Boomer und Kunst: Warum viele Sammlungen an Wert verlieren

Kunstmarkt boomt:Wer hat noch Platz für Boomer-Kunst?

Wolf-Christian Ulrich vorm Regierungswechsel in Großbritannien

von Wolf-Christian Ulrich, London

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Die Boomer haben den Kunstmarkt groß gemacht. Doch nun fragen sich viele Senioren: Was soll mit den geliebten Bildern passieren? Denn viele Erben lehnen dankend ab.

Versteigerung vom Gemälde "Benefits Supervisor Sleeping" von Lucian Freud bei Christie's

Sammler der Boomer-Generation bringen ihre Kunst auf den Markt. Experten erwarten eine Angebotsflut von bis zu einer Billion Dollar in zehn Jahren.

22.10.2026 | 2:12 min

Unvorstellbar, was Kunstexperten derzeit vorrechnen: Rund eine Billion Euro an Kunst soll in den kommenden 15 Jahren auf den Markt kommen, so Schätzungen. Das sind diejenigen Gemälde, Skulpturen und Objekte, die die Boomer-Generation seit den 1970er Jahren sammelte.

Nicht jede Sammlung ist dabei so wertvoll wie die des Londoner Mode-Unternehmers Peter Simon, der seine Bilder jetzt bei Christie’s versteigern ließ. Allein eine "Figur in Bewegung" des britischen Malers Francis Bacon wechselte für rund 20 Millionen Euro den Besitzer.

Rekordversteigerung: Kunstsammlung im Auktionshaus Christies in London

Es ist die wertvollste Privatsammlung, die je bei Christies versteigert wird: Ein privater Sammler trennt sich von fast 200 Werken seiner Kunstsammlung - von Francis Bacon bis Andy Warhol.

28.09.2026 | 0:26 min

Boomer werden Werke nicht mehr los

Der 77-Jährige hatte 35 Jahre lang Kunst von Weltrang gesammelt, die hing bei ihm im Wohnzimmer. Nun sagt er, er brauche Platz, denn er wolle noch mal von vorne anfangen.

Kunstsammeln wurde meine lebenslange Leidenschaft, bis ich plötzlich keinen Platz mehr hatte.

Peter Simon, Kunstsammler

Branchenkenner sagen, das gehe inzwischen vielen Sammlern aus der Boomer-Generation ähnlich. In New York treffen wir Michelle Vaughan. Ihr Großvater David Alfred Vaughan war ein amerikanischer Modernist von einigem Renommee. Doch jetzt wird die Familie seine Werke nicht mehr los: Sie hatte versucht, einige seiner Werke an Museen zu geben. "Es ist extrem schwierig, ein Museum zu finden, das so eine Spende annimmt", sagt Michelle Vaughan zu ZDFheute. "Für viele Museen ist ein einzelnes Kunstwerk inzwischen eine Belastung: Sie müssen sich darum kümmern, es lagern und die Qualität erhalten."

Anselm-Kiefer-Ausstellung in Schwäbisch Hall

Der "Schraubenkönig" Reinhold Würth besitzt eine bedeutende Anselm-Kiefer-Sammlung mit rund 70 Werken. Diese sind jetzt zusammen mit Leihgaben in der Kunsthalle Würth zu sehen.

12.10.2026 | 2:37 min

Die junge Generation will es nicht mehr

Das bestätigt auch Philip Hoffman von der Beratungsfirma The Fine Art Group, der finanzstarke Familien bei Kunst-Investitionen berät. Sehr wohlhabende Familien würden deshalb eigene Museen gründen, um ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Sammlern fortgeschrittenen Alters, die diese Mittel nicht haben, rät er, rechtzeitig mit ihren Erben darüber zu sprechen, was mit ihrer Kunst geschehen soll. Die meisten jedoch scheuten diese Auseinandersetzung: Sie gingen einfach davon aus, dass ihre Erben nichts lieber täten, als ihre Sammlung zu bewahren. Doch das sei ein Irrglaube: "Die nächste Generation will es nicht haben."

Ausstellungsplakat

Aufbruch, Optimismus, Freiheit: Dafür stehen Kreative der 90er Jahre in Großbritannien. Diese Stimmung fängt die Ausstellung "The 90s: Art and Fashion" ein, in Mode, Kunst, Fotografie und Design.

07.10.2026 | 2:01 min

Auch Michelle Vaughan fragt sich, was mit ihrer kleinen Kunstsammlung in Zukunft werden soll. Verkaufen sei schwierig, so viel sei auf dem Markt.

Ich hoffe, das endet nicht in Trödelläden.

Michelle Vaughan, Sammlerin

In London traf sich die internationale Kunstwelt am Wochenende bei der Frieze, einer ihrer wichtigsten Messen. Hier suchen Sammler neue Shooting Stars, von denen sie sich zukünftig Gewinne erhoffen: Vor allem digitale Kunst, das interessiert die junge Sammlergeneration heute.

Das, was die Boomer jahrzehntelang gesammelt haben, interessiert hier weniger. Kunstberater Hoffman beschreibt die Lage so: "Zeitgenössische Kunst: Geht dabei irgendwie immer. Bei alten Meistern: Wird’s schon sehr schwierig. Bei Antiquitäten: Wird es katastrophal."

Das Bild ist ein Portraitfoto von Sänger Heino

Heino versteigert mehr als 1.200 persönliche Erinnerungsstücke. Von Schmuck und Autos bis zum Ehebett mit Hannelore kommt nun vieles unter den Hammer.

12.10.2026 | 2:30 min

Opfer ihrer eigenen Leidenschaft

Das merken sie auch beim englischen Auktionshaus Sworders. Hier versuchen Boomer, die Sammlungen loszuwerden, für die sie zwar mal viel Geld ausgegeben haben, die jedoch keine Werke der Weltspitze enthalten - und die ihre Erben nicht mehr haben wollen weil sie in kleineren Wohnungen lebten - und anderen Geschmack hätten. Für die Sammler hat Experte John Black zuweilen ernüchternde Nachrichten: "Viele der Kunstwerke und Objekte wurden in den 60ern, 70ern und 80ern gekauft", sagt er ZDFheute. "Aber der Geschmack ändert sich. Diese Werke sind heute deutlich weniger wert als das, was sie damals gekostet haben".

Die Boomer-Generation hat den Kunstmarkt groß gemacht: In New York gab es 1946 noch 150 Galerien - im Jahr 2000 viermal so viele. Nun werden die meisten Boomer Opfer ihrer eigenen Sammel-Leidenschaft: Weil sie jetzt, inmitten der einsetzenden Kunstschwemme, ihre Habseligkeiten nicht mehr auf den Markt bekommen.

Wolf-Christian Ulrich ist Korrespondent im ZDF-Studio London.

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Über dieses Thema berichtete die Sendung heute in Europa am 22.10.2026 ab 16 Uhr.

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