28,57 Meter im Sturm:Wie ein Deutscher die Surf-Welt verändert
von Johannes Fischer
Er surfte die höchste je gemessene Welle - doch die Anerkennung bleibt aus. Sebastian Steudtner spricht über Widerstände, Wissenschaft und die Suche nach größeren Giganten.
Sebastian Steudtner ist einer der besten Big-Wave-Surfer der Welt. Im Talk mit Jochen Breyer stellt er seine Sportart vor - und blickt auf seinen nicht immer einfachen Karriereweg.
28.02.2026 | 22:40 min28,57 Meter. So hoch war die Welle, die Sebastian Steudtner geritten ist - höher als jedes Wohnhaus, höher als alles, was je ein Mensch auf einem Surfbrett bezwungen hat. Als die Bilder im aktuellen sportstudio laufen, geht ein hörbares Raunen durchs Publikum. Moderator Jochen Breyer spricht von einer Dimension, die man "kaum greifen" könne. Und doch ist dieser Weltrekord bis heute nicht offiziell anerkannt.
"Lange Geschichte", sagt Steudtner. Eine lange - und eine grundsätzliche. Jahrzehntelang wurde die Höhe einer Welle im Big-Wave-Surfen geschätzt. Sein Schienbein diente als Maßstab: vom Fuß bis zum Knie vermessen, im Bild hochgerechnet. "Nicht gerade wissenschaftlich." Also entwickelte er mit seinem Team eine Spezialdrohne und ein neues Messverfahren. Erstmals wurde eine sich bewegende Welle präzise vermessen - transparent, reproduzierbar, nachvollziehbar.
"Der Deutsche, der nicht paddeln kann"
Doch genau das brachte das alte System ins Wanken. Der zuständige Vermesser trat zurück, ein neues Verfahren existiert noch nicht. Die 28,57 Meter stehen im Raum - als sportliche Tatsache, aber ohne offizielles Siegel.
Dass Steudtner um Anerkennung kämpfen muss, zieht sich durch seine Karriere. Der Junge aus Nürnberg entdeckt mit neun Jahren im Frankreich-Urlaub seine Liebe zum Meer.
Ich habe mich im Wasser immer frei gefühlt.
Sebastian Steudtner, Surfer
Mit 16 bricht er die Schule ab und geht allein nach Hawaii. Er arbeitet auf dem Bau, finanziert sich seinen Traum selbst, trainiert obsessiv, analysiert jede Bewegung, jedes Brett, jede Strömung.
2010 gewinnt er als erster Europäer eine der wichtigsten Big-Wave-Auszeichnungen - und sorgt für einen Eklat. Betrunkene Laudatoren beschimpfen ihn auf der Bühne als "Deutschen, der nicht paddeln kann", es fallen entgleiste historische Vergleiche. Hintergrund ist ein Grundsatzstreit im Sport: Paddeln oder Jetski? Tradition oder Fortschritt? "In deren Weltbild war das unmöglich", sagt Steudtner. Ein Deutscher, der größere Wellen surft als die Helden Hawaiis.
Die Fußball-Bundesliga mit dem Topspiel Borussia Dortmund - Bayern München. Studiogast ist Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner.
28.02.2026 | 83:14 min28,57-Meter-Welle - "und ich war nicht am Limit"
Die Folge: Sponsoren springen ab, Türen schließen sich, er verlässt Hawaii, kann monatelang nicht surfen. Der Neustart gelingt im portugiesischen Nazaré, wo Monsterwellen an die Küste donnern. 2015 stellt er dort einen Rekord auf, 2020 folgt der nächste: 26,21 Meter, offiziell anerkannt und ins Guinness-Buch eingetragen.
Doch Rekorde seien nie das eigentliche Ziel gewesen. "Der Weltrekord war immer ein Ergebnis", sagt er im Gespräch mit Breyer. Ihn treibt die Frage: Wo ist das Limit? 2018 sieht er Wellen von geschätzt 40 bis 50 Metern - zu schnell, zu gewaltig. Statt sie zu fürchten, beginnt er zu forschen: Windkanaltests, neue Boards, verbesserte Neoprenanzüge, Sicherheitskonzepte, präzisere Datenanalyse.
Dann kommt der Sturmtag in Nazaré. Keine Postkartenbedingungen, sondern chaotische See, Böen, Querschläger. Und dennoch gelingt ihm die 28,57-Meter-Welle. Seine Höchstgeschwindigkeit: knapp 95 km/h. "Und ich war nicht am Limit." Theoretisch, sagt er, könnten Wellen doppelt so hoch sein.
Am Kap Kolka, im Nordwesten Lettlands, fließen zwei Meere zusammen. Surfen ist hier zu gefährlich. Doch wenige Kilometer weiter suchen Kitesurfer den ultimativen Kick.
09.09.2025 | 1:46 minAuf der Suche nach der größten Welle
Wo? Das verrät er nicht. Er suche nun weltweit nach Orten, an denen gewaltige Stürme noch größere Brecher erzeugen. "Das bleibt ein Geheimnis."
Mindestens so wichtig wie Rekorde ist ihm inzwischen die Sicherheit. In Nazaré baute er über Jahre eine professionelle Rettungskette auf. Im Dezember rettet er einem Kollegen das Leben, nachdem er Strömung und Wellenverlauf zuvor exakt analysiert hatte. Darauf sei er fast stolzer als auf jede Bestmarke.
Getrieben? "Im positiven Sinne." Er habe früh sein Element gefunden, sagt der 40-Jährige. Die Leistungsdiagnostik bescheinigt ihm ein "Zellenalter" von 27 Jahren. Zeitpläne interessieren ihn nicht.
Ich möchte meine nächste größte Welle finden.
Sebastian Steudtner, Surfer
Was heute unmöglich wirkt, ist für Sebastian Steudtner nur eine Frage der Vorbereitung.
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