Immer mehr Betroffene:Wie Menschen ohne Krankenversicherung Hilfe finden
von Ina Baltes
Experten gehen davon aus, dass Hunderttausende Menschen in Deutschland keine Krankenversicherung haben könnten. Die Gründe sind vielfältig. In Praxen wie "Caya" finden sie Hilfe.
Zahlreiche Menschen in Deutschland leben ohne eine Krankenversicherung. In der durch Spenden finanzierten Initiative "Come as you are" werden alle Menschen behandelt.
27.11.2025 | 2:07 minNicole Blaum hatte vor drei Jahren einen Schlaganfall. Seitdem war sie nicht beim Arzt. Selbst die für sie lebenswichtigen Blutverdünner nimmt sie nicht. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden - eben auch für Krankenversicherung und Medikamente.
Bei "Caya e.V." ist sie herzlich willkommen. Julia Isselstein, ist eine von 25 ehrenamtlichen Ärztinnen und Ärzten dort. Sie arbeitet an diesem Tag nicht in ihrer eigenen Praxis, sondern bei Caya und nimmt sich viel Zeit für die schwerkranke Frau. Die bekommt hier die gleiche Behandlung wie in einer normalen Praxis. "Caya" steht für "Come as you are" - heißt: Jeder darf kommen, wie er ist.
Manche Leute trauen sich nicht in eine Arztpraxis, weil sie da vielleicht abgewiesen werden, weil sie nicht so aussehen wie die anderen.
Julia Isselstein, Ärztin
"Wenn sie auf der Straße leben, können sie sich oft nicht waschen, da ist natürlich auch der Geruch ein Thema", sagt Isselstein.
Laut Schätzungen leben in Deutschland Zehntausende ganz ohne Unterkunft auf der Straße. Zudem müssen immer mehr Menschen in Sammelunterkünften untergebracht werden.
17.11.2025 | 1:32 minExperten gehen von Hunderttausenden Betroffenen aus
Seit drei Jahren gibt es die winzigen Räumlichkeiten von Caya. In einem Wellblechcontainer in Köln-Mülheim in der Nähe eines Drogen-Hotspots von Köln. Professor Mark Oette hat Caya gegründet, er war Chefarzt an einer Kölner Klinik. Einer müsse sich ja kümmern um die Menschen ohne Versicherung, sagt er.
Wir wissen aus wissenschaftlichen Daten, dass die durchschnittliche Lebenserwartung von Obdachlosen unter 50 Jahren liegt. Und das ist für Deutschland einfach nicht akzeptabel.
Prof. Mark Oette, Gründer "Caya e. V."
"Caya" - die Praxis in Köln-Mülheim
Quelle: ZDFDie Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung steigt. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2023 zwar nur rund 72.000 Menschen in Deutschland ohne Krankenversicherung. Aber die Dunkelziffer ist wohl enorm hoch. Es könnten bis zu 800.000 Menschen ohne Krankenversicherung sein, so Experten. Das wäre rund ein Prozent der Bevölkerung. Denn viele Menschen in diesem Bereich tauchen in offiziellen Statistiken gar nicht auf.
Gründe für Verlust der Krankenversicherung
Dabei gibt es hierzulande seit 2009 eine Pflicht zur Krankenversicherung. Eine systematische Kontrolle gibt es aber nicht. Darauf weist Jürgen Wasem hin, Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen.
Er nennt mehrere Gründe für den Verlust der Versicherung: zum Beispiel Statuswechsel mit Ende der Familienversicherung oder des Studiums, Eintritt in die Selbständigkeit oder die Anhäufung von Beitragsschulden. Oft sind die Menschen obdachlos oder meiden den Kontakt zu Behörden.
Die Bundesregierung will mit einem Zwei-Milliarden-Euro-Sparpaket steigende Kassenbeiträge im nächsten Jahr abwenden. Die gesetzlichen Krankenkassen warnen, dass das nicht reiche.
02.11.2025 | 1:34 minIm akuten Notfall könnten sie sich auch an ein Krankenhaus wenden. Die müssen Patienten behandeln, sonst würden sie sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Aber oft bleiben die Krankenhäuser auf den Behandlungskosten sitzen. Wasem weist auch auf ein weiteres Problem hin: Wer draußen war und wieder in den Krankenversicherungsschutz zurück möchte, muss die Beiträge nachzahlen. Das hindert natürlich an der Rückkehr.
Medizinische Versorgung, Wärme und Wertschätzung
Finanziert wird Caya allein über Spenden. 150.000 Euro kostet das Projekt im Jahr. Mark Oettes neueste Idee: ein kleiner Bus, den er zu einer Praxis umgerüstet hat. Denn in Köln selbst gibt es immerhin noch Caya, aber im Umland fehlen solche Angebote.
Für Gesundheit gibt Deutschland mehr Geld aus als jedes andere europäische Land. Gesünder sind die Deutschen trotzdem nicht. In Sachen Prävention nämlich liegt Deutschland hinten.
04.12.2025 | 2:04 minAm Nachmittag kommt Hassan aus dem Iran mit seinem Rollstuhl herein. Er hat viele Krankheiten, unter anderem Multiple Sklerose und offene Wunden an den Füßen. Das ist sehr häufig unter den Obdachlosen. Julia Isselstein kann sich kaum mit ihm verständigen, aber sie bleibt freundlich und geduldig.
Seine Wunden werden versorgt und er soll in zwei Tagen wiederkommen. Ob das klappt, wissen sie nie. Aber Hassan rollt mit vielen Dankeschöns aus der Praxis. Denn es ist nicht nur medizinische Versorgung, die sie geben, sondern auch Wärme und Wertschätzung.
Ina Baltes ist Reporterin im ZDF-Studio in Düsseldorf.
Mehr zum Thema medizinische Versorgung
Reinhardt fordert rasche Reform:Ärztepräsident warnt vor "Versorgungsnotstand"
mit Video3:03- Interview
Gesundheitssystem Niederlande:Wo Gesundheit effizient und bezahlbar ist
mit Video1:44