Vergessene Krisengebiete "Rückzug aus der Solidarität"

Notarzt Stöbe zu fehlenden Hilfsgeldern:"Internationale Solidarität gehört zu unserer Verantwortung"

|

Immer mehr Staaten kürzen ihre Hilfsgelder. Tankred Stöbe ist Notarzt und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen. Er warnt vor den Folgen für die Menschen in den Krisengebieten

Tankred Stöbe im "Volle Kanne"-Studio

Mediziner Tankred Stöbe ist zu Gast in der Vollen Kanne und spricht unter anderem über die Kürzungen in der Entwicklungshilfe.

19.08.2026 | 79:43 min

ZDFheute: Immer mehr Krisen konkurrieren um Aufmerksamkeit. Erleben Sie, dass manche Notlagen aus dem Blick geraten?

Tankred Stöbe: Ja. Wir sehen oft nur die Krisen, die gerade Schlagzeilen machen, während andere Notlagen kaum noch wahrgenommen werden. Für die betroffenen Menschen ändert das nichts an ihrer Situation. Sierra Leone etwa, mein möglicherweise nächstes Einsatzland, haben viele gar nicht mehr im Bewusstsein. Dabei sind die Gesundheitsdaten schwierig, die Mütter- und Kindersterblichkeit hoch und große Armut weiterhin ein Thema.

Ein Stand in Simbabwe ist zusehen, bei dem über HIV und Aids beraten wird und Behandlungsmöglichkeiten angeboten werden.

HIV-Infektionen im Süden Afrikas sind hoch. Doch in den letzten Jahren sind sie gesunken dank neuer Schutz-Medikamente und Vorsorge. Finanzielle Kürzungen gefährden jetzt diese Erfolge.

30.07.2026 | 1:42 min

ZDFheute: Viele große Geberländer fahren ihre Hilfsgelder zurück. Welche Auswirkungen hat das auf die humanitäre Hilfe?

Stöbe: Wir sehen die Folgen bereits. Ärzte ohne Grenzen ist zwar fast ausschließlich privat finanziert und deshalb selbst kaum betroffen. Aber viele andere Organisationen müssen Personal abbauen oder Projekte einstellen. Manche verlassen sogar ganze Länder, weil sie ihre Arbeit nicht mehr finanzieren können.

ist Notarzt, Internist und seit 2002 für Ärzte ohne Grenzen in Krisengebieten weltweit im Einsatz. Er arbeitete unter anderem in Syrien, Afghanistan, der Ukraine, Haiti und Sierra Leone. Als einer der bekanntesten Vertreter der Organisation in Deutschland macht er regelmäßig auf humanitäre Notlagen und vergessene Krisen aufmerksam. (Quelle: ZDF)


ZDFheute: Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Stöbe: Es hat ja angefangen mit USAID - dass diese größte nationale Organisation, die fast die Hälfte des globalen Budgets für Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe gesponsert hat, ihr Budget dramatisch gestrichen hat.

Man hätte erwarten können, dass Europa stärker einspringt. Das passiert aber nicht. Im Gegenteil: Auch Deutschland spart bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe massiv ein. Das halte ich für zynisch, weil es die Menschen trifft, die ohnehin am verletzlichsten sind.

Reformplan "Zukunft zusammen global gestalten" zur Neuausrichtung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit

Die USA setzen neue Prioritäten, westliche Bündnisse geraten ins Wanken – mit spürbaren Auswirkungen auf die deutsche Entwicklungshilfe, auf die die zuständige Ministerin nun reagiert.

12.01.2026 | 1:33 min

ZDFheute: Wird sich das auch auf Europa auswirken?

Stöbe: Davon bin ich überzeugt. Wenn die Unterschiede zwischen superreichen und superarmen Ländern weiter wachsen, kann das bereits bestehende Konflikte verschärfen und zu mehr Fluchtbewegungen führen.

Alles, was wir heute an Unterstützung und Vorsorge einzusparen glauben, wird uns später einholen.

Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

Zudem können wir es uns nicht leisten zu sagen, dass uns Länder in Afrika oder Südostasien nichts angehen. Diese internationale Solidarität gehört zu unserer Verantwortung.

ZDFheute: Neben den Kürzungen beobachten Sie noch eine weitere Entwicklung mit Sorge: Angriffe auf Krankenhäuser und medizinisches Personal.

Ein Mann geht in einem von einem russischen Luftangriff beschädigten Gebäude einer Entbindungsklinik in Odessa, Ukraine.

Bei russischen Drohnenangriffen auf die Hafenstadt Odessa ist ukrainischen Angaben zufolge ein Mann getötet worden. Ein Krankenhaus und mehrere Wohngebäude seien getroffen worden.

28.03.2026 | 0:18 min

Stöbe: Das ist eine der schockierendsten Entwicklungen der vergangenen Jahre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im humanitären Völkerrecht klar festgelegt, dass Krankenhäuser, Gesundheitsstationen, Ärztinnen, Ärzte und Pflegende geschützt werden müssen.

Auch im Krieg braucht es Regeln.

Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

Lange wurde das zumindest weitgehend respektiert. Seit etwa zehn Jahren sehen wir jedoch immer häufiger Angriffe auf medizinische Einrichtungen.

ZDFheute: Wie erleben Sie das in den Krisengebieten?

Stöbe: In der Ukraine habe ich an der Front in Krankenhäusern gearbeitet und viele weitere besucht. Es gibt dort praktisch kein Krankenhaus, das nicht bombardiert worden ist, oft sogar mehrfach. In Gaza sind rund 80 Prozent der Krankenhäuser zerstört oder nicht mehr funktionsfähig. Ähnliche Entwicklungen sehen wir im Sudan.

ZDFheute: Was bedeutet das für die Menschen vor Ort?

Stöbe: Wer schwer krank ist, befindet sich ohnehin in einer extrem verletzlichen Situation.

Wenn selbst Krankenhäuser nicht mehr sicher sind und bombardiert werden, ist das das denkbar schlimmste Szenario.

Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen

Menschen verlieren den Zugang zu medizinischer Hilfe genau dann, wenn sie sie am dringendsten benötigen.

Menschen füllen in Khartum Wasserbehälter an einer kostenlosen Ausgabestelle.

Die Welthungerhilfe hat trotz weltweiter Kürzungen von Hilfsgeldern 2025 mehr Projekte finanziert als im Vorjahr. Die höchste Förderung erhielten der Südsudan, der Sudan und die Ukraine.

16.07.2026 | 0:30 min

ZDFheute: Was müsste sich ändern?

Stöbe: Das humanitäre Völkerrecht wird jeden Tag gebrochen. Und zwar nicht nur von einzelnen Gruppen, sondern vermehrt von Staaten. Das darf nicht hingenommen werden. Es kann nicht sein, dass in der Ukraine, in Gaza oder anderen Konflikten Kranke, Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte sterben, weil grundlegende Regeln des Völkerrechts missachtet werden.

Das Interview führte ZDF-Moderator Florian Weiss. Zusammengefasst wurde es von Manuela Christ.

Über dieses Thema berichtete das ZDF in der Sendung "Volle Kanne" am 19.08.2026 ab 09:05 Uhr.
Thema