ZDF-Doku "Anstoß Zukunft":Warum verliert der Fußball seinen Nachwuchs?
von Amelie Stiefvatter
Der Bolzplatz war einmal Treffpunkt einer ganzen Generation. Heute kämpfen Klubs ums Überleben - immer mehr Kinder hängen die Fußballschuhe in der Pubertät an den Nagel.
Der Jugendfußball in Deutschland ist in einer Krise. Zu viele Kinder hören auf - zu wenige kommen nach oben. Eine Standortbestimmung.
01.06.2026 | 3:36 minMillionen Kinder und Jugendliche spielen in Deutschland Fußball. Doch jedes Jahr hören Tausende wieder auf. Mannschaften verschwinden, Vereine kämpfen ums Überleben - und der Deutsche Fußball-Bund sucht nach Antworten.
Heute konkurriert Fußball mit Social Media, Gaming, Streamingdiensten und neuen Freizeitangeboten. Besonders ab der Pubertät steigen viele Kinder aus dem Vereinsfußball aus. Aus drei Jugendmannschaften wird plötzlich nur noch eine.
Nur wenige bleiben am Ball
Dabei bleibt Fußball die klare Nummer eins im deutschen Sport. Rund 2,38 Millionen Menschen spielen hierzulande organisiert im Verein - ein Großteil davon Kinder und Jugendliche.
Social Media und Alltagsstress sorgen für hohe Abbrecherquoten im Jugendfußball. Neue Spiel- und Trainingsformen sollen Abhilfe schaffen.
01.06.2026 | 4:18 minTrotzdem beobachtet der DFB an der Basis einen deutlichen Wandel: Immer weniger bleiben langfristig dabei. Vor allem zwischen D- und B-Jugend wird die sogenannte Dropout-Quote zum Problem.
DFB plant neue Trainingsphilosophie
Für Hannes Wolf, den DFB-Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung, beginnt die Ursache oft schon im Training: zu lange Wartezeiten, zu wenige Ballkontakte, zu wenig echte Beteiligung.
Wenn du beim Training in der Schlange stehst oder am Wochenende kaum spielst, hören Kinder irgendwann auf.
Hannes Wolf, DFB-Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung
Deshalb arbeitet der Verband an einer neuen Trainingsphilosophie. Kleinere Spielformen, kleinere Gruppen, mehr Aktionen pro Kind. Jedes Kind soll häufiger am Ball sein, mehr Entscheidungen treffen und stärker eingebunden werden. Denn vielen Kindern fehle vor allem eines: das Gefühl, wichtig zu sein.
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Auch Hanno Balitsch sieht darin einen entscheidenden Punkt. Kinder müssten spüren, dass sie sich entwickeln - unabhängig davon, ob sie zu den größten Talenten gehören. Denn gerade im Jugendfußball entsteht früh Druck. Körperlich starke oder früh entwickelte Kinder setzen sich häufig schneller durch. Andere verlieren den Anschluss, obwohl ihre Entwicklung oft erst später beginnt.
Der Jugendfußball - ohne den freiwilligen Einsatz von Eltern und Angehörigen stünde er vor dem Aus. Doch das Ehrenamt ist unter Druck.
01.06.2026 | 3:57 minHinzu kommt: Die klassische Bolzplatzkultur verschwindet zunehmend. Viele Kinder verbringen ihre Freizeit heute digital. Freies Fußballspielen auf Straßen oder Bolzplätzen wird seltener. "Früher waren wir nach der Schule stundenlang draußen", erinnert sich Balitsch. "Heute sind viele nur noch am Handy."
Klubs kämpfen ums Überleben
Die Diskussion reicht deshalb längst über den Sport hinaus. Vereine sind nicht nur Orte für Training und Wettkampf. Hier lernen Kinder Teamgeist, Verantwortung und den Umgang mit Niederlagen. Werte, die im Alltag vielerorts verloren gehen. Gerade deshalb warnen Amateurvereine vor den Folgen, wenn Mannschaften oder ganze Vereinsstrukturen verschwinden.
Der Fußball - er ist eine Schule fürs Leben. Doch besonders auf dem Land kämpfen viele Fußball-Vereine ums Überleben.
01.06.2026 | 3:51 minBesonders im ländlichen Raum kämpfen viele Klubs ums Überleben. Fehlen Spieler, fehlen oft auch Trainer, Ehrenamtliche und Eltern, die helfen. Denn der Jugendfußball lebt vom Ehrenamt. Von Menschen, die Fahrdienste übernehmen, Trikots waschen oder nach Feierabend Training geben. "Ohne Eltern und Ehrenamt wären wir verloren", sagt Hannes Wolf.
Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle zurückgegangen
Gleichzeitig wächst auch dort der Druck. Diskussionen am Spielfeldrand, Erwartungen der Eltern oder Beleidigungen gegenüber Schiedsrichtern gehören vielerorts zum Alltag. Trotzdem zeigen aktuelle Zahlen des DFB-Lagebilds Amateurfußball auch positive Entwicklungen: Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle sind zuletzt zurückgegangen.
Der Jugendfußball in Deutschland hat ein Problem. Unterschiedlich stark besetzte Ligen sorgen für Frust. Eine radikale Reform soll das ändern.
01.06.2026 | 3:45 minDie zentrale Frage bleibt dennoch: Wie begeistert man Kinder langfristig für Bewegung, Mannschaftssport und Vereinsleben?
Der DFB versucht darauf eine neue Antwort zu finden. Mit weniger Leistungsdruck. Mehr Spielfreude. Und mehr Raum für Entwicklung. Denn am Ende geht es um weit mehr als darum, den nächsten Nationalspieler zu finden. Es geht darum, Kindern einen Ort zu geben, an dem sie wachsen können.
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