Stellenabbau in Deutschland:Wirtschaftskrise erreicht den Arbeitsmarkt
Deutschlands Industrie verkündet einen Stellenabbau nach dem anderen. Das eigentliche Problem aber sind die fehlenden Neugründungen im Verarbeitenden Gewerbe: so wenige wie nie.
Audi ist eines von vielen Unternehmen, das einen massiven Stellenabbau in den kommenden Jahren angekündigt hat.
Quelle: SVEN SIMONDie Talfahrt geht weiter. Allein im vergangenen Jahr hat die deutsche Industrie laut der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY 70.000 Stellen gestrichen. Weitere Konzerne kündigten 2024 an, Personal abbauen zu wollen und lassen den Worten nun Taten folgen: Wie zuletzt Siemens, Continental oder Audi.
"Ob die Personalkürzungen sich in einem objektiv vertretbaren, 'normalen' Ausmaß bewegen, ist schwer zu beurteilen", ordnet Martin Lück, Geschäftsführer von Macro Monkey und früherer Chefvolkswirt Deutschland der Schweizer Großbank UBS, die Entwicklung ein.
Denn eine so ausgeprägte, langanhaltende Wirtschaftsschwäche hat es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland noch nicht gegeben.
Martin Lück, Geschäftsführer von Macro Monkey
Zum ersten Mal seit über 20 Jahren schwächelt die deutsche Wirtschaft zwei Jahre hintereinander. Das Thema nahm auch im Bundestagswahlkampf eine zentrale Rolle ein.
21.02.2025 | 2:20 minPrognose für 2025: Zahl der Erwerbslosen steigt, bleibt aber wohl unter 3 Millionen
Bereits sieben Jahre dauert die Wachstumskrise nun schon an und schlägt, immer sichtbarer, auch auf den Arbeitsmarkt durch. Weil die Konjunktur nicht wie erhofft anspringt, prognostiziert das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung IAB, dass die Zahl der Erwerbslosen 2025 im Jahresdurchschnitt um 140.000 auf 2,92 Millionen steigen wird.
Bislang hatten die Unternehmen schmerzhafte Einschnitte immer wieder hinausgezögert. Zu groß die Sorge, dass beim nächsten Aufschwung das nötige Personal am Arbeitsmarkt nicht mehr zu bekommen sei.
Laut der Bundesagentur für Arbeit waren im Januar 2025 fast drei Millionen Menschen arbeitslos. Die Arbeitslosenquote stieg im Monatsvergleich von 6 auf 6,4 Prozent.
31.01.2025 | 0:19 minBeschäftigungsbarometer weiter gesunken
Inzwischen aber hat ein Umdenken stattgefunden. "Der Stellenabbau wird sich wohl erstmal fortsetzen", erwartet daher Klaus Wohlrabe. Als Leiter der Umfragen beim Münchner Ifo-Institut ist er auch für das Beschäftigungsbarometer zuständig. Im März sank das Barometer weiter, auf jetzt 92,7 Punkte, nach 93,0 im Februar. "Die Lage am Arbeitsmarkt bleibt angespannt", kommentiert Wohlrabe die aktuelle Prognose.
Ifo Beschäftigungsbarometer
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Zu wenig Investitionen, zu wenig Neugründungen
Für Arbeitsmarktforscher Enzo Weber aber sind nicht die Stellenstreichungen das Problem. Die, so der Leiter des Forschungsbereichs "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" am IAB, sind in der Größenordnung gar nicht so ungewöhnlich.
Die Krise, die liegt eigentlich auf der anderen Seite, nämlich bei der Erneuerung.
Enzo Weber, Arbeitsmarktforscher IAB
"Die Investitionen, die sinken seit Jahren. Die Gründungen in der Industrie liegen so niedrig wie noch nie", so Weber.
In der Technik-Branche holt Deutschland, zumindest bei den Patentanmeldungen, auf. Valerie Haller berichtet über die aktuelle Zahlen.
24.03.2025 | 1:09 minUnternehmen tun sich schwer mit dem Strukturwandel
Mit Ausnahme der Rüstungsindustrie tut sich Deutschland schwer mit dem Strukturwandel. "Die Unternehmen sind noch unsicher, in welche Richtung und welcher Stärke dieser geht", sagt Wohlrabe.
Es gibt da eine gewisse Zurückhaltung, auch weil 'neue' und 'alte' Geschäftsmodelle miteinander konkurrieren.
Klaus Wohlrabe, Ifo-Institut München
"Mit den etablierten Modellen wird teilweise noch viel Geld verdient", erklärt der Ifo-Experte, der dabei vor allem an das Geschäft mit Verbrennern in der Automobilbranche denkt, "deshalb scheut man auch die Ausgaben."
Laut einer Umfrage 2024 würden nur 13 Prozent beim Neuwagenkauf ein E-Auto bevorzugen - dagegen liegt das Kaufinteresse für Benziner oder Diesel bei 49 Prozent.
04.04.2024 | 2:28 minBetriebe müssen Beschäftigte umschulen und weiterbilden
Schwer aber tun sich auch viele Beschäftigte mit den Veränderungen. Salopp formuliert: Nicht jeder der Getriebe zusammengesetzt hat, wird als Altenpfleger glücklich. Wohlrabe kann das bestätigen.
Offene Stelle und geeignete Bewerber kommen oft nicht zusammen.
Klaus Wohlrabe, Ifo-Institut München
Sehr viel mehr wird es daher in Zukunft darauf ankommen, dass die Unternehmen ihre Beschäftigten weiterbilden bzw. umschulen.
Unternehmen, die dauerhaft erfolgreich sein wollen, müssen sich einem sich ändernden Marktumfeld anpassen. Zwei Beispiele aus der Industrie.
16.03.2025 | 3:16 minHoffnung auf konjunkturelle Belebung zum Jahresende
Eine zeitnahe Erholung aus eigener Kraft erwartet Weber für den Arbeitsmarkt nicht. "Die geplanten Fiskalpakete können die Konjunktur aber zum Jahresende beleben", betont der Arbeitsmarktforscher und spielt auf das jüngst beschlossene Milliardenprogramm des Bundes an. Dies könnte in den Folgejahren dann auch wieder für deutlich mehr Beschäftigung sorgen.
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