Erfundene Gewaltvorfälle:Schulproteste in Frankreich: Fakes machen Stimmung im Netz
von Nils Metzger
Die Schulproteste in Frankreich sind teils gewalttätig. In sozialen Medien werden aber auch Fälle erfunden, um politisch Stimmung gegen Migranten zu machen. Diese Fakes kursieren.
Nach den heftigen Protesten der letzten Wochen haben Schülerverbände eine landesweite Demonstration angekündigt. Ihre Forderungen werden auch von Lehrkräften und Gewerkschaften unterstützt.
06.10.2026 | 2:03 minSeit Wochen erlebt Frankreich Proteste von Jugendlichen, die für bessere Lernbedingungen an Schulen demonstrieren. Neben friedlichen Protestaktionen gibt es dabei auch Ausschreitungen, darunter angezündete Fahrzeuge, beschädigte Schulgebäude oder sogar brutale Angriffe auf Passanten, die solche Sachbeschädigung von Jugendlichen kritisieren.
In sozialen Medien versuchen manche Akteure, die Proteste überwiegend als islamistischen oder migrantischen Gewaltmob darzustellen. Dabei wird auch auf bewusste Verzerrungen und Fakes zurückgegriffen. Ein Überblick.
Alte Videos werden als aktuell ausgegeben
Es gibt zahlreiche echte Aufnahmen von Straßenschlachten während der aktuellen Proteste. Manches, was als besonders spektakuläre Aufnahme ausgegeben wird, ist jedoch altes Material.
Ein 5,5 Millionen Mal aufgerufenes Video auf X trägt die Beschreibung: "Paris, Frankreich, sieht gerade aus wie ein Kriegsgebiet, weil die Stadt von Pro-Palästina-Terroristen übernommen wurde". Im Video sieht man Polizisten mit Schilden und Schlagstöcken, die auf Vermummte einschlagen.
Durch Bilderrückwärtssuchen in sozialen Medien lässt sich jedoch feststellen, dass die Aufnahmen bereits aus dem März 2023 stammen. Bei den damaligen Protesten ging es um eine Rentenreform, ein Bezug zum Nahost-Konflikt ist nicht erkennbar.
Das Video zeigt Ausschreitungen bei Protesten gegen die Rentenreform 2023.
Quelle: @bullaw / X.comBrennender Bus nicht bei Schülerprotesten angezündet
Auch Protest-Bilder einer kurdischen Demonstration in der Hauptstadt vom Dezember 2022 oder Randale nach dem Champions-League-Gewinn von Paris Saint-Germain im Mai werden teils als aktuell ausgegeben und erreichen Millionen Nutzer.
Aufnahmen eines brennenden Busses aus der Stadt Nimes, der wegen eines technischen Defekts 2023 Feuer fing, werden als Folge der aktuellen Proteste ausgegeben. "Das ist das Resultat von Masseneinwanderung", schreibt dazu der rechte Influencer Benny Johnson aus den USA an seine 4,1 Millionen Follower auf X.
Vorfall in Nimes 2023: Dieser Bus brannte nicht wegen Demonstranten, sondern wegen eines technischen Defekts.
Quelle: @bennyjohnson / X.comHipHop-Musikvideo mit Demo-Gewalt in Verbindung gebracht
Der ausländerfeindliche X-Kanal "Radio Genua" postete am 7. Oktober ein Video mit 1,5 Millionen Aufrufen, das schwarze Jugendliche beim Posieren mit Messern zeigt. "Radio Genua" kommentierte, dass es sich dabei um "französische Schüler" handle. Auch der US-Influencer Johnson griff das Video auf und behauptete, dies seien "die französischen Schul-Demonstranten", denen es gar nicht um eine Verbesserung der Lernbedingungen gehe.
Was als Protest für bessere Lernbedingungen an Schulen begann, ist teilweise gewaltsam ausgeartet. Frankreichs Regierung lädt zum Dialog – und droht zugleich mit Konsequenzen.
02.10.2026 | 2:34 minTatsächlich sind die Aufnahmen aber ein Ende September von der französischen Gruppe 8ZT veröffentlichtes Musikvideo. Sowohl auf dem TikTok-Kanal der Musiker als auch auf dem YouTube-Kanal eines Musikverlags lassen sich die Aufnahmen finden. Im Liedtext werden Gewalt und Gangkriminalität angesprochen, um die aktuellen Proteste geht es nicht.
Dreh für das Musikvideo einer französischen HipHop-Gruppe, es besteht kein Zusammenhang mit den Schul-Protesten.
Quelle: @RadioGenoa / X.comBordeaux: Angeblich brennender Feuerwehrmann
Besondere Empörung im Netz lösen Übergriffe auf Helfer aus. Teils werden hier reale Vorfälle verzerrend dargestellt. In Bordeaux entging ein Feuerwehrmann am 29. September nur durch Glück einer schweren Verletzung, als eine Spraydose in einem mutmaßlich von Demonstranten entzündeten Müllhaufen just dann explodierte, als er darauf zuging.
Der X-Kanal "Visegrad 24" verbreitete ein Foto, das den scheinbar in Flammen stehenden Feuerwehrmann vor einer Schülergruppe zeigt. "Junge Migranten der zweiten oder dritten Generation filmen einen Feuerwehrmann, nachdem sie ihn während Schulprotesten in Bordeaux angezündet haben", schreibt das Portal dazu.
Bei der Explosion einer Spraydose wurde der Feuerwehrmann leicht verletzt, es gibt keine Hinweise auf einen gezielten Angriff auf ihn.
Quelle: @visegrad24 / X.comElon Musk postete mehrere Ausrufezeichen unter dem Beitrag, der inzwischen über sieben Millionen Aufrufe hat. "Wir brauchen Massenabschiebungen", antwortete "Visegrad 24" auf Musk.
Andere Kameraperspektiven auf den Vorfall zeigen, dass er selbst und seine Kleidung nicht in Flammen standen. Auch für einen gezielten Angriff auf den Feuerwehrmann gibt es keinen Beleg. Ein Video der französischen Zeitung "Le Figaro" dokumentiert: Das fragliche Foto entstand just in dem Moment, als die platzende Gaskartusche eine Stichflamme auslöste. Der Mann bringt sich sofort in Sicherheit. Der gesamte Vorfall dauert nur wenige Sekunden.
Laut einem Facebook-Post der zuständigen Präfektur wurde der Feuerwehrmann am selben Tag aus dem Krankenhaus entlassen und war mehrere Tage krankgeschrieben. Viele der viralen Posts erwecken einen falschen Eindruck von dem gefährlichen Ereignis.
Die französische Regierung hat als Reaktion auf die Schülerproteste angekündigt, dass kurzfristig 3.000 Vertretungslehrer eingesetzt werden. Sie sollen innerhalb weniger Tage ihre Arbeit antreten.
09.10.2026 | 0:21 minZahlreiche reale Gewaltfälle in Frankreich - auch ohne Fake-Videos
Es gibt zahlreiche reale Gewaltvorfälle bei den aktuellen Schülerprotesten in Frankreich. Hunderttausende haben sich in den vergangenen Wochen an Protesten beteiligt, über 6.000 Personen wurden festgenommen.
Die Debatte über die Gewalt gegen Menschen und öffentliche Einrichtungen wird in Frankreich kontrovers geführt. Gleichzeitig versuchen Akteure im Netz die Proteste zu nutzen, um gegen Migranten oder politische Gegner Stimmung zu machen.
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