Sicherheitslage in Mexiko im Griff? :Kartellgewalt wirft Schatten auf anstehende Fußball-WM
von Katharina Schuster, Washington D.C.
Mexiko verspricht Sicherheit für die WM. Doch nach der Tötung von "El Mencho" warnen zwei Experten gegenüber ZDFheute: Die Lage ist instabil und die Gewalt schwer kalkulierbar.
Im Sommer startet die Fußball-WM, unter anderem in Mexiko. Derzeit initiieren mächtige Drogenkartelle eine Welle der Gewalt in dem Land. ZDF-Korrespondent Elmar Theveßen zur Lage.
25.02.2026 | 3:09 minKann im Juni in Mexiko der Ball rollen? Diese Frage steht im Raum, etwa 100 Tage vor Beginn der Fußball-WM, die die USA und Kanada gemeinsam mit Mexiko ausrichten. In Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey werden insgesamt 13 Spiele ausgetragen. Bereits Ende März und Anfang April sollen in Guadalajara und Monterrey zudem jeweils zwei internationale Playoff-Partien zur Ermittlung der letzten beiden WM-Teilnehmer stattfinden.
Nach der Tötung des Drogenbosses Nemesio "El Mencho" Oseguera Cervantes durch die Armee hatten mutmaßliche Bandenmitglieder in Teilen des Landes eine Welle der Gewalt ausgelöst.
Angespannte Ruhe in Mexiko
Inzwischen seien viele Barrikaden geräumt, Geschäfte wieder geöffnet, das öffentliche Leben normalisiere sich, erzählt Gewaltforscher David Coronado, der im Bundesstaat Jalisco, im Westen Mexikos lebt.
Dennoch komme es weiterhin zu Auseinandersetzungen mit einem der mächtigsten und gewaltbereitesten Drogenkartelle Mexikos, dem CJNG (Cártel Jalisco Nueva Generación), berichtet Coronado gegenüber ZDFheute. In 20 der 32 mexikanischen Bundesstaaten habe sich das Kartell manifestiert.
Die Universität in Guadalajara, an der Coronado forscht, habe sicherheitshalber bis Samstag alle Kurse ins Homeoffice verlegt. Erst am Montag solle der Präsenzunterricht wieder stattfinden. Eine angespannte Ruhe also.
FIFA-Chef Gianni Infantino demonstriert dennoch Gelassenheit. "Ich bin sehr ruhig", sagte der Schweizer am Dienstagabend der französischen Nachrichtenagentur AFP im kolumbianischen Barranquilla: "Alles läuft sehr gut, alles wird fantastisch sein."
Doch der Druck auf den Weltverband FIFA wächst und auch auf Mexikos Regierung. Präsidentin Claudia Sheinbaum versichert: "Es gibt kein Risiko für die Besucher. Nicht das geringste Risiko." Für die geplanten Spiele in Mexiko seien "alle Garantien gegeben". Die Regierung habe die Lage unter Kontrolle.
Nach dem Tod von Kartellchef "El Mencho" brennen in mehreren mexikanischen Bundesstaaten Fahrzeuge und Geschäfte. Es gibt mindestens 14 Tote.
23.02.2026 | 2:28 minKontrolle? Gewaltforscher nennt vier Szenarien
Daran hat Gewaltforscher Coronado seine Zweifel. Er lebt selbst in Guadalajara, wo es zu heftigen Ausschreitungen kam. Ob die Regierung die Gewalt kontrollieren könne, hänge stark damit zusammen, wie sich das Drogenkartell CJNG aufstelle.
Coronado sieht vier mögliche Szenarien:
1) Wenn das Drogenkartell weiter straff geführt und Entscheidungen zentral getroffen würden, könnte sich das in koordinierten Aktionen in mehreren Bundesstaaten oder durch offizielle Stellungnahmen der Führung zeigen. Die Struktur bliebe berechenbar, wenn auch weiterhin gewaltbereit.
2) Das Netzwerk zerfällt nicht offiziell, aber einzelne regionale Gruppen agierten weitgehend eigenständig. Sie würden lose zusammenarbeiten, jedoch ihre operative Autonomie behalten. Das würde bedeuten: keine offene Spaltung, aber unterschiedliche Dynamiken vor Ort, mit möglicherweise schwer kalkulierbarer Gewaltentwicklung. Dieses Szenario hält der Experte für sehr wahrscheinlich.
3) Machtkampf um die Nachfolge (am wenigsten wahrscheinlich, aber am gefährlichsten): Komme es zu einem internen Führungsstreit, drohten Säuberungen und blutige Auseinandersetzungen innerhalb der Organisation. Dieses Szenario gilt als das unerwünschteste, da es erfahrungsgemäß zu einer deutlichen Eskalation der Gewalt führe, mit direkten Folgen für die Zivilbevölkerung. Der Experte hält es für am wenigsten wahrscheinlich, aber gleichzeitig für am gefährlichsten.
4) Mischszenario: Am wahrscheinlichsten ist langfristig eine Kombination, so Coronado. "Entweder eine teilweise Fragmentierung mit gleichzeitigen internen Machtkämpfen oder eine weiterhin zentrale Führung, die dennoch von internen Konflikten erschüttert wird." Solche Übergangsphasen könnten besonders unübersichtlich und instabil verlaufen.
Politikwissenschaftler: Mexiko wird Sicherheit höchste Priorität einräumen
Auch Nathan Jones vom "Baker Institute" glaubt nicht an Ruhe. In der Vergangenheit seien durch einen Schlag gegen den organisierten Drogenhandel oftmals lange und blutige Machtkämpfe bei den Kartellen ausgelöst worden. Vor der Fußball-WM werde die Regierung Gebiete, in denen sie Gewalt erwartet, "mit Sicherheitskräften sättigen", erklärt der Politikwissenschaftler im ZDFheute-Interview. "Ob sie die Kontrolle aufrechterhalten können, wird davon abhängen, wie viele Truppen sie in diese Gebiete entsenden können."
Es sei zu erwarten, dass die mexikanische Regierung "der Sicherheit, insbesondere an den Austragungsorten und in deren unmittelbarer Umgebung, höchste Priorität einräumt", bilanziert Jones.
Noch sei es zu früh abzuschätzen, wie sich die Sicherheitslage in Mexiko weiter entwickle. Da sind sich Gewaltforscher Coronado und Politikwissenschaftler Jones einig. Die Kartelle seien bestens organisiert. Es komme nun darauf an, wie die mexikanische Regierung gemeinsam mit verschiedenen Sicherheitsbehörden vorgehe. Die Stadien dürften gesichert werden. Doch ob das Land selbst zur Ruhe kommt, bleibt offen.
Katharina Schuster ist Reporterin im ZDF-Studio in Washington D.C.
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