Tier liegt weiter in der Ostsee:Biologe über Wal-Rettung: "Ans Würdelose grenzende Gezerre"
Wie viel Stress bedeutet die Rettung für den Wal in der Ostsee? Viel, vermuten Experten und raten deshalb zu koordiniertem Vorgehen und Vorsicht beim Kontakt.
Helfer im Wasser neben dem gestrandeten Buckelwal.
Quelle: AFPLärmende Boote, technisches Gerät, zahlreiche Menschen: In unmittelbarer Nähe des in der Ostsee vor Poel liegenden Wals ist wegen der Rettung viel los. Ist das Stress für den Buckelwal?
Ja, sagt das Deutsche Meeresmuseum. "Wildtiere sind grundsätzlich nicht an Menschen gewöhnt, das heißt, jede Annäherung und insbesondere Lärm bedeuten enormen Stress und lösen meistens Fluchtverhalten aus."
Die Möglichkeit der Flucht hat der Buckelwal in seiner jetzigen Lage nicht, was die Situation für ihn noch dramatischer macht.
Deutsches Meeeresmuseum
Seit Wochen wird versucht, den gestrandeten Wal zu retten – ohne Erfolg. Die Debatte eskaliert, auch in sozialen Medien. Tierschützer warnen: Die Maßnahmen könnten dem Tier mehr schaden.
24.04.2026 | 2:48 minBiologe: Wal-Rettung eine "Kakophonie"
Gut wäre ein kompetentes und erfahrenes Team vor Ort mit Tierarzt, Biologen, Bootsführer, dem die Verantwortung übertragen werde, sagte der Meeresbiologe Boris Culik, früher beim Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. "Aktuell haben wir eine Kakophonie aus wechselnden vermeintlichen Experten, deren Befähigung und Erfahrungen niemand hinterfragt. Influencer, Politiker, Behörden, Entscheidungswirrwarr und Bürokratie."
Keinem Wildtier an Land, wie zum Beispiel einem sterbenden Wolf, Hirsch oder Wildschwein, würde man ein solches ans Würdelose grenzende Gezerre zumuten.
Greenpeace-Experte Thilo Maack
Ein geschwächter Wal könne wahrscheinlich durchaus gewollt stranden, wenn ihm dies das Atmen erleichtere, so Culik. Und auch der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position im flachen Wasser womöglich immer wieder einnimmt, "weil er sich das Leben erleichtern will".
Das Rettungskonzept für den Wal soll erneuert werden. Die Initiative arbeitet Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) zufolge unter Hochdruck an einer Überarbeitung des Plans.
24.04.2026 | 4:33 minWal-Rettung ist Stress für das Tier
Auch die Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation (WDC) betonte, dass Kontakt zu Menschen für Wildtiere immer Stress bedeute. Bei Rettungseinsätzen in Nordamerika hätten nach WDC-Erfahrung alle Meeressäuger Anzeichen von Angst gezeigt, wenn man sich ihnen näherte.
Bei Großwalen sei der Stress häufig nicht direkt offensichtlich, zum Beispiel erhöhte Herz- oder Atemfrequenz. Man empfehle nicht, "dass Menschen zur Gesellschaft oder zum Trost bleiben - auch wenn dies gut gemeint ist, kann es den Wal zusätzlich belasten". Physisches Eingreifen direkt am Wal solle nur in Ausnahmesituationen, mit möglichst wenig Einsatzkräften und für kurze, gezielte Maßnahmen erfolgen.
Wir raten deshalb immer dazu, so viel Abstand wie möglich zu halten und das Individuum aus der Ferne zu begutachten.
Tierschutzorganisation Whale and Dolphin Conservation
Der gestrandete Buckelwahl liegt noch immer in der für ihn künstlich geschaffenen Kuhle vor der Insel Poel. „Es gibt weiterhin Hoffnung für das Tier“, so ZDF-Reporter Timm Kruse.
24.04.2026 | 1:52 minTierschützer: Verhalten des Wals nicht vermenschlichen
Die augenscheinliche Ruhe des Buckelwals könne in die Irre führen. "Es gibt Daten, die belegen, dass manche Wale die Lautstärke und Häufigkeit ihrer Laute erhöhen, wenn sie unter Stress stehen und menschengemachtem Lärm ausgesetzt sind, während andere Wale unter ähnlichen Umständen möglicherweise ganz aufhören zu kommunizieren", hieß es von WDC. Die konkrete Situation des Wals vor Poel einzustufen, sei aus der Ferne nur bedingt möglich. WDC habe keine Einblicke in die Gespräche oder Konzepte vor Ort.
Mehrmals erklärten Beteiligte zum Beispiel, sie hätten eine Verbindung zum Wal aufgenommen und eine Beziehung aufgebaut. Interpretationen des Verhaltens des gestrandeten Wals dürften nicht vermenschlicht werden, warnte WDC.
Der gestrandete Buckelwahl hat sich über Nacht kaum bewegt, atmet aber weiterhin. „Bis Montag soll eine 110 Meter lange Furche gebaggert werden“, so ZDF-Reporterin Anja Kapinos.
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