Kenia: Zwischen Scham und Schulpflicht :"Den Mädchen zeigen, dass Menstruation etwas Normales ist"
von Natalia Bieniek, Nairobi
Wo Aufklärung und Produkte fehlen, wird die Periode schnell zur Belastung. Eine Initiative in Kenia stattet Mädchen mit wiederverwendbaren Binden aus - und bezieht Jungen mit ein.
In Kenia verpassen viele Mädchen den Unterricht, weil Periodenprodukte nicht verfügbar sind. Eine Initiative setzt auf wiederverwendbare Binden und möchte Tabus rund um die Menstruation abbauen.
20.04.2026 | 4:18 minDer Morgen bricht langsam über Apokor an, einem Dorf im Westen Kenias. Sharon Ekisa hält ihren zehn Monate alten Sohn im Arm. Er bekommt seine erste Mahlzeit des Tages. Für Sharon bleibt das Frühstück heute wieder aus. Trotzdem macht sie sich fertig für die Schule - denn sie weiß, wie leicht Bildung verloren gehen kann:
Ich blieb der Schule fern, weil ich keine Binden hatte. Jedes Mal, wenn ich ohne Binde hinging, lief das Blut durch. Es war beschämend, in diesem Zustand unter anderen zu sein.
Sharon Ekisa, Schülerin aus Kenia
Die 19-Jährige erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie ihre erste Periode bekam. Sie war in der Schule, als eine Freundin sich zu ihr vorbeugte und leise sagte, dass die Rückseite ihres Rocks blutig sei.
"Ich war schockiert. Ich sagte ihr, dass ich so etwas noch nie erlebt hatte und nicht wusste, was los war", erzählt Sharon Ekisa.
Für viele Frauen bedeutet die Menstruation eine erhebliche finanzielle Belastung: Oft haben Mädchen und Frauen nicht genug Geld, um sich ausreichend Hygieneprodukte leisten zu können. Re: begleitet Betroffene und Aktivistinnen in Deutschland und Polen, die helfen und das Thema Periodenarmut aus der Tabuzone holen wollen.
13.03.2026 | 30:02 minKein Geld für Periodenprodukte
Ihre Lehrerin schickte sie nach Hause. Doch dort wartete keine Lösung. Ihre Mutter erklärte ihr, dass sie kein Geld für Binden habe. Stattdessen riss sie ein Stück Stoff ab und bat Sharon, eine Unterhose zu holen - eine improvisierte Lösung, die viele Mädchen in Kenia kennen, denn ihre Familien können sich Binden oder gar Tampons nicht leisten.
Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA), der sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen fördert, verpassen in Kenia eine Million Mädchen deshalb jeden Monat mehrere Schultage.
Ab der ersten Menstruation bis zur Menopause reguliert ein hormoneller Regelkreis den weiblichen Körper, um ihn auf eine mögliche Schwangerschaft vorzubereiten.
13.06.2022 | 2:33 minDie Periode ist nicht nur eine finanzielle Belastung, sondern auch ein Tabu, erklärt Lehrerin Grace Olima: "Bei uns hier sprechen Eltern nicht offen mit ihren Töchtern über Menstruation - vor allem die Väter nicht. Viele Väter bringen es nicht einmal über sich, den Mädchen eine Packung Binden zu kaufen."
Für manche Mädchen wird das gefährlich:
Es passiert, dass Mädchen, wenn sie keine Aufklärung haben, zu jungen Männern gehen, die ihnen dann Binden kaufen - und sie dafür ausnutzen.
Grace Olima, Lehrerin aus Kenia
Für einige Mädchen scheint der einzige Ausweg zu sein, sich von Männern Periodenprodukte finanzieren zu lassen.
Hilfsorganisation stellt wiederverwendbare Binden her
Organisationen wie "Imelas Mission" wollen das ändern. Gegründet von Lehrerin Merab Imela Imai, stellt die lokale Initiative wiederverwendbare Binden in Handarbeit her und verteilt sie an bedürftige Schülerinnen und junge Mütter.
Wir wollten Mädchen und Frauen stärken - ihnen zeigen, dass Menstruation etwas vollkommen Normales ist, etwas, das sie ein Leben lang begleitet und dort beginnt, wo Leben entsteht.
Merab Imela Imai, Gründerin Imelas Mission
Die selbstgenähten Binden bestehen aus Flanell, PVC und Baumwolle; die neueste Version hat austauschbare Einlagen. Kleine Beutel, die dazugehören, ermöglichen es, sie sicher und diskret aufzubewahren, bis sie zu Hause ausgewaschen werden können.
Das ist entscheidend, denn nur etwa die Hälfte der Schulen in Subsahara-Afrika verfügt überhaupt über einfache sanitäre Anlagen. Und nur 37 Prozent bieten laut WHO und UNICEF die Möglichkeit, sich die Hände zu waschen.
Die Kenianerin Mary Mwangi hat den Brustkrebs überlebt und strickt nun bunte Brustprothesen - als Therapie und um weiteren Betroffenen eine Alternative zu teuren Silikon-Prothesen zu bieten.
04.02.2026 | 1:23 minAufklärung auch für Jungen
Imelas Mission setzt aber nicht nur auf Produkte, sondern auch auf Aufklärung an Schulen - bewusst gemeinsam mit Jungen. Denn häufig sind sie es, die Mädchen hänseln, wenn Blut sichtbar ist. Beide Seiten sollen Verständnis gewinnen und ihre Scham verlieren.
"Viele Mädchen schämen sich für ihre Periode, weil sie glauben, die Jungen würden das sowieso nicht verstehen", sagt der 19-jährige Schüler Miriago Andrew, der an einem der Workshops an der Apokor-Highschool teilgenommen hat. "Aber jetzt merken sie: Die Jungen sind aufgeklärt und können damit umgehen."
Auch Sharon Ekisa hat an ihrer Schule einen Beutel mit wiederverwendbaren Binden erhalten. Für die junge Mutter ist es ein wichtiger Schritt: zurück in den Unterricht und hin zu mehr Selbstbestimmung.
Mehr zum Thema weibliche Gesundheit
In letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt:Studie: Zahl von Endometriose-Patientinnen stark gestiegen
mit Video4:03Ungesehen und ungeheilt:Wie Frauen in der Medizin übersehen werden
von Britta Behrendt, AmsterdamStudie aus Japan:Als Frau besser zu einer Ärztin gehen?