Messerangriff am Holocaust-Mahnmal:Radikalisierung mit IS-Videos im Netz
von Beate Frenkel und Michael Haselrieder
Ein syrischer Flüchtling soll am Holocaust-Mahnmal in Berlin einem Touristen die Kehle aufgeschlitzt haben. Der Angeklagte hat vor Gericht lange geschwiegen. Jetzt redet er.
Der Verfassungsschutz warnt vor Kindern und Teenagern, die islamistische Anschläge in Deutschland planen. Viele radikalisieren sich übers Internet.
24.01.2026 | 9:32 minDer angeklagte 20-Jährige wirkt ein wenig nervös, als er aus dem abgetrennten Sicherheitsbereich herausgeführt wird und neben seinem Verteidiger Platz nimmt. Er beantwortet Fragen der Richterin zu seiner Person.
Wassim Al M. ist in Asch-Schaddadi im Nordosten Syriens aufgewachsen, damals eine Hochburg der Terrormiliz "Islamischen Staat" (IS). Schon früh kommt er mit der Propaganda der Islamisten in Kontakt. "Ich hatte mein erstes Handy und habe mir auf Social Media Sachen vom IS angeschaut", erzählt er vor Gericht. Sein Vater habe ihn dabei erwischt und ihm eine Ohrfeige gegeben.
- Frontal-Recherche: "Teenie-Terroristen" im Visier der Ermittler
Prozess gegen Wassim Al M. läuft seit November
Seit November läuft der Prozess gegen Wassim Al M., in dem es auch um die Frage geht, wie sich der junge Syrer radikalisiert hat. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und versuchte Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor.
Kurz vor der Tat im Februar 2025 soll er über einen Messenger-Dienst Kontakt zum IS gehabt haben. Die Ankläger gehen von einer islamistisch und antisemitisch motivierten Tat aus.
Der Prozess gegen einen 19-Jährigen, der im Februar am Holocaust-Mahnmal in Berlin einen Touristen angegriffen haben soll, beginnt. Ihm wird versuchter Mord vorgeworfen.
20.11.2025 | 0:23 minAngeklagter konsumierte regelmäßig IS-Videos
Wassim Al M. gibt in seiner Aussage zu, dass er regelmäßig Videos des IS auf Social-Media-Plattformen wie TikTok gesucht und angeschaut habe. Zum Beispiel: "Wie das Leben aussehen würde, wenn der IS die Macht übernimmt", sagt der Angeklagte. "Frauen müssen sich dann von oben bis unten bedecken."
In den Videos sei es auch um Kampfhandlungen gegangen.
Ich habe mir ein Video angeschaut, in dem Jihadi John spricht. Der IS hat das Bild verpixelt, wenn jemand zu Tode gekommen ist.
Wassim Al M.
"Jihadi John" - ein Terrorist des IS, der durch Enthauptungsvideos bekannt wurde. Fotos von ihm hatten die Ermittler auch auf dem Handy von Wassim Al M. sichergestellt.
Die Gefahr von offen ausgelebtem und ausgetragenem Antisemitismus nimmt zu, sagt Extremismusexperte Hans-Jakob Schindler. Immer häufiger schlage er in Gewalt um.
02.10.2025 | 5:23 minWassim Al M. kommt nicht aus religiöser Familie
Aus seiner Aussage vor Gericht wird auch klar: Wassim Al M. kommt aus einer muslimischen Familie, die nicht streng religiös lebt. Die Eltern verkaufen ihr Haus, um ihm und seinem jüngeren Bruder die Flucht nach Deutschland zu finanzieren.
"Ich wäre bald 18 geworden und zum Armeedienst einberufen worden. Außerdem gab es in Syrien keine Chancen zu arbeiten", sagt der Angeklagte.
Ein Jahr nach dem Sturz des Assad‑Regimes: Viele Häuser sind noch immer zerstört, die Menschen suchen nach Normalität. Gibt es Hoffnung? Aus Damaskus berichtet Peter Theisen.
05.02.2026 | 10:24 min"Habe beim BAMF gelogen"
Im Mai 2023 kommt der damals 17-Jährige in Leipzig an. Er stellt beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag. Ein Dolmetscher habe ihm gesagt: "Wenn du dort erzählst, dass du geflohen bist, um dir in Deutschland eine Zukunft aufzubauen, werden sie dich am Tag danach in ein Flugzeug setzen und ausweisen."
Der Dolmetscher habe ihm empfohlen: "Rede über den Krieg. Erzähl einfach." Vor Gericht räumt Wassim Al M. jetzt ein, dass er beim BAMF gelogen habe.
Wie das Leben in Deutschland aussieht, darauf war er offenbar nicht vorbereitet. Als er gefragt wird, ob er gewusst habe, dass hier Männer Männer heiraten dürfen, reagiert er peinlich berührt. "Oh nein, bei Gott, das habe ich erst in Deutschland erfahren."
Wegen seiner verfassungsfeindlichen Grundhaltung wurde der islamistische Verein "Muslim Interaktiv" vom Bundesinnenministerium verboten.
05.11.2025 | 1:31 minWassim Al M. lebt in Flüchtlingsunterkunft
Wassim Al M. findet über eine Zeitarbeitsfirma einen Job bei BMW in Leipzig. In der Montage verdient er nach eigenen Angaben zwischen 1.800 und 2.000 Euro im Monat. Doch Ende 2024 bekommt er die Kündigung. Er lebt in einer Flüchtlingsunterkunft.
Ich habe dort sehr viel Zeit allein verbracht. Ich bin deshalb viel am Handy gehangen.
Wassim Al M.
Auch in dieser Zeit habe er sich IS-Videos angeschaut, erzählt er vor Gericht. Er habe auch seine Kleidung geändert, so wie es die Islamisten vorschreiben.
"Ich möchte nicht so weit gehen, dass der Jobverlust der einzige Grund für die letztendlich stattgefundene Radikalisierung war", sagt der Verteidiger des Angeklagten, Daniel Sprafke, im Interview mit ZDF frontal. "Aber dieser Jobverlust war möglicherweise ein sehr wichtiger Schritt dorthin."
Wie und warum verfängt die Propaganda islamistischer Influencer bei Teenagern? frontal inside fragt nach.
24.01.2026 | 4:38 minNachricht am Tag der Tat: "Ich habe was Großes vor"
Am Tag der Tat soll Wassim Al M. einem Freund noch eine Nachricht geschrieben haben: "Ich habe was Großes vor." Am Abend, zweieinhalb Stunden nach der Tat, stellt er sich am Holocaust-Mahnmal in Berlin mit erhobenen Händen der Polizei.
Iker M., der spanische Tourist, der bei dem Messerangriff beinahe getötet wurde, leidet bis heute unter der Tat. Der Schnitt vom Hals bis ins Gesicht hat Nerven geschädigt und eine 14 Zentimeter lange Narbe hinterlassen.
"Darüber hinaus hat er schwere seelische Verletzungen", sagt sein Anwalt Sebastian Sevenich. "Er hat Flashbacks. Bestimmte Situationen im Alltag führen dazu, dass er sich sofort wieder an das Geschehen erinnert." Immerhin konnte er jetzt, fast ein Jahr nach der Tat, wieder anfangen zu arbeiten.
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