Ungarn erinnert an Vertreibung von Deutschen vor 80 Jahren

Vertreibung vor 80 Jahren:Ungarn erinnert an vertriebene Deutsche

Marcel Burkhardt

von Marcel Burkhardt

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Am 19. Januar 1946 wurden die ersten Ungarndeutschen aus ihrer Heimat vertrieben. Ein offizieller Gedenktag erinnert daran - und ist mehr als eine "Geste der Versöhnung".

Angelika Erdélyi-Pfiszterer

Angelika Erdélyi-Pfiszterer, die Leiterin des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums, beantwortet zum 80-jährigen Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen unsere Fragen.

19.01.2026 | 2:54 min

Der 19. Januar 1946 war ein kalter, trister Wintertag in Budaörs. Wohl kaum jemand würde sich heute noch daran erinnern, wenn die Kleinstadt nahe Budapest an jenem Tag nicht zum Schauplatz einer Tragödie geworden wäre.

Vertreibung der Ungarndeutschen, Archivbild

Viele Ungarndeutsche mussten 1946 ihre Heimat verlassen.

Quelle: zentrum.hu

Vor 80 Jahren mussten dort die ersten von insgesamt etwa 220.000 Ungarndeutschen in Viehwaggons ihre Heimat Ungarn in Richtung Deutschland verlassen. Das Datum markiert den Beginn einer großen Zwangsumsiedlung.

Rechts im Bild sitzt eine Frau auf der Bordsteinkante. Sie hält einen kleinen Jungen in ihrem Armen und weint. Der Junge schaut traurig in die Kamera.

Mai 1945, Kriegsende: Obwohl die Waffen in Europa schweigen, hört der Schrecken nicht auf. Deutschland, das Land der Täter, verliert seine Ostgebiete und die Bevölkerung dort ihr Zuhause.

06.07.2025 | 44:31 min

Ungarndeutsche: "So etwas darf nie wieder passieren"

Mit einem offiziellen Gedenktag erinnert der ungarische Staat heute an die Geschehnisse von damals. Angelika Erdélyi-Pfiszterer, Direktorin des Ungarndeutschen Kultur- und Informationszentrums in Budapest, sagt ZDFheute dazu:

Dieses offizielle Gedenken ist einerseits eine Geste der Versöhnung, andererseits eine Erinnerung daran, dass so etwas nie wieder passieren darf.

Angelika Erdélyi-Pfiszterer, Direktorin Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum

Bilder von Flucht und Vertreibung durch den Zweiten Weltkrieg

Etwa 14 Millionen Deutsche aus dem Osten Europas mussten infolge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen. Ihr Schicksal steht im Mittelpunkt des "Dokumentationszentrums Flucht, Vertreibung, Versöhnung", das 2021 in Berlin eröffnet wurde.

21.06.2021 | 2:57 min

Plötzliche Zwangsumsiedlung 1946 war ein Schock

Die Zwangsmaßnahmen der ungarischen Regierung hätten die Ungarndeutschen damals meist völlig unvorbereitet getroffen, erinnert Erdélyi-Pfiszterer: "Die Menschen fühlten sich doch als Ungarn - für die meisten war es deshalb ein Schock, dass sie aus ihrem Heimatland hinausgeworfen wurden", sagt sie.

Vertriebenendenkmal der Ungarndeutsche in Soroksár

Heute erinnert ein Denkmal in Soroksár an die Vertreibung.

Quelle: Wikipedia/Globetrotter19

Dieses Trauma haben viele Zeitzeugen nicht verwunden und es prägt die ungarndeutsche Gemeinschaft bis heute.

Angelika Erdélyi-Pfiszterer, Direktorin Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum

Den Zwangsumsiedlungen der deutschen Minderheiten in Ungarn und anderen mittelosteuropäischen Gebieten waren ungeheure Verbrechen Nazi-Deutschlands vorausgegangen.

Das schwarz weiße archivbild vom 05.08.1950 zeigt rund 70 000 heimatvertriebene, die vor dem stuttgarter neuen schloss gegen die abkommen von jalta und potsdam demonstrieren. gleichzeitig wurde die «charta der heimatvertriebenen» vor der oeffentlichkeit verkuendet

Versöhnung statt Vergeltung: Darauf hatten sich die "Heimatvertriebenen" 1945 eingeschworen. Für viele von ihnen war die Gewalt auch nach Ende des Krieges nicht vorbei.

05.08.2025 | 2:16 min

Siegermächte billigten Prinzip "ethnischer Trennung"

Nach dem vom Hitler-Regime im Jahr 1939 begonnenen und 1945 verlorenen Zweiten Weltkrieg, nach dem Holocaust, weiteren ungezählten Kriegsverbrechen und vielen Millionen Toten, beschlossen die Siegermächte im Juli 1945 auf der Potsdamer Konferenz die Neuordnung Europas - und die systematischen Zwangsumsiedlungen der Deutschen aus den Ostgebieten nach Westen.

Die Regierungschefs der USA und Großbritanniens stimmten mit dem sowjetischen Führer Josef Stalin darin überein, dass die in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn verbliebenen Deutschen nach Deutschland geordnet und möglichst "human" umgesiedelt werden sollten.

"Man kann nicht davon sprechen, dass es in Potsdam Einspruch gab seitens der Westmächte gegen diese Massenvertreibungen", ordnet die Historikerin Gundula Bavendamm ein.

"Auch Churchill als britischer Premier hat schon relativ früh sehr deutlich gesagt, dass er Vertreibungen aus ethnischen Gründen richtig und wichtig fand", sagte Bavendamm, Direktorin der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung in Berlin, in der Sendung ZDF Terra X History.

Flucht und Vertreibung

Als die Rote Armee 1945 die Ostfront durchbricht, begeben sich Hunderttausende auf die Flucht.

06.10.2011 | 4:33 min

Christiane Hoffmann, von 2022 bis 2025 erste stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Journalistin und Tochter eines Heimatvertreibenen, schreibt dazu einordnend in ihrem Buch "Alles, was wir nicht erinnern - Zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters":

Ethnisch reine Nationalstaaten, das war die Idee.

Christiane Hoffmann, Buchautorin

Das Kalkül dahinter: Ohne ethnische Minderheiten würde es friedlicher zugehen in den europäischen Nationalstaaten.

7,5 Millionen Deutsche verloren Heimat durch Vertreibung

Durch das "reinen Tisch machen", wie Großbritanniens Premier Winston Churchill die geplanten Zwangsumsiedlungen bezeichnete, verloren etwa siebeneinhalb Millionen Deutsche ihre Heimat - etwa in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und der Tschechoslowakei.

Zusammengenommen mit den Menschen, die bereits gegen Ende des Zweiten Weltkrieges vor dem Vormarsch der Sowjetarmee aus den deutschen Ostgebieten geflüchtet waren, beläuft sich die Gesamtzahl der Betroffenen auf zwölf bis 14 Millionen Menschen.

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Flucht und Vertreibung heute und damals. Ein junger Syrer begibt sich auf Spurensuche.

01.05.2022 | 44:40 min

Hoffnung auf Lehren für heutige Konflikte

Erdélyi-Pfiszterer verbindet mit der Erinnerung an die Geschehnisse von damals auch "die Hoffnung auf eine Lehre für unsere heutige Zeit, in der leider erneut Kriege und Konflikte, Flucht und Vertreibung das Leben von vielen Millionen Menschen weltweit prägen". Sie sagt:

Zwangsvertreibungen sollten keiner Volksgruppe je wieder passieren.

Angelika Erdélyi-Pfiszterer, Direktorin Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum

Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 19.01.2026 um 17:04 Uhr.

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