"Feigenbaum"-Film im Kino:Meisterwerk von Rasoulof - made in Germany
Die Chancen stehen richtig gut, dass ein deutscher Film den Oscar als bester internationaler Film gewinnt. "Die Saat des heiligen Feigenbaums" ist ein Meisterwerk made in Germany.
"Die Saat des heiligen Feigenbaums" ist ein Film, den man nicht so schnell vergisst. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, man leidet und bangt vor allem mit den jungen Heldinnen mit.
Film verwebt Videos aus dem Internet mit der Handlung
Der Film spielt während der Massenproteste im Iran, als nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini das Regime der Mullahs ins Wanken geriet. Die Videos, die damals im Netz um die Welt gingen, hat der Regisseur genial mit der Handlung verwoben; ihnen verdankt er seine stärksten Momente.
In einem emotionalen Interview schilderte die Schauspielerin Mahsa Rostami ihre Erfahrungen auf den Straßen Teherans: "Wenn Du auf der Straße läufst, starren Dich die Menschen aggressiv an. Wenn Du dein Kopftuch abnimmst, belehren sie Dich, werden handgreiflich, schlagen Dich."
Der Film erzählt von zwei jungen Frauen, deren Vater ein Handlanger des Regimes ist. Er wird am Revolutionsgericht zum Ermittlungsrichter befördert und soll fortan Anklagen verfassen und Todesurteile fordern.
Der Film "Die Saat des heiligen Feigenbaums" von Regisseur Mohammad Rasoulof ist ab 26. Dezember im Kino zu sehen.
In der Haut eines Täters - der etwas andere Familienfilm
Es ist ein kluge Drehbuchentscheidung, den Vater nicht als brutalen Patriarchen zu zeichnen, sondern als netten Kerl, der seine Töchter innig liebt und zunächst von moralischen Skrupeln geplagt wird. Doch eine neue Wohnung und ein höheres Gehalt scheinen ihm verlockend genug, um alle Bedenken über Bord zu werfen. Wie wird ein Mann zum Monster in den eigenen vier Wänden?
Regisseur Mohammad Rasoulof interessiert sich für Menschen, die von der Macht korrumpierbar sind. "Wie genau kommt ein Mensch an den Punkt, an dem er irgendwann einknickt? Woher kommt eigentlich diese Ergebenheit?", sagt er im ZDF-Interview.
Der Mann macht buchstäblich Karriere auf Kosten der eigenen Töchter. Für die hagelt es nämlich ab sofort Verbote. Ein Riss geht bald mitten durch die Familie. Rasoulof inszeniert einen Generationenkonflikt als großes mitreißendes Drama. Die Familie fungiert dabei als Staat en miniature - bestehend aus Tätern, Mitläufern und Regimekritikern.
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15.12.2024 | 2:58 minFür einen Film sein Leben aufs Spiel setzen
Um so einen Film zu machen, der ein Schlag ins Gesicht der iranischen Dikatoren ist, braucht es Mut. Und den hat Regisseur Mohammad Rasoulof. Er hat viel riskiert für sein Werk. Die Dreharbeiten fanden im Verborgenen statt, mit kleinem Team, weite Teile spielen in Innenräumen. Rasoulof selbst hat remote Regie geführt, war nicht am Set anwesend.
Die Mullahs haben den Regisseur zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Rasoulof hatte bereits für mehrere Monate im Gefängnis gesessen und wollte nicht, dass das Regime "ein Opfer" aus ihm mache, nur weil er ein Filmemacher sei. "Ich wollte nicht das Bild eines Opfers abgeben", sagt er. Schon seit langem war sein Pass eingezogen worden, ihm blieb nur eine Ausreise über die Berge. Mehrere Wochen war er unterwegs, teilweise zu Fuß. Seit Mai ist er in Deutschland in Sicherheit.
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Wieso ist das eigentlich ein deutscher Film?
Für das deutsche Kino ist "Die Saat des heiligen Feigenbaums" ein Glücksfall. Denn obwohl der Regisseur Iraner ist und im Film Farsi gesprochen wird, ist es ein deutscher Film und das wird tatsächlich - typisch deutsch - offiziell bestätigt vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.
Für die Oscarakademie ist entscheidend, dass eine deutsche Firma mit majoritär deutschem Geld den Film produziert hat. Und dass wichtige Teammitglieder in Deutschland ihren Wohnsitz haben. Dies gilt auch für Rasoulof, dessen Produktionsfirma in Hamburg ansässig ist. Weil die Regularien so sind, ist Wim Wenders 2024 für Japan ins Oscarrennen gegangen und der Film "The Zone of Interest", in dem ausschließlich deutsche Schauspieler deutsch sprechen, für Großbritannien.
Deutschland als Zufluchtsstätte für verfolgte Künstler
Deutschland ist zur wichtigen Zufluchtsstätte für verfolgte Künstler aus aller Welt geworden. Wir sollten stolz darauf sein, dass wir diesen Menschen ermöglichen, als Künstler frei zu arbeiten. Wenn am Ende ein Oscar für Deutschland dabei herausspringt - umso besser.
Mohammad Rasoulof sei "sehr erfreut" gewesen, dass Deutschland seinen Film eingereicht habe. "Die Leute, die diesen Film ausgewählt haben für eine Oscar-Nominierung, haben ihre Arme ausgebreitet für die Begegnung von Kulturen." Den Oscar hätte er verdient, es ist nämlich in der Tat der beste deutsche Film des Jahres.
Teresa Corceiro ist Redakteurin und Autorin für 3sat Kulturzeit.
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