden, der jedoch keine Gefahr darstellte und sich offensichtlich in einer Notlage befand.
Danny Shaw, Polizei-Experte
Rechtspopulisten sehen sich bestätigt
Das Verhalten der Beamten wird nun zum Politikum. Obwohl der Vater von Henry auch gefordert hatte: "Wir wollen nicht, dass sein Tod für weitere Spaltung und Hass benutzt wird." Dessen ungeachtet gehen in Southampton teils rechtsextreme Aktivisten auf die Straße - es ist bereits zu Ausschreitungen gekommen.
Rechtspopulistische Politiker sehen in dem Skandal einen Beleg dafür, dass Bemühungen zur Bekämpfung von Rassismus in der Polizei zu einer Benachteiligung der weißen Mehrheitsbevölkerung führen. Rechtspopulist Nigel Farage, Parteichef von Reform UK, etwa sagt:
Das ist eine Zweiklassen-Behandlung, und ich bin total dagegen. Ich fühle kalte Wut.
Rechtspopulist Nigel Farage
Es wurden "zum Teil auch Hotels abgefackelt". Diese "neue Qualität" der Proteste habe man "in Großbritannien bisher noch nicht gesehen", berichtet Rechtsextremismus-Experte Prof. Peter Neumann.
06.08.2024 | 4:51 minPremierminister Keir Starmer sagt dazu im Parlament: "So eine Tragödie auszunutzen, um Groll und Streit zu säen, ist falsch. Vor allem, wenn die Familie sich wünscht, dass wir das lassen, ist das unverzeihlich."
Es ist erschütternd - und als Vater eines 17-Jährigen - wurde mir schlecht, als ich das sah.
Keir Starmer, Premierminister
Starmer fordert eine gründliche Untersuchung, ob die Polizei am Tatort voreingenommen gewesen sei.
Polizei-Experte geht von Unfähigkeit aus
Inzwischen ermittelt die Aufsichtsstelle für Polizeiverhalten (IOPC). Polizei-Experte Shaw vermutet gegenüber ZDFheute jedoch eher Unfähigkeit auf Seiten der betreffenden Beamten: "Ich glaube, dass es wohl eher um eine Frage der Kompetenz geht, als darum, ob sie nun einem Rassismusvorwurf höchste Priorität einräumten."
Einer der am Einsatz beteiligten Beamten hat laut Polizei bereits den Dienst quittiert, drei andere sind demnach hingegen weiter im Amt.
Wolf-Christian Ulrich ist ZDF-Korrespondent in London.
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